Nachhilfe-Professor "Meine Tür steht offen"

Notarzt für Studenten: Die Uni Osnabrück leistet sich einen Physikprofessor, der nur Nachhilfe gibt. Im Interview erklärt Alfred Ziegler, 63, wie seine Arbeit die Uni verändert.


Zur Person
  • Alfred Ziegler, 63, ist Physiker an der Uni Osnabrück und der erste Professor, der nur Nachhilfe erteilt. Er sieht sich als "Notarzt der Studenten".
UniSPIEGEL: Eigentlich müssten Sie als Physikprofessor doch Spitzenforschung betreiben, statt Nachhilfe zu geben.

Ziegler: Kann sein. Aber am Institut hier haben sie vor ein paar Jahren gemerkt, dass viele Studenten selbst in höheren Fachsemestern die Grundlagen nicht kennen. Das ist eigentlich an allen Unis so, aber in Osnabrück wollte man es ändern und hat mich dann als Nachhilfeprofessor installiert.

UniSPIEGEL: Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ziegler: Der Hauptteil der Arbeit geschieht in meinem Büro. Meine Tür steht immer offen, Studenten können jederzeit reinkommen. So sitzen gleich mehrere Leute vor meinem Schreibtisch, mit ganz verschiedenen Aufgaben, die sie zu bewältigen haben. Ich beschäftige alle gleichzeitig.

UniSPIEGEL: Klingt anstrengend.

Ziegler: Man muss fit sein, aber mir macht das Spaß. Ich war nach meiner Habilitation erst Physiklehrer am Gymnasium. Meine Arbeit jetzt ist die perfekte Mischung zwischen Uni und Schule.

UniSPIEGEL: Fruchtet Ihre Arbeit?

Ziegler: Ja, die Quote der Studienabbrecher ist zurückgegangen. Es gibt leider keine verlässlichen Zahlen, aber wir beobachten eine klare Veränderung. Und mir haben schon viele Studenten gesagt: Ohne Sie hätte ich längst abgebrochen.

UniSPIEGEL: Was können Sie, was Ihre Kollegen in den Vorlesungen nicht schaffen?

Ziegler: Ich spreche mehr über das Warum und Wieso, ich referiere nicht einfach. Formeln fallen nicht vom Himmel, es gibt immer eine Geschichte dahinter. Wer die versteht, hat gleich viel mehr Durchblick und vor allem Lust. Und natürlich sind die Gruppen bei uns kleiner, das hilft.

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
holystony 06.01.2015
1. Sehr gut...
... dass es diesen Professor gibt. Für mich gibt es aber einen grundsätzlichen Mangel im gesamten System: Professoren wird keinerlei pädagogisches Wissen mit gegeben. Das ist für mich absolut unverständlich.
Mitti 06.01.2015
2.
Vorbildlich.
gruenesonne 06.01.2015
3. Weiter, immer weiter (abwärts)
"Meine Arbeit jetzt ist die perfekte Mischung zwischen Uni und Schule." Und das an einer deutschen Universität! Kein wunder wenn es mit dem deutschen Bildungsstandart abwärts geht.
hkruxx 06.01.2015
4. Also...
das erste Mißverständnis liegt schon alleine darin, dass Universität keine Schule ist. Und Nachhilfe gibt es schon seit jeher an Hochschulen. Man nennt sowas Tutorien, in denen relevante Inhalte wiederholt, geübt und vertieft werden (sollen). Ich traf mich während meines Studiums zum Lernen und zum Austausch mit Komilitonen und verbrachte viel (!) Zeit in der Bibliothek und wälzte Bücher, um den Stoff der Vorlesungen zu verstehen. Daraus spricht das zweite Mißverständnis, dass alles Relevante eines Studiums nur in Vorlesungen, Seminaren oder Übungen vermittelt wird. Mitnichten! Studieren bedeutet vor allem Selbststudium. (es ist kein "9 to 5" Job, sondern eher "9 to 8" oder 9/10/11 Job) Im Grundstudium vermitteln Kurse (faktisches) Grundlagenwissen eines Faches. Alle weiteren Kurse bieten Orientierung am Stand der Forschung. Es mag richtig und wichtig sein, dass Universitäten diese Orientierungshilfen ausbauen, jedoch sollte man darauf achten nicht nur kosmetisch zu arbeiten. Wenn Hr. Ziegler so erfolgreich ist, wie der Artikel nahelegt, dann wäre es doch eine gute Idee ihm die Grundlagenkurse zu übertragen. Zu guter letzt: Studierende sind Erwachsene und wer Bibliotheken, Labore oder Werkräume/Ateliers (etc. pp) meidet oder nicht mag, sollte sein Studium überdenken.
wexelweler 06.01.2015
5. Alle sollen studieren
aber an der Uni kommt dann die Stunde der Wahrheit und es trennt sich dann endgültig die Spreu vom Weizen. Leider hat es heute zuviel Spreu zum Schaden der wirklich fähigen Studierenden.
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