Numerus clausus Studienplatzverteilung hakt noch immer

Auch im kommenden Wintersemester werden wieder viele NC-Studienplätze frei bleiben - weil das Verteilverfahren nicht funktioniert. Das zeigt eine Antwort des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage.

Studienanfänger an der Universität Leipzig (Archivbild)
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Studienanfänger an der Universität Leipzig (Archivbild)


Der Name klingt pompös, die Funktionalität dagegen ist auch sieben Jahre nach dem Start noch ziemlich eingeschränkt: Beim Dialogorientierten Service-Verfahren (DoSV) zur Verteilung besonders begehrter Studienplätze hakt und ruckelt es nach wie vor gewaltig.

Das Verteilungssystem, an dem schon seit Jahren von Bund, Ländern und IT-Spezialisten herumgedoktert wird, läuft nur langsam besser. 103 der etwa 180 staatlichen Hochschulen (knapp 60 Prozent), die zulassungsbeschränkte Bachelor-Studiengänge anbieten, nahmen im vergangenen Wintersemester an der Studienplatz-Datenbank DoSV teil.

Ein Jahr zuvor hatten sich 89 Unis beteiligt, im kommenden Wintersemester sollen es maximal 130 sein. Mit anderen Worten: Rund laufen wird das System - frühestens - zum Herbst 2018. Das geht aus einer Antwort des Bundesbildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.

Fast jeder 20. NC-Platz bleibt frei

Die schwache Teilnahme staatlicher Hochschulen am Serviceverfahren gilt als einer der Gründe dafür, dass in Deutschland Jahr für Jahr über 10.000 begehrte Studienplätze etwa in Medizin, Betriebswirtschaftslehre oder Jura am Ende unbesetzt bleiben. Nach den bisher aktuellsten Zahlen für das Wintersemester 2015/16 waren es etwa 11.500 von 252.000 Bachelor-Plätzen mit örtlichem NC - fast jeder 20. Studienplatz in den besonders gesuchten Fächern blieb damit frei (4,6 Prozent).

Das Vergabeverfahren steht schon seit 2010 in der Kritik. Damals wurde das DoSV als Nachfolger der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) ins Leben gerufen. Auch die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) findet die Situation "nicht zufriedenstellend". Nötig sei eine bundesweit flächendeckende Einführung des DoSV, um Bewerbungen in einer gemeinsamen Datenbank zu erfassen und abzugleichen.

Dagegen allerdings wehren sich viele Hochschulen, sie setzen lieber auf eigene Auswahlverfahren. Problematisch sind außerdem die Mehrfachbewerbungen von Studienanfängern, die auf Nummer sicher gehen wollen. So werden letztlich begehrte NC-Plätze blockiert. Leidtragende sind alle Bewerber, die wertvolle Zeit verlieren, "weil sie oftmals zu spät von Zu- oder Absagen erfahren und dann nicht mehr die Möglichkeit haben, sich zum Beispiel noch rechtzeitig auf einen Ausbildungsplatz zu bewerben", wie Linke-Hochschulexpertin Nicole Gohlke betonte.

Expertin fordert Bundesgesetz

Sie wirft dem Ministerium vor, die massiven Probleme beim DoSV einfach zu ignorieren. "Obwohl der Bund seit 2006 ausdrücklich die Kompetenz hat, die Hochschulzulassung bundeseinheitlich zu regeln, schiebt die Regierung jegliche Verantwortung von sich", so Gohlke: "In Dauerschleife steht das Zulassungschaos in jedem Semester auf der Tagesordnung."

Die Linke fordert ein Bundeshochschulzulassungsgesetz zur besseren zentralen Steuerung. Die Regierung sieht jedoch "keinen Handlungsbedarf", wie das Bildungsministerium in seiner Antwort auf Gohlkes Anfrage jetzt erneut betont. Zuständig seien allein die Länder und ihre Hochschulen. "Maßnahmen von Seiten des Bundes sind daher nicht angezeigt." Und ohnehin sei "der bundesweite Anteil der zulassungsbeschränkten Studiengänge mit 41,5 Prozent zum Wintersemester 2016/17 gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken".

him/dpa



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Stäffelesrutscher 03.05.2017
1.
Tja. Früher gab es ein funktionierendes System - die ZVS. Das war den Hochschulen zu objektiv. Denn man wollte sich ja die Studierenden selber raussuchen, und zwar nicht nur nach Noten sondern auch nach Kriterien, die die "feinen Unterschiede" betrafen, mit denen man den Pöbel von der Elite trennt. Das Desaster war absehbar, denn die Gegenmaßnahme der Studierenden namens Mehrfachbewerbung war absolut selbstverständlich und gerechtfertigt. Vorher, bei der ZVS, hat man eine Prioritätenliste seiner Hochschulen eingereicht, und dann lief das. Bekam man keinen Platz an #1, dann ging es eben an #2 oder #3. Vollautomatisch.
Actionscript 03.05.2017
2. Wie in den USA
Zitat von StäffelesrutscherTja. Früher gab es ein funktionierendes System - die ZVS. Das war den Hochschulen zu objektiv. Denn man wollte sich ja die Studierenden selber raussuchen, und zwar nicht nur nach Noten sondern auch nach Kriterien, die die "feinen Unterschiede" betrafen, mit denen man den Pöbel von der Elite trennt. Das Desaster war absehbar, denn die Gegenmaßnahme der Studierenden namens Mehrfachbewerbung war absolut selbstverständlich und gerechtfertigt. Vorher, bei der ZVS, hat man eine Prioritätenliste seiner Hochschulen eingereicht, und dann lief das. Bekam man keinen Platz an #1, dann ging es eben an #2 oder #3. Vollautomatisch.
Die Entwicklung läuft auf das System wie in den USA zu. Ich habe in den USA selbst Studenten Interviews durchgeführt. Manche Studenten können sich sehr gut artikulieren und ob sie die Wahrheit sagen, ist auch dahingestellt. Man muss dann eine Beurteilung schreiben, die natürlich auch eine Rolle spielt, ob man an einer Universität angenommen wird oder nicht. Dieses System ist sehr subjektiv und sagt überhaupt nichts aus über die zukünftige Qualität des Studenten in seinem Beruf. Ich selber bin mit ZVS ins Studium gekommen, ein einfaches und gut funktionierendes System. Ist aber wahrscheinlich zu sozialistisch. Sonst wäre es nicht abgeschafft worden.
lebowski4711 04.05.2017
3. Medizin
"Die schwache Teilnahme staatlicher Hochschulen am Serviceverfahren gilt als einer der Gründe dafür, dass in Deutschland Jahr für Jahr über 10.000 begehrte Studienplätze etwa in Medizin, Betriebswirtschaftslehre oder Jura am Ende unbesetzt bleiben." Die Studienplätze für Medizin werden anders als im Artikel angedeutet nach wie vor nicht im DoSV abgewickelt, sondern im Zentralen Vergabeverfahren der Stiftung für Hochschulzulassung. Die Idee des DoSV fußt darauf, dass durch eine zentrale Koordinierung bundesweit aller Studienplätze eines Studiengangs und eine unmittelbare Rückmeldung über die Annahme eines Zulassungsangebots durch die Studienbewerber, freie Plätze an anderen Hochschulen sofort an andere Bewerber vergeben werden können. Hier liegt aber auch ein Problem. Solange nicht alle Studienplätze eines Studiengangs im System vergeben werden, weil nicht alle Hochschulen teilnehmen, kann das System schlicht nicht effektiv funktionieren. Da das System aus technischer Sicht jedoch eher 2000 als 2017 ist, scheuen sich viele Hochschulen - nachvollziehbarer Weise - nach wie vor vor einer freiwilligen Teilnahme. Ein typischer Fall von gut gedacht, schlecht gemacht!
98Regency 04.05.2017
4. Sinnlose Geldverschwendung und Hinhalteperolen
Ach was wurde den Teilnehmern nicht alles über die zentrale Studienplatzvergabe schön geredet: kein Platz bleibt unbesetzt, alles einfacher, keine zusätzlichen Arbeiten für die Hochschulen usw. Und was davon ist bisher eingetreten? Mehrere zig-Millionen Steuergelder wurden bisher verbrannt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das System auch ab 2018 keinen Regelbetrieb haben wird, sondern vielmehr nur wiederum als Testphase angesehen werden kann. Es kann für die jeweilige Hochschule keinerlei Prognose für zukünftige Verfahren abgleitet werden, da ja immer wieder ein paar Hochschulen mit ein paar wenigen Studiengängen neu hinzukommen. Auch sind freie Studiengänge zur Abbildung im DoSV überhaupt nicht vorgesehen. Wie soll hier eine abschließende Koordination erfolgen? Gar nicht. Mehrfachzulassungen und -annahmen werden dadurch gerade eben nicht verhindert. Zudem können aktuell Mehrfachstudiengänge (z. B. Lehramt Deutsch mit Sport oder Geschichte) mit getrennten Zulassungen für die einzelnen Studienfächer m. E. nicht abgebildet werden, da ja die Bewerber nach einer Zulassung aus dem System komplett ausscheiden. Auch hört man regelmäßig, dass trotz Teilnahme bei hochschulstart.de Studienplätze übrig bleiben. Und was soll dann die (für die Hochschulen kostenpflichtige) Teilnahme bringen? Müssten nicht eigentlich die Hochschulen für die Teilnahme an dieser Testphase Geld erhalten? Das DoSV wurde letztendlich doch nur "geschaffen", um nach der Auflösung der ZVS einen Grund für die Weiterbeschäftigung des Personals zu haben. Alter Wein in neuen Schläuchen.
unkommentiert 04.05.2017
5. Schlecht recherchiert
Allen voran wird hier mal wieder das Beispiel Medizin genannt. Nun ist es aber so, dass die Plätze für Medizin, Zahnmedizin,... nicht über das DoSV sondern über hochschulstart.de vergeben werden, was der ehemaligen ZVS ähnelt und komplett anders funktioniert als das DoSV. Zudem ist der angestrebte Abschluss hier (und z.B. auch bei Jura) das Staatsexamen und nicht der Bachelor. Vielleicht sollten Sie den Artikel nochmal überarbeiten.
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