Fahrradfahren unter Alkohol Strammer in der City

Sechs große Biere und dann aufs Rad, geht das? Am Münsteraner Ausgeh-Mittwoch pirschen sich Polizeistreifen gern an schlingernde Studenten mit Fahrrad heran und lassen blasen. Ergebnis der Nacht: Die Null steht, allerdings meist hinterm Komma.

Heinrich Holtgreve

Von Ralf Heimann und Guido Kleinhubbert


23.00 Uhr. Besprechung im Büro von Polizeidirektor Udo Weiss, einem Hobbyruderer mit starken Armen und mächtigem Schnauzbart. Der Chef der Verkehrsdirektion Münster, 60, will in dieser Nacht 32 Kollegen zur Kontrolle von Radfahrern auf die Straße schicken. Der Mittwoch sei für Münsters Uni-Studenten der klassische "Ausgehtag", sagt er. Um Geld zu sparen, werde vielfach erst zu Hause "vorgeglüht", anschließend betrieben die Hochschüler gern "Eventhopping" und düsten dann mit dem Fahrrad von einer "Location" zur nächsten. So sei es eben üblich in Münster und anderen Uni-Städten. Deswegen: anhalten, informieren, gegebenenfalls auch pusten lassen und Blutprobe anordnen. "Auf geht's", sagt Weiss.

00.20 Uhr. Es regnet. Die beiden Fahrradpolizisten Carsten Eßling und Julia Arens sind in ihre schwarze Radlerhose mit Sitzpolster geschlüpft, haben ihren Fahrradhelm aufgesetzt und streifen nun auf Mountainbikes durch die City. Noch ist es relativ ruhig in der Stadt, in der fast 50000 Studenten wohnen. Kann sein, dass die Nachwuchsakademiker bei dem Mistwetter lieber zu Hause bleiben und sich dort ihr Bierchen gönnen.

00.40 Uhr. Auf dem Prinzipalmarkt holen Eßling und Arens mühelos einen Radler in blauer Steppjacke ein, der ohne Licht über das feuchte Kopfsteinpflaster fährt. "Das ist ja witzig", sagt er fröhlich, als die Beamten plötzlich neben ihm auftauchen, "wo kommt ihr denn her?" Der Mann wirkt ein bisschen beschwipst, aber nicht so betrunken, dass er zu diesem Zeitpunkt schon Konsequenzen zu erwarten hätte. Fahrradfahrer dürfen hierzulande mit bis zu 1,6 Promille unterwegs sein; ein Wert, den ein 20-jähriger 80-Kilo-Mann mit einer Größe von 1,85 Metern zum Beispiel erst dann ganz sicher erreicht, wenn er innerhalb von vier Stunden mindestens sieben große Gläser Bier (0,5 Liter) trinkt, wie man mithilfe des Promillerechners der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermitteln kann (kenn-dein-limit.de). Wer mehr als 1,6 Promille hat, gilt als absolut fahruntüchtig. Er muss eine Strafe bezahlen und seinen Pkw-Führerschein abgeben. Bei niedrigeren Promillewerten drohen nur dann Konsequenzen, wenn man in einen Unfall verwickelt wird - oder man eindeutig durch unsichere Fahrweise auffällt. Eßling und Arens verzichten bei dem Mann in der Steppjacke auf einen Alkoholtest und kassieren nur 20 Euro - wegen des kaputten Lichts.

01.22 Uhr. Mittlerweile sind alle Teams im Einsatz. Polizisten lauern hinter Büschen und patrouillieren durch die Fußgängerzone. Polizei und Münsters Krankenhäuser haben ermittelt, dass es in der Stadt im Durchschnitt sechs Unfälle pro Tag gibt, bei denen Radfahrer zu Schaden kommen; bei etwa jedem fünften Pedaltreter, der sich verletzt, ist Alkohol im Spiel. Viele Unfälle sind Alleinunfälle: Radler stürzen an Bordsteinkanten, krachen gegen parkende Autos oder übersehen andere Hindernisse. Das Reaktionsvermögen ist schon bei 0,8 Promille erheblich beeinträchtigt. Außerdem neigen Menschen ab diesem Wert dazu, größere Risiken einzugehen: Kürzlich befuhr ein Student mit 1,34 Promille die Autobahn.

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Studentenstädte im Nachttest: Was können Köln, München, Rom?

01.50 Uhr. Polizeidirektor Weiss ist mit dem Auto unterwegs. Der Beamte predigt seit Jahren gegen Alkohol am Lenker. Er organisierte Info-Veranstaltungen für Erstsemesterstudenten, ließ Kinospots produzieren, zog durch Schulen, gründete Anti-Alkohol-Facebook-Gruppen und verteilte knallrote Regenschützer für den Sattel mit dem Spruch: "Hier sitzen mit Promille - Totenstille". Trotzdem würden noch immer viele Radler stramm durch die City fahren, bedauert er. Weiss kämpft daher auch für strengere Regeln und besucht Politiker und Kongresse: Er wünscht sich, dass Fahrradfahrer spätestens ab 1,1 Promille ein Bußgeld bezahlen müssen, weil ab diesem Wert die Unfallwahrscheinlichkeit nachweislich ansteige. Bisher hat die Politik seinen Wunsch nicht erhört. Der Polizeidirektor fährt mit seinem Auto durch die Eisenbahnstraße, dann erblickt er einen auffälligen Radler. Der Mann touchiert fast ein parkendes Auto und kann gerade noch ausweichen, als plötzlich eine Mauer im Weg ist. Weiss nimmt ihn mit auf die Wache. Der Mann hat 2,02 Promille im Blut: Es ist der absolute Spitzenwert des Abends.

01.55 Uhr. Eßling und Arens beobachten zwei junge Männer: Die Verdächtigen steigen hektisch vom Rad, als sie die Beamten erblicken. Vor einem Imbiss kommt es zur Konfrontation. Einer der beiden Männer hat breite Koteletten wie Elvis und ist sehr schlecht gelaunt. Er flucht auf den Regen, auf Münster und auf den Unbekannten, der irgendwann im Laufe der Kneipentour seine Jacke geklaut habe. "Ich bin 'n bisschen erbost", sagt er. "Sie haben auch 'n bisschen was getrunken, ne?", fragt Arens. "Auf jeden Fall", antwortet Elvis. "Zwei Weizen, mehrere Bier, einen Cocktail und einen Jägermeister." Arens lässt ihn pusten, und der Mann hat endlich mal Glück an diesem Abend: Er landet bei 1,4 Promille und wird nur angewiesen, bloß nicht wieder aufs Rad zu steigen, sondern bis nach Hause zu schieben. Elvis will aber erst einmal was essen und drückt gegen die Imbisstür. Leider schon zu. Was für ein Pech.

03.03 Uhr. Eines der Einsatzteams hat einen BWL-Studenten aufgegriffen, der mit seinem Rad in Schlangenlinien unterwegs war. Die Polizeiärztin, die in dieser Nacht an der Hammer Straße Dienst schiebt, nimmt dem jungen Mann Blut ab: Er hat 1,82 Promille, findet das aber gerade gar nicht so schlimm. Er will die Medizinerin unbedingt umarmen, was diese aber ablehnt. "Frau Doktor, das tut mir leid", sagt er und berichtet, dass er bei einer Party mit Stripperin gewesen sei, die habe allerdings falsche Brüste gehabt. Ansonsten sei alles "supergut" gewesen. Der junge Mann ist bester Laune, aber die wird ihm wahrscheinlich am nächsten Morgen vergehen. Ihm drohen mindestens 500 Euro Bußgeld und weitere rund 600 Euro Gebühren für eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU). Die muss der BWLer machen, wenn er seinen Pkw-Führerschein zurückhaben will. Sollte er sich einen Rechtsanwalt nehmen, kämen noch einmal 300 bis 500 Euro Honorar hinzu.

05.12 Uhr. Der Großeinsatz geht langsam zu Ende. Insgesamt wurden 248 Fahrradfahrer kontrolliert und sechs Blutproben angeordnet. Polizeidirektor Weiss findet, dass sich Münsters Studenten in dieser Nacht gut benommen haben. "Wir haben noch nie so viele Radfahrer nach dem Kneipenbesuch schieben sehen", sagt er. Vielleicht hat sich die ganze Info-Arbeit ja doch ein bisschen ausgezahlt.

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
imperatom 17.07.2014
1. Verhältnismäßigkeiten
Schade, SPON. Hier hätte sich Euch die Gelegenheit geboten, auch mal die Verhältnismäßigkeit der Einsätze zu hinterfragen. 1100 Euro - wegen Trunkenheit auf dem Fahrrad? Polizisten, die hinter Büschen Studenten auflauern? Soll das etwa tatsächlich noch gut gemeint sein, um Unfälle zu verhüten? In Münster bekommt man sogar Strafzettel für das Mit-dem-Rad-gegen-die-Einbahnstraße-fahren oder Bei-Rot-Rechts-Abbiegen (auf dem Radweg). Das ist unverhältnismäßig. Gebt den Menschen ihre Eigenverantwortung zurück! Manchmal wünschte man sich, es gäbe größere Probleme in Münster, damit übertiebene Schikanen ein Ende finden...
larry_lustig 17.07.2014
2. Stimmt nicht so ganz
wer als Fahrradfahrer mit mehr al 1,6 ‰ Blutalkoholkonzentration erwischt wird, muss nicht sofort seinen Führerschein abgeben. Er wird von seiner Führerscheinstelle zur MPU aufgefordert, nur wenn er diese nicht fristgerecht positiv besteht bekommt er den Führerschein entzogen. Zu dem bekommt er auf jeden Fall 3 Punkte, die bei einem Entzug aber gelöscht würden.
flushbush 17.07.2014
3. Polizisten lauern hinter Bueschen
Naja, machen Sie bei Autofahrern auch. Es ist doch irgendwie ein Unding das meine Gemeinde Ihr Budget zu 30% auf Strafmandate basiert. Wenn die Wegelagerer ja wenigstens bei Gefahrenstellen zu finden waehren. Das Radarfallen von irgendjemand anderem als den Herren in Gruen betrieben werden darf ist auch so eine Nummer. Abzocken wo es nur geht, Danke
spon-facebook-110 17.07.2014
4. Kein unmittelbarer Führerscheinverlust
Da ist Ihnen aber ein großer Fehler unterlaufen. Wer mit absoluter Fahruntüchtigkeit (1,6 Promille und mehr) ein Fahrrad führt, begeht zwar eine Verkehrsstraftat, für die es neben einer Geldstarfe auch viele Punkte in Flensburg gobt, aber ein automatischer Führerscheinverlust ist ausgeschlossen. Die für einen unmittelbaren Führerscheinentzug gültige Rechtsnorm ist der § 69a StGB. Dieser erfordert eine Tat in Zusammenhang mit dem Führen eines Kraftfahrzeugs. Das ist ein Fahrrad jedoch nicht. Alos, besser nicht betrunken Rad fahren, aber Führerscheinentzug nicht sofort und nicht zwingend und schon gar nicht durch Polizei vor Ort.
matbhmx 17.07.2014
5. Absoluter Nonsense, solche ...
... Aktionen, denn: Fragen Sie doch Mal den schlaubergerischen und reichlich selbstgerechten Herrn Polizeidirektor in Münster, wieviele Unfälle nachweislich auf alkoholisierte Radfahrer zurückzuführen sind. Er wird es Ihnen nicht beantworten können! Tatsächlich bewegt sich das im - Sie werden lachen - Promillebereich, und zwar unterhalb der 1,0. Aber wir erleben ja längst den Furor der Ordnungsfanatiker! Beliebter Spruch hohlhirniger Politiker ist der Satz: "Jeder Tote ist einer zuviel!". Die Unfähigkeit, ja totale Blödheit, zu begreifen, dass immer welche vorzeitig sterben werden, sei es durch Krebs, dadurch, dass sie von der Leiter fallen, an der Ampel gerade Mal nicht aufgepasst haben, sich an einem Würstchen verschluckt haben oder aber eben besoffen Fahrrad gefahren sind. Ich bin als Jurist froh, wenn die Leute nicht alkoholisiert Auto fahren, sondern stattdessen das Fahrrad nutzen! Aber selbst das wird dann fleißig verfolgt. Dieser Fanatismus, andere zu regulieren, der Spruch, dass jeder einer zu viel ist, ist nichts anderes als Totalitarismus - und das ist nichts anderes als der Weg in den totalitären Staat. Wehret den Anfängen!
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