Orchideenfächer Wenn Wissen mehr zählt als Geld

Sie erwägen, diesen Artikel über Orchideenfächer zu lesen? Dann sind Sie vielleicht selbst der ideale Orchideen-Student. Und für Koptologie oder Papyrologie zu begeistern.

Die Frauenschuh-Orchidee (Paphiopedilum hirsutissimum) ist in deutschen Büros selten anzutreffen
DPA/ WWF

Die Frauenschuh-Orchidee (Paphiopedilum hirsutissimum) ist in deutschen Büros selten anzutreffen


Fabian Reiter ist ein seltenes Gewächs: Einer von bundesweit zwei Professoren für Papyrologie, und zwar an der Uni Trier. Das ist ein klassisches Orchideenfach, das nur wenige studieren und das sich gängigen Vorstellungen des Arbeitsmarkts entzieht. Man könnte böswillig sagen: ein Fach wie eine Orchidee eben - schön, aber sinnlos.

Das erste, was Studenten dieser Fächer lernen, ist die Antwort auf die Frage: Und was macht man da? Dazu Reiters: "Meine Hauptbeschäftigung ist, griechische Texte zu entziffern, zu transkribieren, ergänzen, erklären und zu edieren, die sich auf Papyri und anderen Schriftträgern in großen Mengen aus Ägypten erhalten haben." Das ist kaum die typische Büroödnis, die für Tausende BWL-Absolventen Alltag ist.

Nächste Orchideenfrage: Und was macht man damit (wenn man nicht gerade Professor seines Fachs wird)? Deutsche Papyrologen arbeiten meist in der Wissenschaft oder der Museumsarbeit, sagt Reiter, es gibt nur wenige echte Papyrologen-Stellen.

Stattdessen empfiehlt er, das Fach als Ergänzung zu anderen Wissenschaften zu nutzen. Außerdem trainiert es Kompetenzen, die anderswo gebraucht werden. Man müsse als Papyrologe "kreativ und sorgfältig arbeiten", wirbt Reiter. Er und seine Absolventen hätten Kritikbewusstsein und die Fähigkeit, sich immer wieder in neue Probleme zu vertiefen.

Stark im Kommen: Religion und was mit Medien

"Kleine Fächer tragen wesentlich zur Diversität wissenschaftlicher Disziplinen und Perspektivenvielfalt an unseren Universitäten bei", sagt Katharina Bahlmann von der Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer.

Als klein gelten Fächer, die mit nicht mehr als drei Professuren an einer Universität besetzt oder bundesweit an weniger als zehn Prozent der Unis vertreten sind. Dazu zählen zum Beispiel Arabistik (Arabische Sprache und Kultur), Koptologie (Koptische Sprache und Kultur), Umformtechnik (Spezialbereich des Maschinenbaus), Onomastik (Namensforschung) oder Diakonik (Spezialgebiet der Theologie).

Seit 1997 sei die Anzahl der Professuren in den kleinen Fächern bundesweit annähernd konstant geblieben, sagt Bahlmann. Allerdings entwickeln sich die Fachgruppen sehr unterschiedlich. So seien beispielsweise Geschichts- und Altertumswissenschaften von sinkenden Professorenzahlen betroffen, wohingegen die meisten Religionswissenschaften und Fächer mit Medienbezug deutliche Zuwächse aufwiesen.

"Als Geisteswissenschaftler sind Sie für wirtschaftliche Unternehmen schwer einsetzbar, es sei denn, Sie gehen in die Kommunikationsabteilung", sagt Frauke Narjes, Leiterin des Career Centers der Universität Hamburg. Mit 49 kleinen Fächern bietet die Universität Hamburg mit das größte Angebot an exotischen Studiengängen in Deutschland.

Für die meisten dieser Fächer gebe es auf dem Arbeitsmarkt keinen großen Bedarf, so Narjes. "Diejenigen, die diese Fächer studieren, sollten sich die Frage stellen, was der Anlass für die Fächerwahl ist", sagt sie. "Es ist erst mal ein reines Bildungsstudium und keine Berufsausbildung."

Studieren nur um der Bildung Willen - der Gedanke erscheint vielen heute, wo es stets um wirtschaftliche Verwertbarkeit geht, ungewöhnlich. Aber vielleicht ist ja genau das ein guter Grund, ein Orchideenfach zu wählen.

mamk/Anke Dankers/dpa



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