Zeitschrift für Flüchtlinge "Da kommt großes Wissen nach Europa"

In ihrer Heimat haben sie an Unis gelehrt, jetzt liegt ihre Forschung brach: Ein deutscher Philosophiestudent aus Oxford will geflüchteten Akademikern eine Chance geben - und hat eine Zeitschrift gegründet.

Paul Ostwald
Marc Barclay

Paul Ostwald

Ein Interview von


Zur Person
    Paul Ostwald, 19, kommt aus Deutschland und studiert Philosophie und Politikwissenschaften im englischen Oxford. Er hat das "Journal of Interrupted Studies" gegründet. Die Zeitschrift soll geflüchteten Akademikern eine Plattform bieten, auf der sie ihre Texte veröffentlichen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ostwald, es gibt Zehntausende Zeitschriften in Europa. Sie haben jetzt noch eine gegründet. Warum?

Paul Ostwald: Ich habe mich sehr geärgert, als ich im vergangenen Jahr eine Talkshow gesehen habe. Da war ein Flüchtling eingeladen, der in der Einblendung nur als "Kazim, Flüchtling" beschrieben wurde. So, als wäre Flüchtling sein Nachname, seine Identität! Geflüchtete Menschen werden immer wieder reduziert auf dieses einfache Bild: ein armer Mensch, dem man helfen muss. Das finde ich falsch.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie wollen doch auch helfen.

Ostwald: Ja, aber ich möchte den Menschen mit der Zeitschrift die Möglichkeit bieten, ihr Wissen weiterzuentwickeln und weiterzugeben. Es kommen ganz verschiedene Menschen nach Europa, auch Doktoranden und Professoren. Die bringen ein großes Wissen, ein riesiges intellektuelles Potenzial, mit. Das darf nicht verloren gehen, während sie stundenlang in der Essensschlange warten.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich schon genügend Autoren gemeldet?

Ostwald: Wir haben so viele Texte, dass wir in der ersten Ausgabe gar nicht alle veröffentlichen können. Sie sind aber nicht alle wissenschaftlich, wie ich ursprünglich dachte. Einige sind auch fiktional oder journalistisch. Ein Mann beschreibt seine Reise aus dem Irak nach Deutschland. Ein anderer hat uns eine lange Abhandlung über Molekularbiologie geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie sich denn mit Molekularbiologie aus?

Ostwald: Überhaupt nicht, und ich weiß auch, dass ich als Student die Texte eines Professors, der 30 Jahre in der syrischen Stadt Aleppo gelehrt hat, nicht redigieren kann. Deshalb haben wir ein akademisches Beratergremium hier in Oxford eingerichtet, um die Qualität zu sichern. Wir ordnen gerade alles so, dass die Zeitschrift nicht bunt zusammengewürfelt wirkt und nicht mehr als 50 Seiten umfasst.

SPIEGEL ONLINE: Und wer soll sie kaufen?

Ostwald: Die erste Ausgabe soll im Juni erscheinen, und zwar als Onlinemagazin und mit rund 2500 gedruckten Exemplaren. Die wollen wir aber nicht verkaufen, sondern kostenlos an Universitäten in Großbritannien und in Deutschland verteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finanzieren Sie das?

Ostwald: Wir brauchen für die erste Ausgabe rund 2000 Euro. Vertreter der Uni haben uns angeboten, die Kosten zu übernehmen, aber wir wollen zeigen, dass auch die Zivilgesellschaft Interesse an diesen Autoren hat. Deshalb haben wir private Sponsoren in der Familie und im Bekanntenkreis gesucht. Es fehlen jetzt noch 500 Euro. Mit etwas Glück erhalten wir das Geld noch von der Deutschen Studienstiftung. Sonst versuchen wir es woanders.

SPIEGEL ONLINE: Wie messen Sie den Erfolg der Zeitschrift?

Ostwald: Ich hoffe, dass sich dadurch das Image der Flüchtlinge verbessert. Außerdem sollen sich Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea akademisch austauschen, auch im Sinne einer interkulturellen Verständigung.

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