Palästinenser-Protest Graffiti gegen das Grau der Mauer

Für Israel ist es ein Anti-Terror-Bollwerk, für Palästinenser eine Mauer der Apartheid. Die gewaltige Sperranlage zwischen ihnen symbolisiert den Nahost-Konflikt. Zwei junge Araber verschönern sie in Akkordarbeit - mit Botschaften aus aller Welt.

Von Christian Salewski, Tel Aviv


Bevor die große Politik ins Spiel kommt, ist es zuallererst das Grau, das Yousef Najimeddien stört. Acht Meter hoch, manchmal noch höher, schlängelt es sich über die ockerfarbenen Hügel, auf denen sich vor blauem Himmel die Olivenbäume in die karge Erde krallen. Bis zum Horizont reicht das Grau und noch viel weiter. Ein schier endloser Fremdkörper aus Beton, der hier, beim Flüchtlingslager Qualandia im Westjordanland, noch eine Krone aus gerolltem Stacheldraht trägt.

Yousef hat aufgeraucht und schmeißt die Kippe weg, greift sich die Spraydose, wendet sich der Betonwand zu. In abrupten Zügen malt er, jeden Buchstaben einzeln. Daran, wie der 25-Jährige schreibt, sieht man, dass er nicht mit der lateinischen Schrift aufgewachsen ist. Mit dem Mittelfinger der rechten Hand drückt er auf die Sprühkappe. Strich um Strich, immer wieder. Farbgeruch erfüllt die Luft. Es ist eine Arbeit im Akkord. Es geht darum, schnell zu sein, nicht darum, schön zu malen, denn Yousef arbeitet im Auftrag.

Es sind Aufträge von Menschen aus aller Welt. Zum Beispiel von Justin aus Sydney: Zwei oder drei Wochen zuvor kam er auf eine Idee - er will seine Verlobung mit Zoe bekanntgeben. Aber nicht irgendwie, es soll schon etwas Ausgefallenes sein. Also klickt Justin sich durchs Internet und stößt auf die Seite mit dem Namen "send a message".

Dort liest er, dass es im palästinensischen Ramallah junge Leute gibt, die Texte auf die Trennmauer zwischen Israel und dem Westjordanland sprayen. 30 Euro für eine Nachricht von maximal 80 Zeichen Länge. Eine Art interkulturelle SMS. Also tippt Justin in das Bestellfeld "Zoe & Justin are getting married, March 27th 2010, Sydney, Australia" und schickt die Nachricht ab.

1300 Nachrichten auf sechs Kilometern

Einige Wochen später stockt Yousef, dreht sich um und fragt seinen Freund Faris Arouri: "Kommt das I vor dem L?" Faris, der fließend Englisch spricht, buchstabiert: "Australia". Dann greift der 27-Jährige wieder zur Kamera und knipst weiter. Yousef sprayt, Faris dokumentiert, das ist die Arbeitsteilung. Justin wird bald drei Fotos seiner Nachricht im E-Mail-Eingang finden, als Beleg dafür, dass seine Mauer-SMS angekommen ist. Damit kann er zu Hause in Australien zeigen, dass seine Verlobung jetzt in Palästina annonciert ist. Für Justin ist es wahrscheinlich ein Gag - aber für Yousef und Faris, die palästinensischen Mauersprayer, eine sehr ernste Sache.

Wenn man mit den beiden direkt an der Mauer steht und mit der Hand über die glatte Oberfläche fährt, versteht man plötzlich, warum Yousef auf die Frage, warum er das macht, antwortet: "Es ist das Grau." Eine Antwort mit einem Augenzwinkern, bevor die große Politik ins Spiel kommt.

Denn Yousef und Faris begreifen ihr Projekt als eine Form des Widerstands gegen die israelische Besatzung und gegen die Sperranlage, die Israel seit 2003 rund um das Westjordanland baut - teilweise quer durch von den Palästinensern beanspruchtes Gebiet und meist weitab der "Green Line", der inoffiziellen Grenze zwischen Israel und Palästina.

1300 Nachrichten haben Yousef und Faris zusammen mit einigen anderen in den vergangenen anderthalb Jahren auf das Bauwerk gesprayt, das von den Israelis als Anti-Terror-Zaun und von den Palästinensern als Apartheidsmauer bezeichnet wird. 1300 Nachrichten, das sind etwa sechs Kilometer. Die Sperranlage soll, wenn sie fertig ist, eine Länge von 759 Kilometern haben. Auch wenn sie nicht überall aus den anderthalb Meter breiten Betonsegmenten besteht, genug Fläche zum Sprühen bleibt allemal.

"Wir wollen Menschen auf der ganzen Welt erreichen"

"Es geht uns darum, unser politisches Anliegen auf eine unpolitische Weise zum Ausdruck zu bringen", sagt Faris und weicht etwas zurück, weil ein gelbes Sammeltaxi hupend auf der Straße vorbeirauscht, die hier entlang der Mauer verläuft. "Wir wollen die Menschen auf der ganzen Welt erreichen, die sich sonst nicht für den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis interessieren."

Es klingt sehr professionell, wie Faris das in akzentfreiem Englisch erzählt. Faris hat gerade an der Birzeit-Universität in Ramallah sein Wirtschaftsstudium beendet, Yousef ist noch eingeschrieben, für Biologie. Die beiden gehören zur Bildungselite in Palästina. Wahrscheinlich wissen sie deshalb, was man Journalisten aus dem Westen in den Block diktiert und was man besser nicht so deutlich sagt. Wahrscheinlich beantworten sie deshalb auch von sich aus auf ihrer Website die häufig gestellte Frage "Kaufen die Palästinenser Waffen von meinem Geld?" mit einem klaren Nein. "Das Geld fließt in ein Jugendzentrum in Birzeit", sagt Faris.

Hinter einer langgezogenen Kurve liegt der Checkpoint Qualandia, vielleicht einen Kilometer entfernt. Dort steigt eine Säule aus schwarzem Rauch in den Himmel. Es ist das untrügliche Zeichen dafür, dass dort Autoreifen brennen, dass vermummte palästinensische Jugendliche Steine auf die Grenzsoldaten werfen und dass diese mit Tränengas und Gummigeschossen antworten. Es ist Freitag - und der Freitag ist in Palästina der Tag des Zorns.

Israelis kennen sie nur als Besatzer

Zornig sind auch Yousef und Faris, und früher haben auch sie Steine auf Israelis in Uniform geschleudert, aber das wollen sie jetzt nicht mehr. Sie wissen, dass es nichts bringt. Vielleicht sind sie inzwischen auch einfach zu alt, um buchstäblich mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Aber man kann ihre Wut heraushören. Etwa, wenn Yousef erzählt, dass er noch nie auf der anderen Seite war - noch nie in Jerusalem. Und in Tel Aviv, wo das Leben tobt, schon gar nicht.

Sie kennen Israelis nur als Besatzer. Als diejenigen, die mit Sonnenbrille und Sturmgewehr an den Checkpoints stehen, durch die sie nicht dürfen. Manchmal kommen israelische Soldaten und beschießen sie mit Tränengas, wenn sie sprayen gehen, erzählt Faris. Einmal seien sie auch schon verhaftet worden. Nach einem Tag in der Zelle durften sie wieder gehen.

Yousef kramt in der lila Plastiktüte, die er sich an den Gürtel gehängt hat, und fischt eine neue Dose heraus. Blau ist leer. Jetzt geht es mit Schwarz weiter. Seine Finger sind schon voller Farbe. Dann lacht er plötzlich laut los. Auf dem ausgedruckten Zettel steht die Nachricht: "In my previous life I was the Berlin wall. The beer was better there." Von wem die Nachricht kommt, weiß er nicht, aber grinsend sagt er: "Der kennt wohl unser palästinensisches Taybeh-Bier nicht."

Dann hebt er die Dose und kämpft weiter gegen das Grau. Buchstabe für Buchstabe. Meter für Meter.

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