Türkische Studenten vor der Wahl "Wir sollten konsequenter gegen Sexismus vorgehen"

Die türkische Regierungspartei AKP muss bei den Parlamentswahlen am Sonntag um die absolute Mehrheit bangen. Knapp ein Zehntel der Wähler sind Studenten - wem werden sie ihre Stimme geben und warum? Sechs junge Menschen erzählen.

Kerem Severoglu

Aus Ankara berichtet Samuel Acker


Wenn am Sonntag in der Türkei ein neues Parlament gewählt wird, hat besonders eine Gruppe einen großen Einfluss auf den Ausgang der Wahl: Studenten. Rund 5,4 Millionen sind es laut dem staatlichen Statistikinstitut in der Türkei - und damit knapp ein Zehntel der Wahlberechtigten.

Türkische Meinungsforschungsinstitute gehen nach Umfragen davon aus, dass die regierende islamisch-konservative AKP um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Premier Ahmet Davutoglu erneut stärkste Macht wird. Aber zum ersten Mal seit 13 Jahren könnte die AKP die Regierungsmehrheit verfehlen - wenn die prokurdische HDP die Zehnprozenthürde packt.

Insgesamt seien unter Studenten - so wie in der Bevölkerung generell -d ie Regierungspartei AKP und die größte Oppositionspartei CHP die stärksten Parteien, sagt Basak Alpan, Politikwissenschaftlerin an der Middle Eastern Technical University in Ankara. Bei jungen Türken, die nicht studieren, seien die AKP und die ultranationalistische MHP die Favoriten.

An kaum einem Ort wird so viel und heftig über Politik gestritten wie an den Universitäten. SPIEGEL ONLINE hat sechs Studenten zur Wahl befragt. Welche Parteien unterstützen sie, und warum? Dabei fällt auf: Egal ob links oder rechts, religiös oder säkular - das Bildungssystem kritisieren alle.

Fulya D., 24, studiert Türkisch als Fremdsprache in Istanbul

Samuel Acker

"Eigentlich fühle ich mich der AKP nahe. Meine Eltern sind einfache Leute, ohne die Regierung wäre ich wohl nicht an der Uni: Sie hat die Studiengebühren abgeschafft. Und es ist mir als gläubige Muslimin wichtig, dass jetzt auch Frauen mit Kopftuch auf den Campus dürfen. Trotzdem müssen wir an den Unis noch viel verändern. Von meinen ausländischen Türkischschülern weiß ich, dass in Europa die Studenten in Seminaren auch mitmachen und vor allem mitdenken müssen - hier machen die meisten Dozenten nur Frontalunterricht. Aber am stärksten haben mich die Korruptionsvorwürfe gegen Präsident Erdogan und seine Minister ins Grübeln gebracht. Sie haben immer gesagt, dass sie die 'AK-Parti' sind, also die 'reine' Partei. Jetzt müssen sie beweisen, dass sie unser Volk nicht - wie so viele Politiker zuvor - bestohlen haben. Ich werde bei der Wahl vermutlich für einen unabhängigen Kandidaten stimmen, denn gut vertreten fühle ich mich zurzeit von keiner Partei."

Melih B., 25, studiert Maschinenbau in Ankara

Samuel Acker

"Kemal Atatürk ist für mich ein großes Vorbild. Er hat die Türkei in die Moderne geführt, unser Volk vereint. Deshalb unterstütze ich die kemalistische Oppositionspartei CHP. An den Unis läuft vieles verkehrt. Es gibt zu wenig Geld für Dozenten, darum gehen alle guten Köpfe in die freie Wirtschaft. Natürlich leidet die Hochschulbildung darunter. Der religiöse Druck nimmt auch zu: Man darf kein Bier mehr an Unis trinken, die Regierung würde am liebsten auf jeden Campus eine Moschee bauen. Für mich ist das Kopftuch auch kein Zeichen religiöser Freiheit, sondern der Unterdrückung der Frauen. Und ich hasse Unterdrückung. Auch deswegen habe ich mich vor zwei Jahren an den Gezi-Protesten beteiligt. Ich hoffe, wir erleben noch mal so etwas. Die Jugend darf sich von der AKP nicht die Zukunft stehlen lassen."

Murat A., 28, studiert Physiotherapie in Istanbul

Samuel Acker

"Ich unterstütze die MHP, die 'Partei der Nationalen Bewegung'. Manche sagen, wir sind Rechtsextremisten. Aber das stimmt nicht. Uns ist einfach wichtig, dass die Türkei ein starkes Land ist, wir hinter unserer Armee stehen und uns nicht spalten lassen. Wirtschaftlich hat die Regierung in den letzten Jahren einiges verbessert - aber ich finde es verheerend, wie viele Zugeständnisse sie den radikalen Kurden im Südosten macht. Ich war als Soldat in den kurdischen Gebieten, ich weiß, was da los ist. Viele wollen unser Land teilen und unterstützen terroristische Organisationen wie die PKK. An den Unis müssten wir uns stärker auf unsere eigene Geschichte besinnen und unsere großen nationalen Denker berücksichtigen. Außerdem gibt es einen starken ausländischen Einfluss an den Unis, gerade über Medien aus imperialistischen Ländern (damit sind in der Regel die USA und Großbritannien gemeint, Anm. der Redaktion). Man sollte stärker darauf achten, nur Leute an den Unis einzustellen, die das Beste für die Türkei wollen."

Ömer Y., 25, studiert Steuerrecht in Ankara und Eskiehir

Samuel Acker

"Was Politik angeht, bin ich sehr pragmatisch. Ich wähle die Partei, die mir momentan als die wirtschaftlich beste Option erscheint. Bisher hat da die AKP gute Arbeit geleistet. Sie hat zum Beispiel durchgesetzt, dass westliche Firmen, die in der Türkei produzieren, auch Steuern zahlen. Früher haben die das oft umgangen. Und die AKP hat wichtige Verbindungen zur arabischen Welt geknüpft. Ich bin aber Kurde und teile daher auch viele Ziele und Ideen der kurdischen Partei HDP. Mal sehen, wen ich wähle. Ein großes Problem im Bildungssystem ist, dass wir viel zu viele Uni-Absolventen haben. Akademiker sind häufig zwei bis drei Jahre auf Jobsuche und verdienen dann deutlich unter ihrer Qualifikation. Wir sollten hier so etwas wie das deutsche Ausbildungssystem etablieren, denn: Fähige Mechaniker und Ähnliches brauchen wir dringend, und viele junge Leute hier wollen gar nicht unbedingt studieren - die wären dankbar für eine Alternative."

Irem A., 23, studiert Englisch auf Lehramt in Ankara

Kerem Severoglu

"Türkische Studenten müssten viel kritischer sein. Wir lernen oft einfach auswendig, was man uns sagt. Deshalb werde ich auch die Liberal-Demokratische Partei wählen. Sie ist winzig und schafft es sicher nicht über die nötige Zehnprozenthürde, aber ich will zeigen, dass ich für die Freiheit bin. Ich bin dagegen, mir mein Privatleben diktieren zu lassen oder die Marktwirtschaft staatlich zu lenken. Ich würde mir für die Unis eine Verbesserung der Lehre wünschen. Die meisten Professoren wissen wenig über Didaktik. Und in meiner Fakultät sprechen die Dozenten ganz gut Englisch, aber generell sieht es mit Fremdsprachen sehr mau aus. Außerdem sollten wir konsequenter gegen Sexismus vorgehen. Eine Freundin hat mir erzählt, sie wurde vor Kurzem von einem Dozenten angebaggert. Sie hat ihn abgewiesen - und ist darum durch die Prüfung gefallen. Meistens ist es nicht so extrem, aber als Frau ist es hier generell schwieriger."

Doguscan N., 24, studiert Informatik in Ankara

Doguscan Namal

"Unser Bildungssystem ist viel zu restriktiv. Einmal im Jahr gibt es die Zugangsprüfung für die Hochschulen. Meistens schreiben knapp eine Million Menschen gleichzeitig, und abhängig davon, wie du im Gesamtranking abschneidest, bekommst du deine Fächer und Hochschule zugewiesen. Ich landete zum Glück im Ranking sehr weit oben und konnte darum an eine renommierte Uni gehen. Aber ich finde es grundlegend falsch, so auszusortieren. Man kann einen Menschen doch nicht auf einen einzigen Test reduzieren. Gerade, weil sich Kinder reicher Eltern mit Nachhilfe viel besser auf diese eine Prüfung vorbereiten können als Schüler aus finanziell schwachen Familien. Darum unterstütze ich die Kommunistische Partei. Generell brauchen wir neue, mutigere Parteien im Parlament, und dafür muss die Prozenthürde gesenkt werden."

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.