Orchideenfächer Ingenieure der etwas anderen Art

Es ist ein Exot unter den Studienfächern: Glas, Keramik, Bindemittel - das erinnert entfernt an Ton, Steine, Scherben. Das Fach wird nur an drei deutschen Hochschulen gelehrt. Doch die Absolventen haben in der Wirtschaft erstklassige Chancen und können sich ihren Arbeitsplatz oft aussuchen.

Von Julia Sohnemann


Findet das Exotenstudium gut: Kerstin Rohlfs

Findet das Exotenstudium gut: Kerstin Rohlfs

Wenn Kerstin Rohlfs zu erklären versucht, was sie studiert, erntet sie meist nur verständnisloses Stirnrunzeln. "Meine Familie kann sich sogar bis heute noch nichts unter meinem Studiengang vorstellen", sagt die Clausthaler Studentin. "Und ehrlich gesagt, weiß ich manchmal selber nicht so genau, worauf mein Studium eigentlich hinauslaufen soll."

Zuckt der Gesprächspartner bei Glas-Keramik-Bindemittel nur mit den Schultern, versucht die 21-Jährige es meist noch mit Steine und Erden. Denn so hieß der Studiengang bis vor knapp zwei Jahren an der Technischen Universität Clausthal. Studieren kann man das Orchideenfach nur an drei deutschen Universitäten: der RWTH Aachen, der Universität Freiberg und in Clausthal.

Große Industrie hinter dem kleinen Fach

Schmelzversuch an der TU Clausthal
TU Clausthal

Schmelzversuch an der TU Clausthal

Dort gab es in den 50 Studienjahren nur rund 600 Absolventen; 34 Studenten sind derzeit an der TU eingeschrieben. Selbst viele Studenten anderer Ingenieur-Disziplinen wissen nicht einmal, dass es Glas-Keramik-Bindemittel überhaupt gibt. Deshalb sind die Interessenten rar - drei Jahre lang wollte sich sogar niemand in Clausthal an das Studium wagen.

Albrecht Wolter, Professor für Bindemittel, kann das gar nicht verstehen. Denn "hinter diesem kleinen Studiengang steht eine große Industrie", sagt er. Da Deutschland im Anlagenbau für Bindemittel wie zum Beispiel Zement weltweit führend sei, würden auch viele Ingenieure aus diesem Fachbereich benötigt. Deshalb seien die Berufsaussichten vorzüglich.

Mit Anfragen nach Absolventen werde er von der Industrie regelrecht bombardiert, sagt Wolter. Und wegen der engen Zusammenarbeit mit Firmen gebe es viele Plätze für Diplomarbeiten oder Praktika. Auch das Ausland zeigt Interesse an deutschen Absolventen der Fachrichtung Glas-Keramik-Bindemittel. Denn das Studium hat, wegen des Praxisbezuges und der geforderten Eigeninitiative, einen sehr guten Ruf.

Im Grundstudium arbeiten die Studenten mit anderen Fachbereichen zusammen und bekommen eine klassische Ausbildung zum Ingenieur - inklusive Elektrotechnik, technischer Mechanik, Physik, Chemie und Mathe. Im Hauptstudium spezialisieren sie sich dann auf Glas, Keramik und Bindemittel.

Für Frauen findet die Uni das Studium besonders geeignet
TU Clausthal

Für Frauen findet die Uni das Studium besonders geeignet

Vorlesungen hören sie unter anderem in Geologie, Recycling und Baustofflehre und absolvieren während des Studiums ein halbjähriges Pflichtpraktikum in der Branche.

Gute Perspektiven für Frauen

Den Absolventen stehen dann viele Türen offen: Neben Tätigkeiten in den Betrieben der Glas-, Keramik- und Bindemittelindustrie gibt es auch Arbeitsplätze in der Baustoffindustrie und Rohstoffgewinnungsbetrieben. Hinzu kommen Stellen in der staatlichen Materialprüfung, im Patentwesen sowie bei Behörden.

Abwechslungsreiche Arbeit im Labor
TU Clausthal

Abwechslungsreiche Arbeit im Labor

Kerstin Rohlfs ist noch lange nicht so weit, dass sie sich über ihren künftigen Arbeitgeber Gedanken machen muss. Im ersten Semester kämpfte sie noch mit Matheklausuren und Physikvorlesungen. Allerdings sieht sie bisher nur Vorteile in der Wahl des eher exotischen Studiengangs. Vor allem die Nähe zu den Professoren, die fast jeden mit Namen kennen und sich mehr Zeit nehmen als in Massenfächern, gefällt der 21-Jährigen.

Dass sie sich zwischen nur drei Universitäten entscheiden musste, stört sie im Gegensatz zu einigen anderen Studenten nicht sehr. Denn bereits beim Schnupperstudium hatte Kerstin sich in Clausthal wohl gefühlt. "Wären diese Informationstage für Frauen allerdings nicht gewesen, hätte ich dieses Fach wohl nie gewählt - ich hätte gar nicht gewusst, dass es das gibt", so die Studentin.

Den Studiengang sieht Albrecht Wolter als besonders geeignet für Frauen. Denn während der Frauenanteil an technischen Universitäten bei unter 20 Prozent dümpelt, verzeichnet das Fach Glas-Keramik-Bindemittel 40 Prozent Studentinnen. "Dies liegt wohl auch daran, dass die Frauen in diesem Studiengang mit Stoffen direkt zu tun haben. Außerdem können sie im Beruf gut Fuß fassen", so der Clausthaler Professor.



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