Studienreise in die norwegische Wildnis So lebt es sich ohne Smartphone und Smalltalk

Das Ziel: mehr Nachhaltigkeit im Alltag. Der Weg: eine Woche Natur pur in Skandinavien - mit einer Gruppe Kommilitonen und ungewöhnlichen Aufgaben. Lorina Ostheim hat an der "Freiluftleben"-Reise teilgenommen.

Lorina Ostheim bei einer Wanderung
Clara Dembinski

Lorina Ostheim bei einer Wanderung


Um mein Quartier für die Nacht wind-, wetter- und spinnensicher zu machen, schneide ich mit dem Klappmesser drei Schlitze in die Bauplane - und mit dem letzten Schnitt auch einen in meinen linken Zeigefinger. Ich habe weder Pflaster noch Verband dabei, doch zurück zur Gruppe zu gehen ist keine Option.

Jeder soll einen Tag und eine Nacht ohne die anderen klarkommen. Und so stehe ich da: Allein in Norwegens Wildnis, mit einem blutenden Finger und dunklen Abendstunden vor mir. Es ist einer der schwierigsten Momente während der einwöchigen Uni-Exkursion nach Norwegen, die insgesamt eher ungewöhnlich ist.

"Freiluftleben - Nachhaltigkeit während einer Wanderung in die Wildnis natürlich erleben", heißt das Wahlfach aus der Bewegungswissenschaft, für das ich einen der 20 Plätze ergattert habe. Die Erlebnisse in Skandinavien sollen mir helfen, im Alltag nachhaltiger zu leben, und das Highlight meiner diesjährigen Semesterferien sein.

Autorin Lorina Ostheim: Nachhaltigkeit in der Wildnis erleben
Lorina Ostheim

Autorin Lorina Ostheim: Nachhaltigkeit in der Wildnis erleben

Was mir bevorsteht, ist schon in der Vorstellung hart: Nicht nur acht Tage "Digital Detox" ohne Handy oder Smartphone, sondern auch acht Tage ohne Dusche, ohne richtige Toilette, ohne Herd und ohne Bett. Ich werde unterwegs sein mit 20 Menschen, die ich zum Großteil noch gar nicht kenne. Ob das gut geht?

Nachdem uns Fähre, Bus, Kanus und unsere Füße zu einem Freiluftpark im Süden Norwegens gebracht haben, werden wir als Erstes auf den Solo-Tag vorbereitet, an dem jeder 24 Stunden allein in der Wildnis verbringt. Dabei suchen wir uns schöne Plätze, erkunden und beobachten unsere Umgebung oder laufen ziellos herum - "aimless walking".

Anschließend können wir unser Erlebtes mit der Gruppe teilen - sei es in Gesprächen oder in Gedichten oder Briefen, die wir zum Beispiel aus Sicht der Erde an uns selbst geschrieben haben. Wir erzählen, wie es uns gerade geht, was uns bewegt, wofür wir dankbar sind oder widmen uns Fragen wie: Wo äußert sich Nachhaltigkeit in meinen Eigenschaften und in meinem Verhalten?

Die Seminarbeschreibung hat es bereits anklingen lassen: "Auf einer Visionssuche in die Natur werden wir uns öffnen, um Nachhaltigkeit in uns zu finden und sie weiter in die Welt zu tragen. Das norwegische Konzept des 'Friluftsliv' wird dafür hier angewandt. Bitte sei darauf vorbereitet, deine eigene Psyche zu reflektieren und deine Reflektionen mit anderen zu teilen."

Im Freiluftpark: offene Holzhütten und Feuerstelle am Wald
Lorina Ostheim

Im Freiluftpark: offene Holzhütten und Feuerstelle am Wald

Wir sollen keinen Smalltalk halten - das heißt für uns als Studenten zum Beispiel: nicht übers Studium reden. Tatsächlich macht diese Vorgabe unsere Kommunikation offener. Und ich merke, dass es mir erstaunlich leicht fällt, über meine Ansichten und Gefühle zu reden, und definiere auch mein Gegenüber einzig über das, was ihn oder sie antreibt, beschäftigt oder runterzieht.

Wie ein nachhaltiges Leben ist jedoch auch unsere Exkursion in die Freiheit mit Regeln verbunden, die ich manchmal als einschränkend empfinde. Am zweiten Abend sollen wir nach dem Essen bis zum nächsten Morgen nach dem Frühstück schweigen, doch danach ist mir in dem Moment so gar nicht. Ich möchte die Gruppe besser kennenlernen, statt mich auf mich selbst zu fokussieren, und gehe mit zwei Mitreisenden auf einen Aussichtspunkt, wo wir unseren Redebedarf stillen.

Tagsüber erweitern wir im Wald unsere sinnliche Wahrnehmung mithilfe von Eulenaugen - "owl eyes" - und Rehohren - "deer ears": Wir nutzen unsere 180-Grad-Sicht voll aus und erblicken so viel wir können von unserer Umgebung - ohne jeglichen Fokus. Und indem wir die Hände gekrümmt vor oder hinter die Ohren halten, fokussieren wir eine bestimmte Hörrichtung. Wie Füchse gehen wir im "fox walk" barfuß durch den Wald, wobei wir die Füße hoch strecken und dann vorsichtig mit den Fußballen zuerst aufkommen.

See im Freiluftpark
Lorina Ostheim

See im Freiluftpark

Morgens essen wir Haferbrei, und abends gibt es endlich eine warme Mahlzeit, die wir über dem Lagerfeuer kochen. Das Wasser für die großen Töpfe holen wir vom See oder Fluss. Unsere Mahlzeiten sind einfach und leicht zuzubereiten: Nudel- und Reisgerichte. Proteine stehen leider nur einmal auf dem Plan: das Sojacurry am letzten Abend.

Sanitäre Anlagen gibt es nicht. Im Freiluftpark ist lediglich ein Plumpsklo, in der Wildnis natürlich nichts. Wer ein Geschäft verrichten muss, nimmt eine Schippe mit ins Gebüsch, um es zu verbuddeln. Während der Reise schwimme ich im kühlen See, ansonsten wasche ich meine Haare nicht. Später lobt der Friseur die gute Pflege.

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Uni-Exkursion: Eine Woche in der norwegischen Wildnis

Bei einer Meditation im Wald und im Tipi hören wir eine Erzählung von Häuptling Seattle, der den Menschen nur als einen Faden im "Netz des Lebens" sieht: "Was immer er dem Netz antut, tut er sich selbst an." Nach solchen Erzählungen und ein paar Tagen in der Natur bin ich mir tatsächlich sicher: Was ich der Natur antue, tu ich auch mir selbst an.

"Naturbezogene Bewegung und Lebensstil" ist einer der Forschungsschwerpunkte unseres Exkursionsleiters Bijan Ghaffari, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Welcher Gedanke steckt eigentlich hinter diesem Freiluftleben? "In der Natur zu leben oder wörtlich übersetzt 'an der freien Luft leben' ist die grundlegende Bedeutung von Friluftsliv - und das beinhaltet im Prinzip alles, was dafür eben notwendig ist: wandern, Zeltbau, Feuer machen", erklärt Bijan Ghaffari.

"Unser Seminar ist erweitert um Aspekte von Stille und Selbstreflexion, die ansonsten nicht unbedingt enthalten sind", sagt er, denn: "In unserer naturentfremdeten Umwelt vergessen wir unsere direkte und gegenseitige Abhängigkeit von unserer Umwelt leicht." Die Ruhe und Ästhetik der Natur oder die Faszination im Kontakt oder der Beobachtung anderer Lebewesen hätten positive Effekte auf unsere psychische Gesundheit und unser Gefühl von Naturverbundenheit, genauer: unser Wissen um Naturverbundenheit.

Bergauf und -ab wandern wir in die Wildnis, teils fernab von Wegen. Meine Kleidung ist durchnässt, nachdem ich zwei-, dreimal gestolpert bin. Nun brauche ich meine Ruhe, hätte gern Zeit für mich. Doch unsere Schlafplätze müssen errichtet werden, und ich helfe mit.

Letzter Morgen in der Wildnis
Lorina Ostheim

Letzter Morgen in der Wildnis

Die ersten Tage im Freiluftpark haben wir noch in Holzhütten geschlafen, die zu einer Seite offen sind. Nachts konnten wir einfach die Vorhänge zuziehen, um uns vor Wind und Regen zu schützen. In der Wildnis schlafen wir nun in einem Tipi und drei Tarps. Letztere bestehen aus einem Zeltstoff, der dachartig über drei Zeltstangen gespannt ist, und Bauplanen, die wir als Unterlagen verwenden und teilweise auch als Wetterschutz an den Seiten. Der Untergrund ist hier viel weicher als der Holzboden im Freiluftpark - das Gras ist fast schon gemütlich.

Als ich mir dann am "Solotag" den Finger verletze, stille ich die Blutung mit meinem heiligen Toilettenpapier und versiegele diesen Verband mit einer Fruchtgummiverpackung. Den restlichen Tag verbringe ich an einem naturbelassenen Fluss mit Blick ins Tal.

Wenige Tage darauf stehe ich nachts um halb drei - gerade angekommen - in meinem WG-Zimmer und denke: Alles ist so voll. Ich fühle mich eingeengt. Es dauert, bis ich wieder im Alltag ankomme, und die Reise begleitet mich weiterhin, in Gedanken und Gesprächen.

Mir hat die Exkursion gezeigt, dass Nachhaltigkeit bedeutet, glücklich zu sein: Die Natur soll glücklich sein. Ich selbst, andere Menschen und Wesen sollen glücklich sein. Daher sollten wir einander viel öfter fragen: "Wie fühlst du dich gerade?"

Video: Auswandern nach Norwegen

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insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
hardeenetwork 03.11.2018
1. Kluge Erkenntnis
Ich kenne das Leben in der Wildnis aus vielen meiner Reisen und kann dem oben beschriebenen nur beipflichten. Doch leider entfernen wir uns immer weiter von der Natur und damit von unserem Ursprung. Ob die Menschen den richtigen Weg jemals wieder finden werden? Ich habe da so meine Zweifel.
achterhoeker 03.11.2018
2. Alles gut und schön?
Mal angenommen Millionen Europäer kommen auf die Idee ebenfalls das mitzumachen. Das Ergebnis wäre wie heute bei Malle, Venedig, Nordkap, Barcelona usw. bereits zu sehen. Aber keiner der "Erfinder solcher Ideen kommt auf die einfache Erkenntnis das Milliarden Menschen die Ursache für den heute herrschenden Alltag auf der Welt sind. Hafer rein esse ich zu Frühstück, ab und zu Abends warm. Und sonst gehe ich arbeiten, damit Studenten alte Wahrheiten als neues Erkenntnisse verbreiten können. Gedacht in Produkten der chemischen Industrie.
k70-ingo 03.11.2018
3.
Zitat von hardeenetworkIch kenne das Leben in der Wildnis aus vielen meiner Reisen und kann dem oben beschriebenen nur beipflichten. Doch leider entfernen wir uns immer weiter von der Natur und damit von unserem Ursprung. Ob die Menschen den richtigen Weg jemals wieder finden werden? Ich habe da so meine Zweifel.
Ich habe zwar ebenfalls schon viele Reisen absolviert, aber stets unter Vermeidung des Lebens in der Wildnis. Denn das hatte ich zuvor - bei der Bundeswehr. Die vergleichbar ausgestatten Destinationen heißen Truppenübungsplatz. Nur das ganze Geschwurbel hatten wir nicht. Wir haben hinterher auch keine Ausarbeitung geschrieben, was die handyfreie Wildnis mit uns ind unseren Empfindungen gemacht hat. Zwangsweise internetfreien Urlaub kann man auch ohne Verzicht auf die anderen zivilisatorischen Features haben. Empfehlen kann ich dafür Nordkorea oder einsam in den Schottischen Highlands gelegene Cottages.
heinz-becker 03.11.2018
4. Nachhaltigkeit
Ich kann mir kaum etwas nachhaltigeres vorstellen, als mit dem Bus und der Fähre hunderte Kilometer zu fahren. Ein paar Tage in der Natur hätte man sicher auch wesentlich näher am Wohnort verbringen können und damit der Natur deutlich weniger geschadet.
calinda.b 03.11.2018
5. Sicher
Aber nicht ohne ein Satellitentelefon, kostet nur zwischen 5 und 10 € am Tag. Sicherheit geht vor.
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