New Yorker Wirtschaftsstudenten "Sicher schwindet unser Marktwert im Moment"

Ihre Börsenträume scheinen unkaputtbar. Das Erdbeben an der benachbarten Wall Street schürt bei Business-Studenten der Columbia University keine Panik. Sie sehen weiter gute Jobaussichten - und deuten die Krise als Chance, in New York am Puls des Geschehens zu sein.

Von Sebastian Moll, New York


Eine Traube von mindestens zwei Dutzend Studenten hat sich in der Eingangshalle der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät versammelt und starrt wie gebannt auf einen übergroßen Flachbildschirm, der hier von der Decke baumelt. Von morgens um neun bis zur Schlussglocke mittags um vier flimmern die aktuellen Börsenkurse von der Wall Street durch den hohen Raum. Und seit dem Crash in der vergangenen Woche lassen die MBA-Anwärter der New Yorker Columbia University die Werte nur aus dem Auge, wenn sie unbedingt in ein Seminar müssen.

"Die Banken-Notierungen gehen alle hoch", raunt einer. "Ja, aber Einzelhandel geht runter. Der Markt kann sich heute nicht so recht entscheiden", kommentiert ein anderer.

Columbia ist eine der besten Business-Schools des Landes - und die Wall Street quasi um die Ecke. Kein Wunder, dass die Börse und die prekäre wirtschaftliche Gesamtlage hier auf dem vornehmen Campus an der 116ten Straße seit anderthalb Wochen Dauerthema sind. "Natürlich reden wir ständig darüber, was da passiert", sagt Don Baxter, 27, Sprecher der Studentenschaft.

Praxisübung im positiven Denken

Der gebürtige Engländer hat als Unternehmensberater im Finanzbereich gearbeitet, bevor er sich entschloss, einen höheren Abschluss zu machen. Er will im kommenden Frühjahr das Studium beenden und dann zurück ins Consulting. "Es gibt kaum noch eine normale Lehrveranstaltung, das Thema überschattet alles", schildert er die Stimmung unter den Wirtschaftsstudenten.

Allerdings sei an der Columbia Business School weder Panik noch tiefe Depression wegen der Baisse ausgebrochen. Die Columbia-Studenten, von denen viele einmal an die Wall Street wollen, seien zwar "sehr besorgt". Die meisten, sagt Baxter, während er auf den Stufen der monumentalen Universitätsbibliothek mit einem Sandwich in der Mittagssonne sitzt, fänden die Situation jedoch vor allem eines - spannend: "Es ist überhaupt nicht so, dass die Leute hier plötzlich ihr Studium hinschmeißen wollen, um etwas ganz anderes zu machen. Im Gegenteil, die meisten sehen es als Glück an, dass sie zu einem so historischen Zeitpunkt hier sind, direkt am Puls des Geschehens."

Die Studenten der Elite-Universität versuchen die Krise als Chance und Herausforderung zu sehen - es ist eine Praxisübung im positiven Denken, einem Klassiker unter den amerikanischen Tugenden. "Sicher schwindet unser Marktwert im Moment", so Baxter. "Aber es gibt hier sowieso kaum jemanden, der nur darauf aus ist, ein schnelles Vermögen an der Wall Street zu machen." Für die große Mehrheit der Business-Studenten sei der Multi-Millionen-Dollar-Bonus nicht die Hauptmotivation. "Ich glaube, viele hier sehen das als einzigartige Gelegenheit, zum Umbau der amerikanischen Wirtschaft beizutragen und wirklich etwas zu bewirken."

"Eine spannendere Zeit gibt es nicht"

Jamie Obletz ist wie sein Kommilitone Don Baxter in seinem zweiten Jahr an der Columbia, im kommenden Frühjahr wird er anfangen zu arbeiten. Seinen Job hat er schon sicher, und zwar "bei einer global operierenden Investmentbank", wie er sagt. Bei dieser Bank hat Obletz im Sommer ein Praktikum gemacht, danach wurde ihm versprochen, dass er übernommen wird. Daran habe sich auch durch das Finanzdebakel der vergangenen Woche nichts geändert: "Ich habe mehrmals in den letzten Tagen mit meinem zukünftigen Arbeitgeber telefoniert. Das Angebot steht."

Auch Obletz selbst hat seit dem schwarzen Montag an der Wall Street nie an seinem eingeschlagenen Berufsweg gezweifelt. "Die Wall Street wird auch in Zukunft der Ort sein, an dem alle Fäden der Weltwirtschaft zusammenlaufen", glaubt er. "Es gibt keine spannendere Zeit, um dort zu sein." Die "Street", wie sie unter Finanz-Insidern in New York nur genannt wird, sei im Moment dabei, sich neu zu erfinden. Und da möchte Jamie Obletz unbedingt mitmachen.

Die idealistische Aufbruchstimmung wird den MBA-Studenten freilich dadurch erleichtert, dass sich zumindest bislang die Jobaussichten noch nicht merklich verschlechtert haben. "Man kann vielleicht nicht mehr einfach nur auf seinem Hintern sitzen und auf die Angebote warten", sagt Obletz - man müsse schon etwas strategischer vorgehen als noch vor ein, zwei Jahren. Doch geheuert werde noch immer ungebremst.

Bianca will an die Wall Street, Börsencrash hin oder her

Selbst letzte Woche hätten, wie stets zum Semesterbeginn, alle großen Banken auf dem Campus ihre Informationsveranstaltungen abgehalten. "Sie haben uns eindringlich versichert", erzählt Jamie Obletz, "dass sie weiterhin dringend Nachwuchs suchen." Natürlich abgesehen von Lehman Brothers, einst Gigant des Investmentbankings und nun Pleiteinstitut.

Und so ist auch die nächste Generation erst einmal optimistisch. Die junge Ingenieurin Bianca Mason etwa ist in dieser Woche aus Louisiana zu einer Orientierungsveranstaltung an die Columbia University gekommen, weil sie gerne in die Finanzbranche wechseln möchte. Im schicken Kleid sitzt sie vor der "Uris Hall", der Heimat der Business School, und redet aufgekratzt von ihren Wall-Street-Träumen - Börsencrash hin oder her.

Im Herbst 2009 möchte sie hier an der Columbia anfangen, um dann, wie sie sagt, "Portfolio-Managerin" zu werden. An eine anhaltende Wirtschaftskrise glaubt sie nicht: "Bis 2011, wenn ich anfange zu arbeiten, redet keiner mehr von einer Krise."



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