PCB-Belastung Dicke Luft in Bochum

Seit Februar wurde gesucht, mittlerweile auch gefunden, doch die Studenten erfuhren davon wenig: Messungen an der Ruhr-Universität Bochum ergaben, dass viele Lehrräume mit PCB belastet sind. Der Bochumer AStA ist empört über die "gestörte Informationspolitik". Die Uni indes empfiehlt "Lüften und feuchtes Wischen".

Von Oliver Baentsch


Audimax der Ruhr-Uni: Streit um die Informationspolitik in Sachen PCB

Audimax der Ruhr-Uni: Streit um die Informationspolitik in Sachen PCB

Bochum - Für die Studentenvertreter ist es ein ausgemachter Skandal, während die Verantwortlichen der Hochschule die Reaktion des AStA für überzogen halten. Fest steht, dass die neben den Mitarbeitern ebenfalls Betroffenen, rund 35.000 Studenten, bis heute nichts von der dicken Luft an ihrer Uni erfahren haben.

"Die Konzentration von PCB in der Raumluft lag bei fast allen Messungen an der Universität über dem Vorsorgewert, einzelne Räume müssten sofort saniert werden", sagt Markus Brüne vom AStA-Ökoreferat. Nur durch Zufall sei man auf die Untersuchungen aufmerksam geworden, die das Hygieneinstitut Gelsenkirchen seit Jahresbeginn durchführt: Eine Universitätsangestellte war in Zwangsurlaub geschickt worden, weil die Beschäftigung von Schwangeren laut Mutterschutzgesetz in Räumen mit zu hohen PCB-Messwerten verboten ist.

Laut AStA rückte die Verwaltung erst nach mehrfacher Anfrage mit Fakten heraus und informierte über die Messergebnisse. Demnach lagen die Werte bei der Mehrzahl der 50 untersuchten Räume über dem Vorsorgewert von 300 Nanogramm pro Kubikmeter (ng/m3). Einsamer Spitzenreiter war ein Laborraum der Naturwissenschaftler, in dem ein PCB-Wert von 4959 ng/m3 festgestellt wurde. Laut PCB-Richtlinie des Landes Nordrhein-Westfalen gelten Konzentrationen von unter 300 ng/m3 als tolerabel, zwischen 300 und 3000 ng/m3 soll mittelfristig gegen die Quelle der Luftverunreinigung vorgegangen werden. Und ab 3000 ng/m3 (Interventionswert) sind Sofortmaßnahmen fällig.

Als "Verschleierung" bezeichnet der AStA die Öffentlichkeitsarbeit der Ruhr-Universität - ein Vorwurf, den Josef König nicht auf sich sitzen lassen will: "Intern waren die Mitarbeiter der Universität durch zwei Schreiben des Kanzlers informiert worden, zudem sind die Ergebnisse der Messungen im Intranet abrufbar", sagt der Pressesprecher, der durchaus Versäumnisse der Universität einräumt. "Dass die Studentenvertreter nicht informiert worden sind, war aber keine böswillige Absicht. Allerdings waren die Dekanate ins Bild gesetzt. Die Studierenden sind in den Fakultätsräten vertreten und hätten spätestens dort von den internen Informationen erfahren müssen."

"Schon mal was von schwangeren Studentinnen gehört?"

Im ersten internen Rundschreiben vom 30. Mai, adressiert an die Vorsitzenden der Personalräte der Universität, das Arbeitsmedizinische Versorgungszentrum und die Sicherheitsbeauftragte, erläuterte Kanzler Gerhard Möller ausführlich, was, wann, wo und warum an der Hochschule gemessen wurde.

Bochumer Universität: Außen grün, innen PCB

Bochumer Universität: Außen grün, innen PCB

Als Sofortmaßnahme gegen die erhöhten PCB-Werte empfiehlt der Kanzler "regelmäßiges und ausgiebiges Lüften", "Entstauben und feuchtes Wischen". Schwangere Mitarbeiterinnen werden "gebeten, sich mit der Abteilung für Arbeitssicherheit in Verbindung zu setzen".

"Warum sind diese Informationen nicht öffentlich gemacht worden?", beschwert sich AStA-Mitarbeiter Markus Brüne. "Es stellt sich die Frage, ob die Zuständigen schon mal etwas von schwangeren Studentinnen gehört haben." Weil sich die PCB-Werte immer auf einen 24-stündigen Aufenthalt im jeweiligen Raum beziehen, sieht Pressechef König indes keinen Grund zur Panik: "Wegen der kürzeren Verweildauer in Lehrräumen ist bei Studenten nicht von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen."

Aktion Wintermantel

Der AStA widerspricht und rechnet vor: "Wenn die Belastung fünf mal höher ist als der Vorsorgewert, dann reichen schon Stunden aus, um ungeborenes Leben zu gefährden."

Bislang sind es nur zwei Labore an der Ruhr-Universität, die mit einer PCB-Konzentration über dem Interventionswert belastet waren und umgehend grundgereinigt wurden. Abzuwarten bleibt, welches Ergebnis der Abschluss der Untersuchungen in den nächsten Wochen bringt. Bis Ende Oktober werden 140 Räume geprüft worden sein, danach soll unter Berücksichtigung der Ergebnisse ein Sanierungskonzept entwickelt werden. "Eine Grundsanierung kostet weniger, als ständig hier und da Verbesserungen vorzunehmen", sagt Josef König. Sechs bis acht Jahre würde eine Komplettsanierung wohl dauern. Möglicherweise wird ein zusätzlicher Komplex errichtet, der als Ausweichort während der Arbeiten zur Verfügung steht.

Bis dahin bleibt den Studenten nichts anderes übrig, als durch häufiges Lüften die PCB-Belastung in den Lehrräumen zu senken. In seinem Artikel für die "Bochumer Studierendenzeitung" fordert Markus Brüne die Verantwortlichen süffisant auf, "schon mal ein paar Wintermäntel" zu verteilen - das Klima an der Ruhr-Universität ist rau geworden.



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