Neusprech mit "Zwanzigeins" Das Drehwurm-Desaster beim Zählen

Die Krux mit den verdrehten Zahlen führt in die Bildungsmisere, schimpft der Mathematiker Lothar Gerritzen und streitet für eine Sprachreform. Statt "Einundzwanzig" will er lieber "Zwanzigeins" sagen - und nun sogar Kanzlerin Merkel für sein Anliegen gewinnen.

Von Almut Steinecke


Der Engländer sagt "twenty-one" (zwanzigeins), der Franzose "vingt et un" (zwanzig und eins), und ähnlich abgehackt klingen die Zahlen auch in fast allen anderen modernen Sprachen. Nur die Deutschen setzen auf weichschwingende Wortmelodien bei den Zahlen 13 bis 99. Dafür verdrehen sie die Ziffern, indem sie sie von rechts nach links sprechen - etwa bei "Einundzwanzig".

Zahlensalat: Zählen als Ursache der Bildungsmisere?
DDP

Zahlensalat: Zählen als Ursache der Bildungsmisere?

Ein Reizthema für Lothar Gerritzen: Unermüdlich prangert der 64-jährige Mathematikprofessor der Ruhr-Universität Bochum die "Unsinnigkeit der deutschen Leseweise von Zahlen" an. Es wirkt fast ein wenig sektiererisch, aber mit heiligem Ernst werben Gerritzen und seine Mitstreiter aus anderen akademischen Disziplinen für eine Reform der Sprechweise. Sie wollen die Öffentlichkeit für das vermeintliche Drehwurm-Desaster sensibilisieren: Nach Gerritzens Ansicht ist es ein Stolperstein im Unterricht, der zu vermeidbaren Bauchlandungen vor allem rechenschwacher Kinder führe.

Gerade im Moment, so findet der Professor, stehen die Zeichen nun "günstig wie nie", um die von ihm geforderte Reform ins Rollen zu bringen. "Wir sind zurzeit in einem Prozess der europäischen Einigung. Und wir haben eine Große Koalition in Berlin." Die argumentiere schließlich stets damit, dass Deutschland ohne Reformen international abgehängt werde. Grund genug für Professor Gerritzen zu handeln: In den kommenden Monaten plant er mit seinem Verein "Zwanzigeins" einen Brief an Angela Merkel, in dem er die Kanzlerin ersuchen will, die verdrehte Zählweise eingehend zu überprüfen.

Zusätzliche Verwirrung für Rechenschwache?

Unterdessen äußern Sympathisanten seines Vereins leise Bedenken. So etwa Manfred Bormann, 72, emeritierter Rektor der Ruhr-Universität Bochum, der Gerritzens Plänen nicht ganz so viele Chancen einräumt. "Da müssten sich schon die Deutschen Gesellschaften für Mathematik oder Erziehungswissenschaften dahinter stemmen", sagt Bormann. "Wenn ein Verein wie ,Zwanzigeins' ein solches Anliegen verfasst, bleibt das womöglich in der Staatskanzlei hängen."

Grafik: Pisa 2003 Mathematik
DER SPIEGEL

Grafik: Pisa 2003 Mathematik

Eine Sorge, die Lothar Gerritzen nicht teilt. Stattdessen holt sich der Bochumer Professor ständig neue Mitstreiter ins Boot. Zum Beispiel in Gestalt von Inge Palme, der Landesbeauftragten für Dyskalkulie (Rechenschwäche) vom "Landesverband Legasthenie & Dyskalkulie NRW". Rund fünf Millionen Kinder in Deutschland seien von einer Rechenschwäche betroffen, weiß Palme. Für diese Sorgenschüler stelle die verdrehte Aussprache der Zahlen 13 bis 99 im Deutschen ein nicht zu unterschätzendes Lernhindernis dar: "Für die Kinder ist das eine Katastrophe."

Auch Sigrid Eiskirch, 61, Rektorin der Bochumer Waldschule unterstützt den Reform-Ruf des Professors. Eiskirch, zugleich Vorstandsmitglied des Vereins "Zwanzigeins", hat seit dem aktuellen Schuljahr die Einführung der nicht verdrehten Sprechweise deutscher Zahlen an ihrer Grundschule durchgesetzt - in Absprache mit den Elternvertretern.

Kinder sollen die Sprechwahl haben

Ihre kleinen Schützlinge können nun wählen, ob sie "neunundfünzig" sagen oder "fünfzigneun". "Wir haben aber die Erfahrung gemacht, dass Schüler vor allem im Diktat mehrstelliger Zahlen nahezu fehlerfrei abschneiden, wenn man die dekadische, also die unverdrehte Sprechweise einsetzt." Das "und" in der verdrehten Zahlsprechweise zu betonen, habe nicht ausgereicht, um bessere Lernerfolge zu erzielen, weiß Eiskirch. "Wir betonen es ja auch sonst nicht. Wir müssten ein-und-zwanzig sagen, aber tatsächlich ziehen wir die Wörter zusammen und sagen ei-nunzwanzig."

Der Mathematiker Gerritzen räumt ein, dass es auch Nachbarn gibt, die ihre Zahlen wie die Deutschen aussprechen - etwa die Niederländer und die Dänen. Und in Frankreich kann es ebenfalls kompliziert werden: 98 zum Beispiel heißt dort "quatre-vingt-dix-huit". Dennoch sieht Gerritzen den deutschen Zahlensalat sogar als mitverantwortlich für die Bildungsmisere. "Es ist nicht auszuschließen, dass deutsche Schüler einen Nachteil im internationalen Vergleich haben", begründet Gerritzen den miserablen Schnitt der Deutschen im weltweiten Schulvergleich. Inge Palme geht noch weiter. Zur Verteidigung rechenschwacher Kinder zieht sie gar einen Auszug aus Artikel 3 des Grundgesetzes heran: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden."

Hilfe für ausländische Deutsch-Sprecher

An Alarmismus mangelt es den Zahlenreformern also nicht, doch einleuchtend scheint vor allem die These, dass die dekadische Sprechweise mit "Zwanzigeins" sich besonders bei Menschen bewähre, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben. In vielen ihrer Muttersprachen wird die unverdrehte Sprechweise genutzt.

Der 28-jährige Onise Kheladze, der in Georgien ein Medizinstudium abgeschlossen hat und zurzeit an der Bochumer Ruhr-Universität die deutsche Sprache lernt, um hier seinen Facharzt anzuschließen, würde sich beispielsweise die unverdrehte Sprechweise wünschen. "Beim Bezahlen im Supermarkt muss ich immer auf das Display der Kasse gucken, um zu sehen, welchen Betrag die Kassiererin von mir haben will", erzählt Kheladze.

Ganz anders die aus der Ukraine stammende Kateryna Pashko: Die 24-Jährige tut sich eher mit der unverdrehten Aussprache schwer, kneift die Augen zusammen und muss sich erst einige Sekunden konzentrieren, bevor sie das kantige "Zwanzig...eins!" hervorpresst. Die Studentin grinst entschuldigend. "'Einundzwanzig' zu sagen, fällt mir ehrlich leichter, vielleicht weil ich Musik studiert habe?"

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