Orchideenfach Rechtspflege Mehr als nur der Hilfsarbeiter des Richters

Nur einige hundert Studenten jährlich schreiben sich für Rechtspflege ein, eine Alternative zum Jurastudium. Rechtspfleger erhalten eine breite, praxisnahe Ausbildung und können im Berufsalltag eigenständig arbeiten.


Rechtspfleger treffen auch eigenständig juristische Entscheidungen
GMS

Rechtspfleger treffen auch eigenständig juristische Entscheidungen

In Gesetzestexten kennt sich Andreas Grenz aus. Richter, Notar oder Rechtsanwalt möchte er allerdings nicht werden. Das Ziel des 27-Jährigen ist der Beruf des Rechtspflegers. "Ich habe mich schon während des Abiturs für Wirtschafts- und Verwaltungsrecht interessiert", sagt Grenz. Heute studiert er an der Fachhochschule für Rechtspflege im baden-württembergischen Schwetzingen und steht kurz vor dem Examen.

Grenz gefällt an seinem künftigen Beruf vor allem die Selbständigkeit. "Wie der Richter arbeitet der Rechtspfleger sachlich unabhängig und ist nur dem Gesetz und seinem Gewissen verpflichtet", erklärt Mario Blödtner vom Bund deutscher Rechtspfleger (BDR) in Düsseldorf. Das bedeute, dass der Rechtspfleger eigenständig juristische Entscheidungen trifft. Er bearbeitet zum Beispiel Anträge auf Änderungen im Grundbuch oder stellt Erbscheine aus, ist für Vereins- und Handelsregistersachen sowie Kostenfestsetzungsverfahren zuständig.

Dirk Vester arbeitet seit fast zwei Jahren als Rechtspfleger. Zuerst beschäftigte er sich mit Zwangsvollstreckungen sowie Unterhalts- und Gerichtskostenfestsetzungen bei Familienstreitigkeiten. Seit einem halben Jahr hat der 25-Jährige am Bielefelder Amtsgericht vor allem mit Konkursverfahren zu tun. "Wenn ein Unternehmen verschuldet ist und seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann, nehme ich den Antrag auf ein Insolvenzverfahren auf", erzählt er. Zudem protokolliert und überwacht Vester die vom Konkursverwalter vorgenommene Unternehmensabwicklung: "Ich kontrolliere, dass die Gelder ordnungsgemäß eingenommen und verwertet werden."

Auf dem Lehrplan stehen alle juristischen Bereiche

Dabei arbeitet er zwar häufig mit dem Richter zusammen. "Der Rechtspfleger ist aber kein Hilfsarbeiter des Richters", betont Heike Romeike, stellvertretende Geschäftsleiterin der FH für Rechtspflege in Bad Münstereifel. Insgesamt neun dieser Fachhochschulen gibt es in Deutschland. Zu den wichtigsten Fächern des dreijährigen Studiums zählen Grundbuch-, Erb- und Familienrecht.

"Der Rechtspfleger klappert in seiner Ausbildung fast alle juristischen Fachbereiche ab", so Heike Romeike, "das ist ein breites Spektrum." Andreas Grenz weiß das nur zu gut. Zählt er Nebenfächer wie Steuerrecht und Betriebswirtschaftslehre mit, umfasst sein Lehrplan insgesamt 21 Fächer. Die Ausbildung ist nicht in Semester, sondern in Studienabschnitte unterschiedlicher Länge eingeteilt.

Bei der Einführung am Amtsgericht wird den Studenten zunächst Basiswissen über Rechtswesen und Gerichtsaufbau vermittelt. Danach folgen im Wechsel Studienzeiten an der FH und die Praxisausbildung bei Gerichten und Staatsanwaltschaften. Einen Ausbildungsplatz zu bekommen, ist nicht so einfach. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel beginnen in diesem Jahr nur 25 Teilnehmer. Denn es werden nur so viele Rechtspfleger ausgebildet, wie in den Ruhestand gehen.

Die Anforderungen an Bewerber sind hoch, die allgemeine oder die Fachhochschulreife Bedingung. "Die Note sollte im sehr guten Bereich liegen", sagt Blödtner vom Rechtspfleger-Bund. In manchen Jahren sei die Bewerberliste bei einem Zeugnisdurchschnitt von 1,5 geschlossen worden, sagt er. Bewerber müssen zwischen 18 und 27 Jahre alt sein und ein makelloses polizeiliches Führungszeugnis vorweisen können. Außerdem sollten sie sich mit der Verfassung auskennen und ein gutes Allgemeinwissen mitbringen.

Gute Berufsaussichten und sicherer Beamtenstatus

Dirk Vester meint, Rechtspfleger sollten zudem flexibel und kommunikativ sein. Schließlich arbeiteten sie auch in der Öffentlichkeit. "Zu einer Verfahrensaufnahme kommen unter Umständen um die 20 Leute. Da muss ich sicher auftreten und moderieren können." Der größte Teil seiner Arbeit sei aber das Aktenstudium: "Es ist wichtig, sich schnell in neue Themen einarbeiten zu können. Das Recht ändert sich ja auch immer wieder."

Als Bedienstete der Bundesländer arbeiten Rechtspfleger bei Gerichten, Staatsanwaltschaften und in der Justizverwaltung. Sie haben gute Berufschancen und können nach einigen Jahren Berufspraxis auch als Amtsanwalt Karriere machen. Manche bilden sich im Jurastudium weiter zum Volljuristen.

In der Ausbildung verdienen Rechtspfleger monatlich rund 1600 Mark brutto. Später ist laut Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg ein Gehalt von bis zu 7500 Mark brutto möglich. Der Beruf bietet aber nicht nur ein attraktives Einkommen, sondern auch die berufliche Sicherheit des Beamtenstatus.



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