Streit um Uni-Leitfaden "Australien wurde besetzt, nicht besiedelt"

Eine australische Uni fordert ihre Studenten auf, mehrere Wörter künftig zu meiden, um Ureinwohner nicht zu diskriminieren - darunter "Siedlung" und "Entdeckung". Einige Australier sind entsetzt.

Graffiti an Cooks Elternhaus: Kritikern gilt der australische Nationalfeiertag als Schande
DPA

Graffiti an Cooks Elternhaus: Kritikern gilt der australische Nationalfeiertag als Schande


"Australien wurde nicht friedlich besiedelt, es wurde besetzt und kolonisiert. Wer die Ankunft der Europäer als 'Siedlung' bezeichnet, betrachtet die australische Geschichte eher von den britischen Küsten aus als von den australischen."

So steht es in einem Leitfaden der australischen New South Wales University für Studenten und Lehrkräfte. Rund zwei Dutzend Wörter werden als diskriminierend für australische Ureinwohner aufgelistet, darunter "Siedlung" und "Entdeckung". Kapitän Cook habe das Land nicht entdeckt, er habe lediglich die Ostküste kartografiert, heißt es in dem Leitfaden, der in Australien und Großbritannien für Wirbel sorgt.

"UNSW schreibt Geschichtsbücher um", titelte der konservative australische "Daily Telegraph". "Universität sagt Studenten, Großbritannien sei in Australien 'eingefallen'", schreibt die britische BBC. Die Uni verteidigt ihre Leitlinie: Es handele sich um eine Empfehlung und nicht um eine Vorschrift.

Cook hatte 1770 das erste britische Schiff kommandiert, das an der Ostküste Australiens festmachte. Knapp 18 Jahre später folgte die "Erste Flotte", die dort eine Strafkolonie gründete. Ihre Ankunft wird in Australien jedes Jahr am 26. Januar gefeiert, dem Nationalfeiertag.

Gegner bezeichnen den 26. Januar 1788 als "Tag der Invasion". An diesem Tag sei den Aborigines australischer Boden weggenommen und den britischen Kolonialisten gegeben worden - ohne Vertrag.

Aus Protest gegen die Feierlichkeiten wurde das Elternhaus des britischen Entdeckers James Cook schon mehrmals verschandelt. Das historische Haus war aus England nach Australien gebracht und dort Stein für Stein wieder aufgebaut worden.

vet

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Ossifriese 30.03.2016
1. Wahrheit
Es wird wohl langsam Zeit, die "kolonialistische" Brille abzusetzen und anzuerkennen, dass tatsächlich die halbe Welt von Europäern mit Gewalt okkupiert und den jeweiligen Ureinwohnern weggenommen wurde. Bis heute gehen die "weißen" Okkupanten sehr zögerlich mit dieser schlichten Wahrheit um. Und Konsequenzen? So gut wie keine. Ein bisschen folkloristische Anerkennung und das wars dann schon...
MoorGraf 30.03.2016
2. Geburtshaus verschandeln ist eine Schande
Natürlich geht es gar nicht, historische Denkmäler zu verschandeln! Aber natürlich haben die Aborigines das Recht, ihre Eroberung auch Eroberung zu nennen und nicht Besiedelung! Es würde doch auch kein Deutscher die Vertreibung der Schlesier als eine "Besiedelung durch Polen" bezeichnen, oder? Juristisch ändert das nichts am Status Quo, Schlesien ist heute mehrheitlich von Polen bewohnt, die Nachfahren der Engländer haben sich mit den Nachfahren der Aborigines auf ein halbwegs faires Miteinander geeinigt, aber deswegen so zu tun, als ob die Sichtweise der englischen Eroberer nun die einzige gültige Betrachtungsweise der australischen Historie wäre, ist auch ein bisschen anmaßend Wenn da eine australische Uni an fairen Umgang mit der Geschichte erinnert, finde ich das sehr, sehr gut!
redbayer 30.03.2016
3. Das gefällt den europäischen
Aggressoren wohl überhaupt nicht. Seit 400 Jahren sind sie dabei die ganze Welt zu besetzen und auszubeuten. In den Geschichtsbüchern steht dann "Zeit der Entdeckung, Eroberung und Besiedlung". Der amerikanische Kontinent wurde von Millionen von Europäern überschwemmt, die wiederum Millionen der eingeborenen Indianer umgebracht und sich dafür Millionen von Arbeitssklaven aus Afrika geholt haben. In Australien, Neuseeland war es etwas moderater (Strafkolonie) trotzdem widerlich und Menschen verachtend. Das ausgerechnet diese Spezies der Europäer heute sich als Gutmenschen der Welt aufspielen (siehe die Deutschen) wird sich noch rächen. Wenn erst die anderen Kulturen der Welt sich gegen diese Europäer wehren (siehe aktuell die arabisch-muslimischen Länder).
BetaVersion 30.03.2016
4. Der Gewinner schreibt die Geschichtsbücher...
... das war schon immer so. Klar kann man versuchen das zu verändern, aber das ändert nicht an der Tatsache, dass die Gewinner gewonnen haben und die Verlierer verloren. Mir erscheint die Aktion ziemlich einfältig, da stellt sich nämlich sofort die Frage, wie weit zurück man die Geschichte umschreiben soll...
Ossifriese 30.03.2016
5. Gerechtigkeit
Nein - aber Sie haben vollkommen Recht! Man könnte sogar noch weiter zurückgehen... nur macht das sicher noch weniger Sinn. Im Grunde aber sollten alle Okkupationen, Vertreibungen und Völkermorde als Verbrechen anerkannt werden. Es geht schlicht um das Bewusstsein, um die Anerkennung von Untaten, die bisher unter dem Deckmantel der Siegergeschichtsschreibung unter den Tisch fielen oder verschönt wurden. Denn schließlich sind die Ainu in Nordjapan, manche Stämme des indoasiatischen Kontinents bis heute Menschen zweiter Klasse, weil sie einer unterlegenen Gemeinschaft angehören. Und es ist nun einmal so, dass die Europäer in die Welten anderer Völker auf mehreren (!) Kontinenten (!)eingefallen sind und bis heute unterdrücken und beherrschen. Man kann das als "normale" Spuren zivilisatorischer Tätigkeit ansehen, aber richtig ist, das Kind beim Namen zu nennen: Es ist und war ein Verbrechen. Und möglicherweise wird eines Tages wirklich ein Gerichtshof über diese Verbrechen zu urteilen haben. Gerecht wäre es...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.