Ostdeutsch geboren Damals, als der Westen kam

Von Daniel Kastner

Michael Hacker, Jahrgang '79: "Wir haben einen anderen Blick als die Thierses und Gaucks"


Projektmanager Hacker: "Für meine Großmutter war die Verlusterfahrung viel schwerer"
Michael Hacker

Projektmanager Hacker: "Für meine Großmutter war die Verlusterfahrung viel schwerer"

"Mein 'ostdeutsches' Lebensgefühl am 'Sandmännchen' festzumachen, damit tue ich mich schwer. In meiner Kindheit und Jugend in Hoyerswerda waren ganz normale Dinge wichtig: Sport, Freunde oder Schule. Der DDR-Kindergarten oder die Pioniere waren nur ein kleiner Teil davon.

Erst in den letzten Jahren habe ich richtig begriffen, dass die Umbruchzeit nach 1989 großen Einfluss auf mich hatte - plötzlich mussten sich alle Erwachsenen um mich herum ganz neu orientieren, egal ob Eltern oder Lehrer.

Zu Hoyerswerda fallen vielen Leuten zuerst Begriffe wie 'Platte' oder 'Ausländerfeindlichkeit' ein. Wer will es ihnen vorwerfen, aber für mich gibt es dort mittlerweile viele andere Seiten: die schöne Landschaft oder die vielen Projekte, die sich mit dem Strukturwandel beschäftigen.

Meine Großmutter hat eine ganz andere Sicht auf die letzten 20 Jahre und auf die DDR als ich. Für ihre Generation wiegt die Verlusterfahrung viel schwerer, meine Generation dagegen entdeckte nach der Wende die persönlichen Freiheiten - und nutzte sie auch.

Mich ärgert es oft, wenn Leute aus dem Osten sagen: Ich vermisse heutzutage das Gemeinschaftliche. Das mag ja sein, aber welche Konsequenz ziehen sie daraus? Denken sie: In der DDR war es besser? Oder versuchen sie, heute etwas zu ändern?

Mit dem Projekt "Dritte Generation Ostdeutschland", das ich mit organisiere, sprechen wir 2,3 Millionen Leute an, die zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Wir fragen uns, was uns zu dem macht, was wir sind. Da spielt die DDR eine Rolle, aber für viele war die Zeit danach noch wichtiger. Wir Jüngeren haben eine ganz andere Sicht auf damals und heute als die Thierses und die Gaucks."

Michael Hacker, geboren 1979 in Hoyerswerda, lebt in Berlin und arbeitet als Projektmanager



insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
henry_schmidt 08.07.2011
1. Warum?
Zitat von sysopAls Deutsche aus Ost und West 1989 auf der Berliner Mauer feierten, waren Michael, Klaudia, Christiane, Stefan und Sabine zwischen sechs und vierzehn Jahren alt. Ihre Erinnerungen an die DDR sind flüchtig - aber ihre Kindheit "drüben" zwischen Jungpionieren und Wende prägt sie bis heute. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,772920,00.html
Lieber Daniel Kastner, warum wird im Jahr 2011 durch Journalisten immer noch von "drüben" geschrieben. Sollten wir nicht alles dafür tun, diese leidige geistige Spaltung unseres Heimatlandes zu überwinden. Ihr Journalisten habt dafür einen besonderen Auftrag! Mit freundlichen Grüßen
ellereller 08.07.2011
2. Wohin wohl?
Zitat von sysopAls Deutsche aus Ost und West 1989 auf der Berliner Mauer feierten, waren Michael, Klaudia, Christiane, Stefan und Sabine zwischen sechs und vierzehn Jahren alt. Ihre Erinnerungen an die DDR sind flüchtig - aber ihre Kindheit "drüben" zwischen Jungpionieren und Wende prägt sie bis heute. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,772920,00.html
In der DDR gab es einen Straftatbestand "Assoziales Verhalten", unter den insbesondere solche Verhalten gefasst wurde, das Obdachlosen und die Junkies an den Tag legen. Diejenigen, die heute in dieser Weise auffallen, passten sich in der DDR an oder wanderten ins Gefängnis. So einfach war das! Irgendwie schon bedenklich, dass sowas nicht selbstverständlich gewusst wird.
den lille havfrue 08.07.2011
3. Tja...
Einige der Kommentare im Artikel kommen mir auch bekannt vor. Ich bin '84 in Thüringen auf die Welt gekommen und wohne seit 9 Jahren im Ausland. Und muss mir trotzdem Sachen wie, "Ach, Sie sind aus Ostdeutschland? Da habe Sie sich aber gut gemacht" oder "Du bist aus der Zone? Das kann man gar nicht hören!" usw. anhören, wenn ich mal einem Deutschen über den Weg laufe. Dabei kann ich mich an die DDR eigentlich gar nicht mehr erinnern. Nur ein paar einzelne Kleinigkeiten.
dilletantes 08.07.2011
4. *
Zitat von ellerellerIn der DDR gab es einen Straftatbestand "Assoziales Verhalten", unter den insbesondere solche Verhalten gefasst wurde, das Obdachlosen und die Junkies an den Tag legen. Diejenigen, die heute in dieser Weise auffallen, passten sich in der DDR an oder wanderten ins Gefängnis. So einfach war das! Irgendwie schon bedenklich, dass sowas nicht selbstverständlich gewusst wird.
Davon wissen natürlich nur die Leute, die die DDR als Jugendliche oder Erwachsene erlebt haben. Und selbst dann nur, wenn sie zu den "asozialen" Kreisen zählten, bzw. deren Eltern und Kinder. Und damit waren nicht nur die von ihnen genannten gemeint, sondern auch Punks, Gruftis, Schwule, Lesben, Hippies und viele andere, die nicht ins Raster des normalen DDR Bürgers passten... Dass sich daran kaum noch jemand erinnert, finde ich allerdings auch traurig.
Michael Giertz, 08.07.2011
5. Mich interessiert eines:
Zitat von sysopAls Deutsche aus Ost und West 1989 auf der Berliner Mauer feierten, waren Michael, Klaudia, Christiane, Stefan und Sabine zwischen sechs und vierzehn Jahren alt. Ihre Erinnerungen an die DDR sind flüchtig - aber ihre Kindheit "drüben" zwischen Jungpionieren und Wende prägt sie bis heute. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,772920,00.html
Ja, flüchtig, das sind sie wohl. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich das blaue Halstuch noch getragen, aber nur ein oder zwei Jahre. So richtig "durchdrungen" hat mit trotz gewisser Indoktrinationsversuche im Kindergarten die sozialistische Propaganda nicht. Der Mist war einfach nur schrecklich langweilig und ich habe nie begriffen, wozu Panzer für den Frieden gut sein sollen. Ein gutes hatte die Sache dann doch. Durch die "halbe" sozialistische Beeinflussung habe ich gelernt, dass irgendwo jedes System mehr oder weniger großes Interesse hat, die Bevölkerung im Zaum zu halten (= die Bevölkerungsmeinung zu lenken), besonders deutlich ist das für mich geworden in den Schuljahren, in denen das dritte Reich thematisiert wurde. Mitgenommen habe ich eins: es zählt nicht das, was man glaubt zu wissen (= was in den Medien erzählt wird), sondern das, was man sich selbst aus unterschiedlichen Quellen als Wissen aneignet. Gesunde Skepsis, nenn' ich das mal. Was mich interessieren würde ist folgendes: sind andere "Ostkindheit und Westjugend" ähnlich skeptisch? Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass zu viele Menschen das glauben, was in den Zeitungen steht und im Fernsehen läuft - egal, ob es ein höchstseriöses Blatt ist oder BILD & RTL. Finde ich bedenklich ... die schlechte Qualität (bezüglich Wahrheitsgehalt und Meinungsfreiheit) in den Medien sind Dinge, auf die wir "3. sozialistische Generation" verzichten können - schon weil sich die Situation heute so anfühlt wie das, was unsere Eltern uns über die DDR in den letzten Zügen erzählt haben.
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