Orchideenfach Sprecherziehung Starke Worte

Verhandlungen, Referate, Konfliktgespräche - das alles simulieren Sprecherzieher im Studium. Ihr Spezialgebiet ist die mündliche Kommunikation, die Wurzeln reichen zurück bis zu den antiken Rhetorikern. Die Absolventen des kleinen Faches haben gute Berufschancen.

Von Benjamin Thomas Hobert


Übung Münsteraner Sprecherzieher: Korken im Mund und trotzdem nicht lallen
Benjamin Thomas Hobert

Übung Münsteraner Sprecherzieher: Korken im Mund und trotzdem nicht lallen

"Die weit gefächerte Ausbildung rund um Sprache und Körper fasziniert mich: Theaterarbeit, Rezitation, Rhetorik und Stimmbildung zum Beispiel." Anette Schindler, 24, fasst die Motivation der meisten Sprecherziehungs-Studenten zusammen: "Man lernt viel über sich selbst", sagt die Münsteraner Studentin, etwa durch "Videoaufnahmen kurzer Redebeiträge, Feedback durch Lehrende oder Kommilitonen und eine veränderte Selbstwahrnehmung in ungewohnten Situationen, zum Beispiel auf der Bühne".

Das Berufsprofil der Sprecherzieher, oft fälschlich mit Logopäden gleichgesetzt, ist weithin unbekannt. Das Studium umfasst alle Bereiche der mündlichen Kommunikation und steht in der Tradition antiker rhetorischer Bildung. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden die ersten universitären Einrichtungen; mittlerweile arbeitet die Sprecherziehung interdisziplinär (Medizin, Pädagogik und Psychologie). Die Ausbildung der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) ruht auf fünf Säulen: sprechwissenschaftliche Grundlagen, Sprechbildung, Sprechtherapie, rhetorische Kommunikation und Sprechkunst.

Breites Berufespektrum nach dem Studium

"Der große Vorteil der Sprecherziehung ist, dass Schlüssel- und Transferkompetenzen geschult werden, die in jedem Fachbereich von Nutzen sind. Wir arbeiten mit dem ganzen Menschen und fördern damit auch die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen." Ortwin Lämke, Leiter des Lektorats für Sprecherziehung und Vortragskunst in Münster, weiß genau um den Facettenreichtum der Ausbildung: "Denken Sie an Verhandlungen, Referate, Konfliktgespräche, Überzeugungsreden - das alles simulieren wir in unseren Seminaren."

Daraus ergeben sich gute Berufsaussichten. "Den Absolventen stehen im Fort-, Weiterbildungs- und Therapiebereich alle Türen offen", meint Lämke. Zudem können sie an Universitäten, künstlerisch oder im Medienbereich arbeiten. Untersuchungen zeigten, dass zehn Jahre nach dem Abschluss alle Sprecherziehungs-Absolventen beruflich fest etabliert seien, so Lämke.

Trotzdem bieten lediglich vier Hochschulen den Studiengang an: die Unis in Halle-Wittenberg, Regensburg und Koblenz-Landau sowie die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Hinzu kommen einige DGSS-Prüfstellen in Bochum, Frankfurt, Saarbrücken und Vechta. Andere Hochschulen veranstalten immerhin einige Seminare zur Sprecherziehung an und bemühen sich um einen Ausbau. In Münster etwa melden sich mittlerweile vier Bewerber auf einen freien Seminarplatz - trotzdem hat die Universität das Lehrangebot bisher noch nicht erweitert.

Dagegen sind die Bedingungen in den USA paradiesisch: In über 250 "Departments of speech-communication" werden hier die "soft skills" mündlicher Kommunikation geschult. Dass die Amerikaner um Längen voraus sind, können die deutschen Studenten kaum verstehen: "Was ich bei der Sprecherziehung lerne, ist universell einsetzbar", meint der 25-jährige Jan Küper aus Münster.



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