Orchideenfach Namenforschung Sie darf Schokominza heißen!

Onomastik? Das klingt unanständig, ist aber seriöse Namenforschung - und jetzt auch ein Master-Fach für Leipziger Studenten. Namensberater wissen, ob Eltern ihre Kinder Whisky, Rumpelstilzchen oder Crazy Horse nennen dürfen. Und Promi-Namen entschlüsseln können die Uni-Experten auch.

Von Steffen Winter


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Promi-Namen: Warum heißen die bloß so?
Gabriele Rodriguez sitzt in Haus 5, vierte Etage, Zimmer 5413 und wartet darauf, dass ihr Telefon klingelt. Ihre Vorwahl beginnt mit 0900, ein Anruf kostet 1,86 Euro pro Minute. Gesprächspartner interessieren sich immer nur für das eine: Onomastik.

Was sich für ungeübte Ohren nach unanständigen Leibesübungen anhört, ist in der philologischen Fakultät der altehrwürdigen Universität zu Leipzig seit neuestem gar ein Masterstudiengang. Namenforschung als Hauptfach - deutschlandweit einmalig. Als praxisnah wird das Orchideenfach gepriesen, Gabriele Rodriguez ist das beste Beispiel dafür. Wenn ihr Servicetelefon zur Namensberatung klingelt, dann geht es im Elfenbeinturm endlich mal um die wahren Probleme der Menschheit.

Da will der Vater wissen, ob die Tochter Borussia heißen kann (darf sie nicht), ob man einen Jungen auf den Namen Whisky, Joghurt oder Rumpelstilzchen taufen kann (eher nein) und wie es sich denn mit dem schönen Namen Crazy Horse verhalte (leider nicht gestattet).

Rodriguez nimmt jeden Anruf ernst. Kürzlich wollte ein Vater seine Tochter Kirsche nennen, jemand fragte nach Rapunzel, und die Beraterin machte eine Familie froh, weil sie versichern konnte, dass Schokominza inzwischen in Deutschland als Mädchenname durchgeht. Mama Kerstin und Papa Ron wurde auch geholfen: Der Sohn hört jetzt auf Keron.

1600 Anfragen pro Monat

Lustig, sicher. Aber muss man das studieren? Professor Peter Ernst ist davon überzeugt. Die Menschen hätten doch tagtäglich mit Namen zu tun. Es sei eine Spezialausbildung, die am Ende sogar zur politischen Beratung befähige. Ernst lehrt Deutsche Philologie an der Universität in Wien, seit Oktober ist er in Leipzig, um die ersten Masterstudenten zu betreuen, zunächst als Gastprofessor, bis im Sommer dann die Stelle endgültig besetzt wird. Zu Hause hat er so schöne Fächer wie "Das Wienerische" und "Sprachliche Höflichkeit" unterrichtet. In Leipzig gibt es Seminare zu "Personennamenforschung", "Gewässernamen", "Interdisziplinäre Namenforschung" und "Südslavische Lexikologie".

Die Namenforschung hat in Leipzig eine lange Tradition. Sie wird an der Uni seit den fünfziger Jahren betrieben, allerdings bis zur Wende als reine Forschungseinrichtung. Nach 1990 konnte Onomastik als Nebenfach belegt werden, vor allem Germanisten und Historiker schrieben sich ein. In Spitzenzeiten bis zu 270 Studenten.

Tobias Hecklau ist einer von ihnen. Der 27-Jährige mit Magisterabschluss jobbt jetzt in der Namenberatungsstelle. Sieben Absolventen schreiben dort Gutachten. Und tatsächlich, es stellt sich heraus, die Onomastiker sind gefragt: Menschen aus der ganzen Welt kontaktieren die Uni, um für 80 Euro die Bedeutung ihrer Namen klären zu lassen. Es gibt Wartezeiten von einem Jahr, 1600 Anfragen kommen pro Monat herein.

Hecklau landete bei den Namenforschern, als ein Kommilitone erzählte, dass man da schicke Stammbäume erstellen könne. Er trennte sich von Musikwissenschaft, studierte Namen, wollte seinen eigenen entschlüsseln. Und erfreute sich an der "familiären Atmosphäre", die hier herrschte. "Es gibt wenig Theorie, aber viel Praxis und Gruppenarbeit."

Crazy Horse kam nicht durch - aber Tashunka Witko, das geht

Einen Namen zu entschlüsseln ist vor allem Fleißarbeit. Die Experten erkennen in Datenbanken, wie sich der Name heute und in der Vergangenheit verbreitet hat. Ist die Region klar, dann kennen die Wissenschaftler auch den Dialekt. Anhand spezieller Lexika kann dann die Bedeutung gefunden werden.

Mitunter geht das ganz fix. Bei Merkel etwa. Das ist die Kurzform von Markwardt. Ein alter deutscher Rufname. Oder Westerwelle. Darin vermuten die Fachleute einen Orts- oder Flurnamen. Aus dem Mittelniederdeutschen übersetzt könnte es "westlich gelegene Quelle" bedeuten. Und Steinmeier? Stammt gar nicht aus so kleinen Verhältnissen. Meier waren Oberbauern, welche die Aufsicht über die Bewirtschaftung der Güter führten. Steinmeier bedeutet vermutlich "Verwalter des Steinhofs".

Ohne die Leipziger Onomastiker wäre dies der Welt womöglich entgangen. Deswegen nehmen sie dort auch nur die Besten: Wer sich einschreiben will, muss einen eigens konzipierten, 20-minütigen Eignungstest bestehen. Ist der zu schwierig? Und hat sich das herumgesprochen? Fürs jetzige Wintersemester jedenfalls hat sich nur ein Student eingeschrieben; Peter Ernst will aber nicht aufgeben und den Glanz des Fachs weiterhin in die Welt tragen.

Wie Gabriele Rodriguez im Zimmer nebenan. Sie konnte tatsächlich jene Familie glücklich machen, die ihren Sohn Crazy Horse nennen wollte. Weil das verrückte Pferd kaum durchsetzbar war in deutschen Standesämtern, hatte Rodriguez den rettenden Einfall: der indianische Originalname müsste doch gehen. Das Kind heißt nun Tashunka Witko. Es soll nach der Namensgebung mit seinen Eltern ausgewandert sein. Nach Kanada.

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Born to Boogie, 13.01.2010
1. Kann jemand helfen ?
Mich würde interessieren, was der Nachname " Lude " zu bedeuten hat ? P.S: ich weiß was ( heutzutage ) ein Lude ist aber kommt der Name wirklich aus dem Gewerbe ?
aqualung 13.01.2010
2. Oh yes sir, I can boogie
Zitat von Born to BoogieMich würde interessieren, was der Nachname " Lude " zu bedeuten hat ? P.S: ich weiß was ( heutzutage ) ein Lude ist aber kommt der Name wirklich aus dem Gewerbe ?
Hmmm,born to boogie und dann solche Fragen ??? Was soll uns das jetzt sagen :-) Egal. Try this (http://www.kriminologie.uni-hamburg.de/wiki/index.php/Zuh%C3%A4lter#Etymologie)
GM64 13.01.2010
3. Luther hieß auch Luder
Zitat von Born to BoogieMich würde interessieren, was der Nachname " Lude " zu bedeuten hat ? P.S: ich weiß was ( heutzutage ) ein Lude ist aber kommt der Name wirklich aus dem Gewerbe ?
Luther hieß auch Luder, vielleicht ist es aber besser, wenn man den Namen nicht untersuchen lässt. Weil der könnte viele Hintergründe haben. Der könnte auch vom lateinischen Spielen kommen. Und im slawischen heiß Volk auch irgendwie so. Für mich ist Namenfoschung wie Kaffeesatz lesen. Man wird den wahren Grund nicht mehr heraus finden. Auch wenn man die Herkunft kennt, kann ja der Namen gebende Vorfahre dennoch ein Ausländer gewesen sein. Es ist wie Statistik. Als deutsche müsste ich blond und blauäugig sein. Trifft aber für die meisten dann doch nicht zu. Viel wichtiger wäre es den Namen des Kindes mit einem Geistlichen zu besprechen. Er sollte ja ein wohlwollendes Geschenk für das Kind sein. Es ist eine Frage der Liebe, ob man sein Kind Kirsche oder Rainer Zufall, oder Bernhard Diener, oder Clair Grube, heißt. Man ohrfeigt damit das arme unschuldige Kind von der Wiege bis zur Bahre und über den Tod hinaus. Sogar am Grabstein wird es noch Lacher verursachen. Der Vornahme ist eigentlich das Einzige was ein Mensch ewig besitzt. Der Tod nimmt einem den Körper, aber nicht den Namen. Ob die Namensforscher die Fähigkeit haben, die Eltern Kindgerecht zu beraten, wage ich zu bezweifeln. Vor allem wenn ein exotischer Namen doch mehr Geld bringt als ein normaler Name. Auch so Mode Namen wie Kevin, oder ... ,sage jetzt nicht mehr, sind problematisch. Ich würde mir ein Heiligen Lexikon kaufen und dort mal blättern, und wenn mir da ein Heiliger besonders zusagt, dann würde ich mir den Namen auswählen. Dann hat das Kind auf alle Fälle einen guten Namen. Ich würde den Namen eines heiligen wählen, weil wichtiger als alle anderen Eigenschaften ist doch, dass es ein lieber Mensch ist. Und ein Heiliger ist vor allem eines, ein Mensch der sehr viel Liebe für seine Mitmenschen hatte. Künstler und Kaiser sind heute modern und morgen nicht mehr. Man denke nur an Namen wie: Adolf, Wilhelm, Kevin, Elvis. Aber ein Heiliger ist immer hoch im Kurs.
obi wan kenobi 13.01.2010
4. Heiliger hilf!
Der Name eines Heiligen? Ohja, kommt immer gut, wenn man zum Beispiel Hindu oder Moslem ist..passt garantiert und löst keinerlei Lachanfälle aus. Und das Heilige nicht immer so heilig waren, das sollte auch der dümmte Christ inzwischen mitbekommen haben. Also keine gute Namenswahl.
shenshen_ie 13.01.2010
5. ...
Zitat von GM64Luther hieß auch Luder, vielleicht ist es aber besser, wenn man den Namen nicht untersuchen lässt. Weil der könnte viele Hintergründe haben. Der könnte auch vom lateinischen Spielen kommen. Und im slawischen heiß Volk auch irgendwie so. Für mich ist Namenfoschung wie Kaffeesatz lesen. Man wird den wahren Grund nicht mehr heraus finden. Auch wenn man die Herkunft kennt, kann ja der Namen gebende Vorfahre dennoch ein Ausländer gewesen sein. Es ist wie Statistik. Als deutsche müsste ich blond und blauäugig sein. Trifft aber für die meisten dann doch nicht zu. Viel wichtiger wäre es den Namen des Kindes mit einem Geistlichen zu besprechen. Er sollte ja ein wohlwollendes Geschenk für das Kind sein. Es ist eine Frage der Liebe, ob man sein Kind Kirsche oder Rainer Zufall, oder Bernhard Diener, oder Clair Grube, heißt. Man ohrfeigt damit das arme unschuldige Kind von der Wiege bis zur Bahre und über den Tod hinaus. Sogar am Grabstein wird es noch Lacher verursachen. Der Vornahme ist eigentlich das Einzige was ein Mensch ewig besitzt. Der Tod nimmt einem den Körper, aber nicht den Namen. Ob die Namensforscher die Fähigkeit haben, die Eltern Kindgerecht zu beraten, wage ich zu bezweifeln. Vor allem wenn ein exotischer Namen doch mehr Geld bringt als ein normaler Name. Auch so Mode Namen wie Kevin, oder ... ,sage jetzt nicht mehr, sind problematisch. Ich würde mir ein Heiligen Lexikon kaufen und dort mal blättern, und wenn mir da ein Heiliger besonders zusagt, dann würde ich mir den Namen auswählen. Dann hat das Kind auf alle Fälle einen guten Namen. Ich würde den Namen eines heiligen wählen, weil wichtiger als alle anderen Eigenschaften ist doch, dass es ein lieber Mensch ist. Und ein Heiliger ist vor allem eines, ein Mensch der sehr viel Liebe für seine Mitmenschen hatte. Künstler und Kaiser sind heute modern und morgen nicht mehr. Man denke nur an Namen wie: Adolf, Wilhelm, Kevin, Elvis. Aber ein Heiliger ist immer hoch im Kurs.
Ich fuehle mich jetzt doch verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass Kevin sehr wohl der Name eines Heiligen ist. Nach Heiligen benannt zu sein ist fuer Kinder keinesfalls immer ein Zuckerschlecken. Meine Tante verdankt ihren (original0-Namen der ueberschwenglichen Zuneigung meiner Grossmutter an die heilige Kunigunda. Bei Annahme der US-Staatsbuergerschaft konnte meine Tante ihren Namen zum Glueck ohne groessere Probleme aendern. Sie nennt das heute noch "den gluecklichsten Tag ihres Lebens".
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