NPD-Kontakte Verfassungsschutz nimmt Burschenschaft ins Visier

Hessische Verfassungsschützer sind alarmiert über Verbindungen zwischen einer Gießener Burschenschaft und der sächsischen NPD. Ihren Beobachtungen zufolge will die NPD das "intellektuelle" Potenzial von Studentenverbindungen nutzen. Kontakte gebe es auch zu weiteren Burschenschaften.


Jürgen W. Gansel hat in Gießen Politik und Geschichte studiert und war damals Mitglied der Burschenschaft Dresdensia-Rugia zu Gießen. Heute ist er in der Burschenschaft alter Herr und außerdem Abgeordneter der NPD im Sächsischen Landtag. Dort sprach er kürzlich unter anderem über den "Bomben-Holocaust von Dresden" und sorgte damit bundesweit für Entüstung.

Homepage der Dresdensia: "Ehre! Freiheit! Vaterland!"

Homepage der Dresdensia: "Ehre! Freiheit! Vaterland!"

Gansels Karriere bei der NPD in Sachsen sei nicht die einzige Verbindung zwischen der Burschenschaft, die in einer etwas schäbigen Villa am Rand der Gießener Innenstadt residiert, und der rechtsextremen Szene, wie der Asta der Universität berichtet. "Gansel war Schulungsleiter der Jungen Nationaldemokraten und hat über die ganzen Jahre immer Kontakt gepflegt. Die zweite Person ist Stefan Rochow, Fraktionsmitarbeiter bei der NPD im sächsischen Landtag", sagt Sascha Schmid vom Asta.

Die Dresdensia-Rugia gilt in Gießen als die rechteste Studentenverbindung, ihre Mitglieder tragen Farben und fechten, die Verbindung hat den Wahlspruch "Ehre! Freiheit! Vaterland!". Auf ihrer Homepage, die bei der Burschenschaft "Heimatseite" heißt, ist unter anderem zu lesen, dass sie Pommersche Abende veranstaltet und dass Vaterland für die Burschenschaftler, so wörtlich, "die politische Heimat des auf diesem Boden historisch ansässigen Volkes ist, welches durch Sprache, Kultur, Geschichte und Abstammung besondere Gemeinsamkeiten aufweist". Außerdem spricht die Burschenschaft von einer Diffamierungskampagne, die gegen sie im Gange sei.

Im direkten Gespräch wollen sich die Bewohner des Verbindungshauses im Großen Steinweg in Gießen jedoch nicht zu den Vorwürfen äußern - "kein Kommentar", so ein Burschenschaftler am Telefon.

"Stiefelnazis allein nicht politikfähig"

Die politischen und historischen Überzeugungen der Verbindung sind also weit rechts und tief nationalistisch. Neu ist aber die direkte Kooperation mit rechtsextremen Parteien. Diese Zusammenarbeit habe eine neue Qualität und ein erhebliches Potenzial, warnte jetzt der Hessische Verfassungsschutz. "Man macht sich jetzt die Möglichkeiten der Landtagsfraktion zunutze und bindet die Burschenschaft Dresdensia in die politische Arbeit ein. Das ist ein gravierender Vorgang, das hatten wir so bis jetzt noch nicht", so Lutz Irrgang, Direktor des Landesamts für Verfassungsschutz. Es gebe Bestrebungen, so Irrgang weiter, dass die Burschenschaft so etwas wie die Denkfabrik der extremen Rechten werde. Insgesamt drei hessische Burschenschaften seien in dieser Hinsicht auffällig.

Burschenschafter (bei einem "Sudetendeutschen Tag"): Rechtsweg nicht ausgeschlossen
DDP

Burschenschafter (bei einem "Sudetendeutschen Tag"): Rechtsweg nicht ausgeschlossen

Das sieht auch die Gießener Politlogin Alexandra Kurth so. Seit Jahren befasse sich die Burschenschaft in Sommerseminaren mit der intellektuelle Aufarbeitung rechter Themen, unter anderem mit den sogenannten Klassikern der konservativen Revolution: "Das sind die profaschistischen Denker aus der Weimarer Zeit, zum Beispiel Oswald Spengler und andere, das heißt, es sind die intellektuellen Themen der Rechten", berichtet Kurth. Die Verbindung dieser Themen mit der ansonsten nicht gerade intellektuellen NPD hält auch sie für gefährlich: "Diese Verbindung zwischen intellektuellem Rechtsextremismus und den Stiefelnazis ist insofern hochproblematisch, weil die Stiefelnazis allein nicht politikfähig sind."

Die Angelegenheit ist mittlerweile auch zum Politikum im Wiesbadener Landtag geworden. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass der CDU-Landtagsabgeordnete Hans Jürgen Irmer, dem ohnehin immer wieder eine gewisse Nähe zum rechten Rand seiner Partei bescheinigt wird, vor einigen Jahren einen Vortrag in der Verbindung gehalten hat. "Das ist sicher ein besonders pikanter Punkt. Die Union hat an dieser Stelle Klärungsbedarf", so der Gießener SPD-Landtagsabgeordnete Torsten Schäfer-Gümbel.

Irmer hat mittlerweile in einer kurzen Mitteilung auf die Vorwürfe reagiert; er wisse oft nicht, heißt es dort lapidar, wer bei seinen Vorträge im Publikum sitzt. Die SPD fordert jetzt seinen Parteiausschluss.

Von Michael Brandt, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk




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