Online-Experiment Studenten schreiben ihre Lehrbücher selbst

Professoren und Studenten der Universität von Georgia untergraben das Monopol von Fachverlagen: Sie stellen im Internet Lehrbücher zusammen, die sonst viel Geld kosten würden. Vorbild ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia - ohne Sachfehler und Manipulationen.


Lästige Probleme mit Lehrbüchern kennt fast jeder Student: Da die wenigen Exemplare in der Uni-Bibliothek schnell vergriffen sind, muss man sich die teuren Wälzer selbst anschaffen. Und am Ende stehen die gewünschten Informationen doch nicht so aufbereitet in dem Buch, wie sich das Klausuren- oder Hausarbeiten-gestresste Studenten wünschen.

Buchstapel: Für Studenten bald überflüssig?

Buchstapel: Für Studenten bald überflüssig?

Einen neuen, ungewöhnlichen Weg zur Bewältigung der Materialschlacht geht jetzt die University of Georgia in Athens, USA. Sie lässt Professoren und Studenten selbst ihre Bücher schreiben - als Online-Ausgaben. 1000 Werke für Studenten im Grundstudium sollen so entstehen, vom Biologie-Handbuch bis zum Programmier-Leitfaden. Über das Projekt berichtet die Zeitschrift "Nature" auf ihrer Webseite.

Auch in Deutschland gewinnt die Bewegung für frei zugängliche Fachliteratur zunehmend Anhänger.Die Werke sollen in Gemeinschaftsarbeit entstehen, auf der Basis der Software Wiki, die hinter der bekannten Online-Enzyklopädie Wikipedia steht. Im Unterschied zu Wikipedia soll aber nicht jeder Nutzer in der Lage sein, den Inhalt der Einträge zu verändern. Ein Herausgeber soll stattdessen die Hand auf der Endfassung des Textes haben - und so Fehler vermeiden. "Das Problem von Wikipedia ist, dass jeder den Text verändern kann", sagt Rick Watson, Inhaber einer Professur für Wirtschaft an der Universität von Georgia und Initiator des Projekts. "Das ist für für Lehrbücher nicht praktikabel."

Watson sieht das Projekt als wegweisend für Entwicklungsländer: Studenten in ärmeren Ländern können es sich nicht leisten, viel Geld für Lehrbücher auszugeben. "Deshalb muss man notwendigerweise Lehrbücher umsonst zur Verfügung stellen", sagt Watson.

Unerschwingliche Spezialliteratur

Zwar würden die Verlage ihre Bücher in Entwicklungsländern billiger verkaufen, erläutert Watson. Ein Biologie-Buch, das in den Vereinigten Staaten 108 Dollar koste, ginge in Uganda für 51 Dollar über den Ladentisch. Das sei immer noch viel zu teuer für ein Land, in dem das Durchschnitts-Jahreseinkommen bei 250 Dollar pro Jahr liegt.

Wissenschaftler in Südafrika, Kolumbien, Ägypten, Malaysia, Uganda und Großbritannien wollen an den Online-Kursbüchern mitarbeiten. Die Initiatoren glauben, dass es weltweit Millionen potenzieller Mitschreiber gibt - vor allem Studenten. Als weiteren Vorteil führt Watson an, dass ein neuer Forschungsstand leicht in die Online-Bücher eingearbeitet werden kann - ganz im Gegensatz zu traditionellen Lehrwerken, die dann umgearbeitet und in einer neuen Auflage gedruckt werden müssen.

Dass die gemeinsame Mobilisierung von Hirnschmalz funktionieren kann, bewiesen Rick Watson und seine Studenten vor zwei Jahren. Sie erstellten gemeinsam ein Lehrbuch für die Programmierung von XML. Spätere Kurse entwickelten das Lehrbuch fort. Mit großem Erfolg: Es wird heute an der Universität von Georgia als Standardwerk benutzt.

jaf

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