Oliver Kahn über sein Studium "Puuuh. Es ist schon heftig."

Er war der Titan im Tor, jetzt ist er der Titan im Kurs: Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn, 41, studiert Wirtschaft in Österreich. Im UniSPIEGEL-Interview spricht er über sein neues Leben als Student, über Teamarbeit und über die beachtliche Selbstdisziplin seiner MBA-Kommilitonen.

ddp

UniSPIEGEL: Herr Kahn, seit dem Wintersemester 2009 machen Sie an der privaten Universität Seeburg in Österreich den Master of Business Administration, Schwerpunkt "General Management". Wie läuft's denn so?

Kahn: Puuuh.

UniSPIEGEL: So schlimm?

Kahn: Es ist schon ganz schön heftig. Ich komme ja jetzt ins dritte Semester... Ich weiß, das hört sich seltsam an. Viele Leute, mit denen ich darüber rede, müssen erst mal lachen bei der Vorstellung, dass Oliver Kahn etwas erzählt von Kommilitonen, Bibliothek und Studium.

UniSPIEGEL: Wir auch. Wie klappt die Umstellung vom Tor zur Hörsaalbank?

Kahn: Am Anfang war es schwierig. Da konnte ich nicht einmal eine Stunde am Stück sitzen und konzentriert lernen. Mein Körper wollte ja noch Leistung bringen, durfte es aber nicht. Dafür musste mein Geist Höchstleistung abliefern. Das war eine Herausforderung. Auch für meinen Kreislauf.

UniSPIEGEL: Zu viel Ehrgeiz?

Kahn: Mir sagte dann jemand: Sie müssen wirklich darauf achten, dass Sie den Übergang vom professionellen Sport in diese andere Welt nicht zu sehr forcieren. Ich bin ja ein Meister darin, solche Dinge im Extrem zu betreiben.

UniSPIEGEL: Müssen Sie jetzt, jenseits des Platzes, immer noch Höchstleistungen bringen?

Kahn: Das kann man wohl sagen. Während des Semesters muss ich eine Reihe Facharbeiten einreichen. Die haben jeweils so um die 40, 50 Seiten. Und zum Schluss muss ich eine große Master-Arbeit schreiben. Die geht über 100 bis 120 Seiten. Da muss ich eigene Forschungen anstellen und die auswerten. Das steht aber erst ganz am Ende an. Und im Nebenfach studiere ich Sport-Management.

UniSPIEGEL: Was sagen Ihre Mitstudenten zum prominenten Kommilitonen?

Kahn: Man muss sich in der ersten Stunde in einem Kurs ja vorstellen. Da schmunzeln die anderen immer ein bisschen, wenn ich sage: Hallo, ich bin der Oliver Kahn, ich war mal Nationaltorhüter. Aber mittlerweile hat sich jeder an mich gewöhnt.

UniSPIEGEL: Es ist ja nicht so, dass Sie das Studentenleben nicht kennen würden...

Kahn: ...nein, ich habe tatsächlich zu Beginn meiner Fußballkarriere ein BWL-Grundstudium abgeschlossen, deshalb kann ich jetzt diesen Master-Aufbaustudiengang machen. Jetzt habe ich auch die Zeit dazu. Die meisten Kommilitonen sind schon berufstätig. Wie die das schaffen, den MBA zu machen, neben ihrem Job... Die sind besonders in unseren Präsenzphasen, wo wir acht Stunden an der Uni sind, ganz schön geschlaucht. Mein lieber Mann, da denke ich immer: was für eine Disziplin, das durchzuziehen!

UniSPIEGEL: Haben Sie Freunde gefunden an der Uni?

Kahn: Zumindest sind wir so etwas wie eine verschworene Gruppe geworden. Wir sind so 12, 13 Leute, da entwickelt man schon Teamgeist. Wir haben viel Spaß, viele Diskussionen auf interessantem Niveau, jeder bringt seine Lebenserfahrung ein. Das ist auch für mich interessant zu hören, wie die anderen so leben, was die so denken.

UniSPIEGEL: Vermutlich werden jetzt auch tiefergreifende Gespräche geführt als früher in der Kabine.

Kahn: Klar. Damals ging es doch immer nur um Fußball. Darüber reden wir an der Uni gar nicht. Wir reden über alles andere. Im wahrsten Sinne über Gott und die Welt. Nur nicht über Fußball.

UniSPIEGEL: Und die Kabine vermissen Sie nicht?

Kahn: Doch, das fehlt mir schon nach dem Fußball: die Mannschaft, der Zusammenhalt. Deswegen ist es schön, jetzt wieder in einer Gruppe zu sein. Es gibt da ja immer diese Vorurteile: Der Oliver Kahn, der ist ein Einzelgänger, ein Egoist und so weiter. Das stimmt aber nicht! Im Gegenteil. Ich stelle bei mir immer mehr fest, wie gerne ich mit einer Gruppe arbeite. Ein Team ist viel funktionsfähiger als ein Einzelner.

UniSPIEGEL: Was kommt nach dem Studium?

Kahn: Zunächst arbeite ich immer noch fürs ZDF als Experte, das mache ich zusätzlich. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass es dann in einem überschaubaren Zeitraum wieder zurückgeht ins angestammte Geschäft.

UniSPIEGEL: Als Manager? Ihre Beziehungen im Fußballgeschäft wollen Sie sicherlich nicht ungenutzt lassen.

Kahn: Das stimmt schon - andererseits aber auch nicht. Denn dass ich jetzt diesen MBA mache, immerhin zwei Jahre dafür aufwende, hat durchaus einen Hintergedanken: Man darf nicht glauben, nur weil ich mal gut im Tor gestanden habe, mach ich jetzt irgendein Geschäft auf, und dann läuft das einfach so.

UniSPIEGEL: Andere Sportler glauben das...

Kahn: ...das funktioniert aber nicht oder zumindest selten. Deswegen ist dieses Studium für mich so wichtig. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.

Interview: Jan Janssen

Mehr zum Thema


© UniSPIEGEL 5/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.