Noten für Dozenten Neue Scharmützel um MeinProf.de

150.000 Urteile über 24.000 Dozenten versammelt die Webseite MeinProf inzwischen. Nicht alle fallen positiv aus - kein Wunder, dass manche Professoren so viel Transparenz scheuen. Jetzt schlägt das Uni-Imperium zurück und argumentiert mit dem Datenschutz.


Lehrt einer der besten Professoren Berlins tatsächlich Mechanik an der TU Berlin? "Klasse Organisation der Veranstaltung! Optimale Vorbereitung möglich." So oder so ähnlich schwärmen 98 Studenten auf der Internetseite "meinProf.de" über Professor Valentin P.: Durchschnittsnote 1,4, Weiterempfehlung 100 Prozent.

Blick in der Hörsaal: Türen stets geschlossen halten, und dass bloß keiner quatscht...
DDP

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Einer der schlechtesten Dozenten im Land, Professor F., unterrichtet laut "MeinProf.de" Werkstofftechnik an der TU: "...hatten Durchfallquote von 92 Prozent. Dann ein Brief, warum die Studenten schuld sind und ausnahmsweise Notenschlüssel angehoben. Nun nur noch 70 Prozent Durchfaller. Der schlechteste Kurs meiner Zeit." Durchschnittsnote 3,8. Weiterempfehlung nur 15 Prozent.

42.000 Lehrveranstaltungen bewertet der Internetdienst www.meinprof.de inzwischen mit 150.000 Eintragungen. Die fünf ehrenamtlichen Betreiber aus der TU Berlin wollen Studenten eine Orientierungshilfe geben, welche Professoren, welche Universität sie am besten ausbilden. MeinProf.de geht nach wissenschaftlichen Methoden der Imageanalyse vor. Jeder Bewertende muss sich durch seine E-Mail-Adresse und IP-Computeradresse ausweisen. Die Zahl der Bewertungen wird offen gelegt.

In sieben Kriterien von Fairness über Verständlichkeit bis Aufwand stimmt man über Lehrveranstaltungen ab: "Im Kriterium Fairness geht es darum, wie die Dozenten mit den Studierenden umgehen, wie gerecht die Notenvergabe ist. Es gibt leider Dozenten, die bevorzugt männliche oder weibliche Studierende bevorzugen oder auch andere sehr merkwürdige Vergabegeschichten machen", erläutert Initiator Thomas Metschke. "Unterstützung: Wie gut wird der Kurs unterstützt von Dozenten, gibt es genügend Sprechstunden, Hilfeangebote und solche Geschichten. Dann das Material, da geht es darum, ob die Skripte Bücher okay sind, verfügbar sind. Es gibt Dozenten, die haben gar kein Skript. Das ist halt nicht so schön. Und die Hinweise sind oft gut."

Bei Zehntausenden von Dozenten erst jeden fragen?

Inzwischen interessiert sich die OECD für das Konzept. Nachfragen aus England, der Schweiz und Polen zeigen, dass das Interesse von Studenten an einer Evaluation ihrer Lehrer groß ist. In Deutschland weht den Machern von MeinProf.de jedoch ein heftiger Wind entgegen. Viele Dozenten wollen nicht beurteilt werden. Der Verband der Hochschullehrer stellt seinen Mitgliedern Unterlassungsaufforderungen zur Verfügung. Der alarmierte Berliner Datenschutzbeauftragte Dr. Alexander Dix will den Dienst nur nach ausdrücklicher Erlaubnis jedes einzelnen Professors zulassen.

"Ich befürchte, dass bewertete Professoren massive Nachteile erleiden. Sie werden möglicherweise in Ihrem Ansehen erheblich geschmälert. und zwar so, dass es auch bis in den persönlichkeitsverletzenden Bereich hineingeht", erklärt Dix. "Ich weise auch noch darauf hin, dass diese Informationen von Institutionen verwendet werden können, die Drittmittel vergeben. Es können auch Konkurrenten von Professoren sich in diesem Portal einklicken und Bewertungen abgeben, obwohl sie gar nicht als Studenten teilgenommen haben. Deshalb muss sichergestellt werden, dass die betroffenen Professoren vorher benachrichtigt werden und dann entscheiden können. ob sie damit einverstanden sind oder nicht."

MeinProf-Seite: Könnte vom Netz gehen, wenn beleidigte Dozenten sich durchsetzen

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Die Studenten argumentieren, Professoren in Deutschland seien unkündbar, was die zu erwartenden Nachteile erheblich minimiere. Drittmittel aus der freien Wirtschaft flössen nicht in die Lehre, Beleidigungen würden von der Seite entfernt. Das Anschreiben von zehntausenden Professoren sei finanziell unmöglich.

Doch es gibt auch unterstützende Stimmen aus der Professorenschaft. Dekan Ulf Stahl von der TU Berlin hält offene Evaluationen wie "meinProf.de" für eine Chance für die Lehre. Mit seinen schwarzen Schafen aus den Ingenieurwissenschaften hat er bereits über Verbesserungen gesprochen. "Warum sind denn manche Universitäten in den USA so berühmt und bekannt, ob sie Harvard hernehmen oder was auch immer? Weil eben da exquisite Lehre geleistet wird", sagt Professor Stahl. "Und ich sehe die Zeit schon demnächst gekommen, wo Universitäten sich um exquisite Studierende schlagen werden, um sie anzulocken. Die sollen natürlich auch, wenn sie dann fertig sind, nicht sagen: Ach, Gott sei Dank bin ich von dieser Universität weg, sondern sagen: Ich bin stolz, an dieser Universität ausgebildet worden zu sein. Integraler Bestandteil ist die Lehre, und die muss ich meiner Meinung öffentlich machen."

Bis Ende August haben die ehrenamtlichen Macher an der TU Berlin noch einmal Gelegenheit sich zu äußern. Gibt es dann keine Einigung mit dem Datenschutzbeauftragten, drohen Bußgelder.

Von Frank Hessenland, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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