Orientalisches Oktoberfest Wiesn in der Wüstn

Gaudi mit Lasso und Marterpfahl, Bier und Brezn, Menschen mit Hosenträgern und lustigen Hüten - München in Nahost. BWL-Studenten haben das Oktoberfest nach Damaskus geholt. Wenn deutsche Gründlichkeit syrische Gelassenheit trifft: die Geschichte eines Experiments.

Marc Röhlig

Von Simon Kremer und , Damaskus


Der Lärm der Hauptstadt rollt stets in Wellen an die Dachterrasse des Umayyaden-Hotels heran. Mal heult eine Sirene, mal schreit es aus einem Hinterhof. Die Muezzine rufen zum Abendgebet. Ihre Stimmen weben in der Luft einen sonoren Klangteppich. Doch dann dreht auf dem Hoteldach jemand die Boxen auf - "Da hat das rote Pferd sich einmal umgekehrt" - und setzt den Damaszener Geräuschen Bierzeltmusik entgegen.

Die syrische Hauptstadt erlebt ein deutsches Volksfest. Das sieht freilich anders aus, als man es vom Münchner Oktoberfest gewohnt ist. Statt auf der Wiesn wird auf einem Hoteldach gefeiert, mit Kronleuchtern, violetten Plüschkissen und weißen Ledersofas. Statt Maß gibt's Bier aus Flaschen und statt Hendl oder Haxn Cocktailwürstchen, natürlich frei vom Schwein.

Lederhosen kennt man in Damaskus auch nicht - dafür tragen die syrischen Kellner eine Kombi aus grünen Filzhüten mit Federpuscheln und bestickten Hosenträgern. Als gerade keiner hinschaut, zupft sich einer an Letzteren und betastet sie argwöhnisch.

Studenten haben das Oktoberfest von der Isar an den Barada geholt. Einer ist Alireza Assobar, 33, der iranische Wurzeln hat und im Allgäu aufgewachsen ist. Er hat Internationale Wirtschaft in Worms studiert und ist jetzt für einen deutsch-arabischen Wirtschaftsaustausch anderthalb Jahre in Damaskus. Partys zu organisieren, hat Assobar zu seiner Leidenschaft gemacht. Und diesmal auch gleich zum Anschauungsmaterial: "Wir haben wir den Arabern mal gezeigt, wie schnell wir Deutschen etwas organisiert bekommen."

Deutsche Gründlichkeit, syrische Gelassenheit

Denn Effektivität, sagt Assobar, sei hier nicht selbstverständlich. Die syrischen Freunde seien total perplex, dass man innerhalb von zwei Monaten Syrien-Aufenthalt so eine Großveranstaltung auf die Beine stellen könne. "Wir lernen in unserem Land mehr Eigeninitiative und selbstständiges Handeln - das ist hier so nicht üblich."

Deshalb konnten Assobar und sein Team gar nicht sofort mit ihrer "deutschen Arbeitsweise" durchstarten. Um das Oktoberfest auf die Beine zu stellen, war syrische Hilfe notwendig. Nach syrischen Usancen. Die Location auf der Dachterrasse des Umayyaden-Hotels war schnell gefunden, die Einigung mit dem Hotelmanager allerdings nicht so simpel.

"Wir würden einfach einen Vertrag aufsetzen", sagt Assobar - der Manager aber setzte erst mal Tee auf. Mehrmals traf man sich zum Plaudern und Ausloten der Feierlichkeiten. "Ein Syrer macht einen Deal per Handschlag", sagt Assobar, und so einen Handschlag verdient man sich nur durch Vertrauen und langsame Annäherung. Erst als der Allgäuer und sein Team als Freunde angenommen wurden, war der Hotelmanager mit dem Event einverstanden.

Flyer nicht für jeden

Deutsches Zack-zack traf auf syrische Galssenheit. Als sich alle einig waren, schufen sie ihr Oktoberfest nach einfachem Rezept: deutsches Musikgut, Würstchen, Sauerkraut, Kartoffelsalat, Brezen von einem deutschen Bäcker, natürlich deutsches Bier. Zusammengekocht in der Hitze von Damaskus entstand daraus das spezielle Oktoberfest, das in erster Linie eines bietet: "Networking zwischen Deutschen und Nichtdeutschen", sagt Assobar und zupft sich die Krawatte zurecht.

Oktoberfest ist hier mehr Name als Programm. Außer den Bierpreisen ähnelt nur wenig dem Münchner Original, denn das tatsächliche Anliegen sieht so aus: Botschafter, Sprachstudenten und Unternehmer aus aller Welt sollen auf dem Hoteldach zueinander finden.

Die Akquise erfolgte durch Weitersagen und über die westlichen Botschaften in Damaskus. "Wir hatten auch Flyer", sagt Assobar. "Aber die darf man ohne Genehmigung der syrischen Regierung nicht verteilen." Da die Genehmigung, ein kleiner Stempel, mehrere Wochen gedauert hätte, streiften Assobar und seine Kommilitonen auf eigene Faust durch die Straßen Damaskus und luden jene ein, die sich europäisch anhörten - "damit die Flyer nicht in die falschen Hände geraten". Wer vom Oktoberfest erfuhr, musste sich per E-Mail anmelden. Auf der Gästeliste sammelten sich binnen vier Tagen über 300 Namen.

Muezzin konkurriert mit dem Marterpfahl

Die Liste erfüllt für Assobar zweierlei: Sie hilft natürlich, jene zusammenzubringen, die networken wollen. Und sie hilft, jene draußen zu lassen, die europäische Partykultur nicht vertragen könnten. Alkohol, Schweinefleisch und knapp bekleidete Mädel - was das Grundgewürz für jedes Bierzelt ist, sorgt im muslimischen Syrien nur für Empörung. Die Feier daher für alle freizugeben, "hätte uns nur Ärger gemacht", sagt Assobar. Er wollte auch vermeiden, dass syrische Männer die Freizügigkeit aufgebrezelter Frauen falsch verstehen.

Und so darf sich an diesem Abend und auf diesem Dach jeder Gast, ob europäisch oder syrisch, ganz "privat" fühlen. Zumindest in Sachen Schwein haben sich die Organisatoren dem Willen des Managers gebeugt, auch wenn sonst an diesem Abend wenig an eine Party im Orient erinnert, bis auf den lauen Sternenhimmel und die grün schimmernden Minarette im Hintergrund.

Der Kellner, der zu Beginn umständlich am Lederhosen-Imitat herumnestelte - er drückt sich jetzt durch die tanzenden und netzwerkenden Menschen, bringt Bier von der Bar an die Tische. Und schaut so amüsiert wie befremdet. Den Muezzinruf zum Nachtgebet wird er nur ganz schwach hören können - denn aus den Boxen heraus dröhnt gerade ein Lied mit "Lasso" und "Marterpfahl".


Die Autoren Simon Kremer und Marc Röhlig sind in Damaskus, um zu studieren und Arabisch zu lernen. Auf der neuen Seite www.soukmagazine.de berichten sie aus dem Nahen Osten.

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
ohmscher 23.10.2009
1. Schon recht
Zitat von sysopGaudi mit Lasso und Marterpfahl, Bier und Brezn, Menschen mit Hosenträgern und lustigen Hüten - München in Nahost. BWL-Studenten haben das Oktoberfest nach Damaskus geholt. Wenn deutsche Gründlichkeit syrische Gelassenheit trifft: Die Geschichte eines Experiments. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,656779,00.html
Mein Gott, was für ein dämliches Geschwalle. Ähnliches über ein anderes Volk gesagt, und der Geifer über Diskriminierung und der bösen Vorurteile würde kilometerweit spritzen, aber man wirft ja nur den Deutschen die sattsam bekannte Gründlichkeit vor im Gegensatz zur Gelassenheit, die alle anderen auszeichnet.
ohmscher 23.10.2009
2. Korrektur
Zitat von ohmscherMein Gott, was für ein dämliches Geschwalle. Ähnliches über ein anderes Volk gesagt, und der Geifer über Diskriminierung und der bösen Vorurteile würde kilometerweit spritzen, aber man wirft ja nur den Deutschen die sattsam bekannte Gründlichkeit vor im Gegensatz zur Gelassenheit, die alle anderen auszeichnet.
Ich korrigiere: "die bösen Vorurteile". Danke.
Sheherazade, 23.10.2009
3. Gründlichkeit...
Zitat von ohmscherMein Gott, was für ein dämliches Geschwalle. Ähnliches über ein anderes Volk gesagt, und der Geifer über Diskriminierung und der bösen Vorurteile würde kilometerweit spritzen, aber man wirft ja nur den Deutschen die sattsam bekannte Gründlichkeit vor im Gegensatz zur Gelassenheit, die alle anderen auszeichnet.
Inwiefern ist Gründlichkeit für Sie negativ? Die meisten Araber, die ich kenne, schätzen genau das an den Deutschen und es zeichnet für mich auch die Qualität der deutschen Produkte aus.
Sheherazade, 23.10.2009
4. ...
Ich bin zwar kein Fan von der Veranstaltung als solcher, aber witzig finde ich die Initiative allemal. Und wenn jetzt Leute meckern, dass sei aber doch alles nicht authentisch, ja mein Gott, chinesisches Neujahr in Paris ist garantiert auch nicht wie in China, trotzdem schauen sich das viele Leute an und haben ihren Spass.
Diomedes 24.10.2009
5. Mediale Verkündigung...
Hat es eigentlich irgendeinen tieferen Sinn oder Absicht, dass neuerdings in den Postillen soviel davon zu lesen ist, wie hedonistisch und liberal der Orient doch angeblich sein soll oder sind das nur die üblichen multikulturellen Nebelkerzen, damit die weltanschauliche Extremgruppe der Grünen sich auch mal wieder freuen kann, zwischen all den Nachrichten von religiösen Fanatismus und Gewalttaten, welche sonst aus dem Orient einzulaufen pflegen?
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