OECD-Studie Deutschland fällt bei Akademiker-Ausbildung zurück

Die Zahl der Akademiker steigt zu langsam, es fehlt an Ingenieuren, für Bildung steht zu wenig Geld bereit - in einem neuen Bericht stellt die OECD Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus. Die Organisation sieht keinen Aufwärtstrend, sondern eine weitere Verschlechterung.


Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sorgt sich um die Zukunft der Bildung: Deutschland verliert bei der Ausbildung von Akademikern international weiter an Boden und kann seinen Bedarf an Hochqualifizierten im naturwissenschaftlich-technischen Bereich kaum decken. Das ist die Bilanz des Berichts "Bildung auf einen Blick", den die OECD am Dienstag in Berlin vorstellte.

Ingenieure: In Deutschland gefragt, aber der Nachwuchs fehlt
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Ingenieure: In Deutschland gefragt, aber der Nachwuchs fehlt

Der Anteil der Studienanfänger sowie der Absolventen ist demnach in den meisten OECD-Ländern in den vergangenen Jahren deutlich schneller und auf einem höheren Niveau gewachsen als in Deutschland. Die Absolventenzahl der Hochschulen stieg hierzulande zwar von 2000 bis 2006 von 18 leicht auf 21 Prozent pro Jahrgang an. Im OECD-Schnitt aber wuchs der Anteil der Absolventen im gleichen Zeitraum von 28 auf 37 Prozent.

Die deutschen Hochschulen verzeichneten 2007 einen Absolventenrekord, und die Kultusminister sagen eine Studentenflut voraus - doch aus Sicht der OECD lahmt die akademische Hochschulbildung in Deutschland weiter. Problem im System: Weniger Abiturienten zieht es ins Studium. Das Hochschulinformationssystem (HIS) ermittelte, dass jeder dritte Abiturient sein Studienticket verfallen lässt.

Geringe Studentenquote in Deutschland

Die Kosten für Lebensunterhalt plus Studiengebühren sowie die neue Unübersichtlichkeit bei der Zulassung schrecken potentielle Akademiker ab. Zugleich lassen die Bundesländer bei weitem nicht jeden, der studieren will, an die Hochschulen, im Gegenteil: Universitäten und Fachhochschulen setzen auf massive Zulassungsbeschränkungen und sehen das als eine Art Notwehr, weil sie mehr Studienplätze nicht finanzieren können.

Angesichts der flauen Studienneigung bei jungen Menschen in Deutschland, so beschreibt es die OECD, sei zu befürchten, dass sich der Trend in den kommenden Jahren noch verschärfen werde. Während im Schnitt der Industriestaaten inzwischen 56 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium beginnen, stagniert diese Quote in Deutschland bei 37 Prozent.

OECD-Direktorin Ischinger: "Deutschland verliert weiter an Boden"
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OECD-Direktorin Ischinger: "Deutschland verliert weiter an Boden"

"Im internationalen Vergleich kann die Entwicklung in Deutschland nicht befriedigen", erklärte die für Bildung zuständige OECD-Direktorin Barbara Ischinger bei der Vorstellung der Studie. "Deutschland verliert bei der Ausbildung von Hochqualifizierten trotz einiger positiver Schritte weiter an Boden."

Um mehr junge Menschen aus einkommensschwächeren Elternhäusern für ein Studium zu gewinnen, plädiert die OECD für ein Stipendiensystem. Dies sei wirksamer als die Finanzierung von Studiengebühren über Kredite. Dieser Forderung schloss sich die Bildungsgewerkschaft GEW an: "Wir brauchen ein einheitliches, elternunabhängiges Studienhonorar", forderte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne. Das solle alle jungen Menschen ermutigen, ein Studium aufzunehmen.

Abbrecher-Quote in Deutschland nicht höher als anderswo

An den Studienabbrechern liegt der akute Absolventenmangel in Deutschland nicht. In Deutschland lassen zwar 23 Prozent der Studienanfänger den Abschluss sausen. Aber in den meisten OECD-Staaten liegt der Anteil der Abbrecher höher, nämlich im Schnitt bei 31 Prozent. Der Übersicht zufolge verzeichnen nur Frankreich, Belgien, Dänemark und Japan weniger Uni-Deserteure als Deutschland.

Das Bild der Abbrecher ist in Deutschland allerdings uneinheitlich. Die verschulteren Bachelor-Studiengänge helfen den Studenten in den Geisteswissenschaften, stellte die Hannoveraner HIS-Bildungsforscher in einer Untersuchung Anfang des Jahres fest. In den Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften sei die Zahl der Abbrecher durch den Bachelor jedoch gestiegen.

Zugleich mangelt es an Interessenten für diese auf dem Arbeitsmarkt gefragten Fachrichtungen. Das schlägt sich auch in dem OECD-Bericht nieder: Besonders bemerkbar mache sich die im Vergleich geringe Absolventenquote in Deutschland in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Dort seien Hochqualifizierte unter den jungen Berufstätigen "deutlich unterrepräsentiert", bemängeln die Autoren der Studie. Im OECD-Schnitt kommen auf 100.000 Erwerbstätige im Alter von 25 bis 34 Jahren 1649 Hochqualifizierte mit naturwissenschaftlich-technischem Studium. In Deutschland sind es nur 1423.

Bei Doktoranden und Teilnehmern vergleichbarer Programme nimmt Deutschland laut OECD mit 2,3 Prozent in jedem Jahrgang nach Portugal und der Schweiz weiterhin eine Spitzenstellung ein. Allerdings sei auch in diesem Bereich der Anteil der Doktoranden pro Jahrgang in Deutschland entgegen dem OECD-Trend leicht gesunken, hieß es im Bericht.

Einkommensvorteil der Akademiker wächst

OECD-Bildungsdirektorin Ischinger kritisierte die zu geringen Ausgaben für die Bildung in Deutschland. Im Jahr 2005 wendeten die OECD-Länder 6,1 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Finanzierung ihrer Bildungsinstitutionen aus. In Deutschland lag dieser Wert bei 5,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Statt als "strategische Zukunftsinvestition" mehr Geld für Bildung bereitzustellen, habe Deutschland mehr für Gesundheit und Soziales ausgegeben. Angesichts des Geburtenrückgangs und eines wachsenden Bedarfs an höher qualifizierten Fachkräften könne das langfristig die "globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands deutlich gefährden".

Positiv wertet die OECD, dass in Deutschland Frauen die Männer bei der universitären Ausbildung überholt haben. Allerdings gelte dies nicht für die Arbeitsmarktperspektive. Hier seien Frauen weiter unterbezahlt. Im Durchschnitt konnten Akademiker allerdings auch 2006 ihren Einkommensvorsprung gegenüber Erwerbstätigen mit Berufsausbildung ausbauen. Auch dies spreche dafür, dass der Bedarf durch die Absolventenzahlen nicht gedeckt werde.

So verdienten Arbeitnehmer mit akademischem Abschluss 2006 im Schnitt 64 Prozent mehr als Arbeitnehmer mit Berufsausbildung. Im Jahr 2000 hatte der durchschnittliche Einkommensvorteil noch 43 Prozent betragen. Zudem erzielt der Studie zufolge mit 27,1 Prozent ein deutlich größerer Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen in Deutschland Spitzengehälter als im OECD-Schnitt, der bei 26,1 Prozent liegt.

cht/AFP/AP/dpa/ddp

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