Pegida-Postings bei Facebook Was der Nachbar denkt, aber nicht ausspricht

Zwei Studenten haben monatelang Postings von der Pegida-Facebook-Seite gesammelt. Im Interview erzählen sie, wie aus pathetischen Phrasen gruselige Literatur wurde. 282.000 Kommentare zeigen, wie Pegida-Fans ticken.

Ein Interview von Simone Lackerbauer

Pegida-Demonstranten in Dresden: "Was vielleicht mein Nachbar denkt, aber nicht ausspricht"
DPA

Pegida-Demonstranten in Dresden: "Was vielleicht mein Nachbar denkt, aber nicht ausspricht"


  • Gregor Weichbrodt, 27, schrieb seine Bachelor-Arbeit in Kommunikationsdesign an der HTW Berlin zum "Tod des Autors reloaded". Hannes Bajohr, 30, promoviert an der Columbia University (NYC) über Sprachtheorie. Gemeinsam gründeten sie 0x0a.li, um "Digitale Literatur" zu produzieren.
SPIEGEL ONLINE: Herr Bajohr, Herr Weichbrodt, Sie haben 282.596 Pegida-Kommentare gesammelt, mehrere Monate lang. Warum?

Bajohr: Auf Facebook bricht sich Bahn, was Pegida-Anhänger denken und wie viele es offenbar sind - auch wenn nur ein paar Tausend zu den Demos gehen. Wir glauben, unsere Sammlung ergibt ein echtes Abbild dieser Bewegung.

Weichbrodt: Wir haben aus dokumentarischen Gründen angefangen und zuerst einfach angehäuft. Verwundert hat uns, dass es bis auf Panorama-Beiträge des NDR-Fernsehens wenige gab, die abgebildet haben, was die Pegida-Demonstranten denken.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert Ihre Sammlung technisch?

Bajohr: Datensammlungen müssen eine entsprechende Größe erreichen, ehe sich Muster erkennen und Auswertungskriterien festlegen lassen. Und: Wenn die Zahl der Kommentare groß genug ist, fallen Fake-Kommentare weniger ins Gewicht.

Weichbrodt: Ich habe ein kleines Programm geschrieben, das direkt mit Facebook kommuniziert, und es dann jeden Tag laufen lassen. So haben wir die Kommentare abgespeichert. (Lesen Sie "Glaube Liebe Hoffnung" hier)

SPIEGEL ONLINE: In der Gesamtschau ist das Ergebnis wenig überraschend, oder?

Bajohr: Das vielleicht nicht, aber es ist umso erschreckender. Es sind weniger die klar formulierten Hasskommentare, die mich ängstigen. Eher Sachen, bei denen ich mir vorstelle, dass auch mein Nachbar so denkt, es aber nicht ausspricht.

SPIEGEL ONLINE: Warum machen Sie dieses Großdokument des Stumpfsinns verfügbar?

Weichbrodt: Aber es sollte gelesen werden, von einer breiten Öffentlichkeit. Der Textkorpus ist dazu da, zu zeigen, was in dieser meist schweigenden Menschenmenge vorgeht. Unsere Sammlung macht es möglich, da reinzuschauen.

Bajohr: Pegida entzieht sich der Presse und sagt, sie werden falsch dargestellt. Wir setzen Pegida im Original dagegen. Jeder kann den Korpus nutzen: Das ist positive Netzkultur, solches Material zu sammeln und freizugeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben den Text mit "Glaube Liebe Hoffnung" überschrieben. Das ist ein Bibelzitat aus dem ersten Korinther-Brief des Apostels Paulus. Warum haben sie diesen Titel gewählt?

Bajohr: Wir haben alle Kommentare gesammelt, die mit "Ich glaube", "Ich liebe" und "Ich hoffe" anfangen. Die Postings von Pegida-Gegnern haben wir gelöscht. Damit ist es kein wissenschaftlicher Text mehr, sondern ein literarischer. Pegida-Anhänger sehen sich als Vertreter des Abendlandes, in ihrer Ideologie tritt hier das Christentum gegen den Islam an. Wir konfrontieren das Selbstverständnis von Pegida mit diesem biblischen Zitat.

Den literarischen Text "Glaube Liebe Hoffnung - Nachrichten aus dem christlichen Abendland" finden Sie auf den folgenden drei Seiten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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hjo 21.04.2015
1. Handwerklich nicht gut gemacht
Eine große Ansammlung von aus dem Zusammenhang gerissenen Zitatetn. Der Kontext ist doch wichtig, um die Bedeutung des Zitats richtig zu verstehen. Viele Zitate könnten sowohl von Pegida als auch von Anti-Pegida stammen. Diese Liste ergibt einfach keinen Sinn.
bambus 21.04.2015
2. Is ist erschreckend
welches Gesocks sich da in unserem Land breitmacht und dann auch noch die Frechheit hat, auf D (und nicht zur auf die zeit von 33-45) beruft. Das ist die wahre Schande für Deutschland und das Abendland!
Zensuropfer 21.04.2015
3. Gut gemacht
Gut gemacht. Pegida ist halt überall. Auch hier im Umfeld kenne ich niemanden, dem Flüchtlinge, Migranten, Muslime nicht gegen den Strich gehen. Zwar laufen die meist nicht bei Pegida mit vertreten aber weitgehend die Haltung dort. Die nächsten Wahlen werden es zeigen. Diese die Migranten ablehnenden Menschen sind übrigens ganz normal, also weder Rassisten noch Nazis. Sie beobachten ihr Umfeld lediglich, leiden bisweilen unter Einbrüchen - z.B. Alsterdorf Hamburg - oder wundern sich schlicht über unseren Staat, der meint, diese Menschen aufnehmen zu müssen, ohne ihnen Perspektiven zu bieten und so unüberwindbare Probleme für die Zukunft schafft.
koenigludwigiivonbayern 21.04.2015
4. Pseudowissenschaft
Ich benutze Facebook nicht, aber soweit ich weiß, kann dort jeder irgendwelche Kommentare hinterlassen. Dazu gehört "ein kleines Programm, das jeden Tag mit Facebook kommuniziert" genauso, wie jeder Idiot der zwei Beine und eine Tastatur hat. Der Sinn. "Facebbook" als Grundlage für eine wissenschaftliche Studie zu nehmen, erschließt sich mir nicht.
xysvenxy 21.04.2015
5. Viel schlimmer...
... ist doch, was in den Facebook Gruppen wie 'Du bist [Hier Stadt einsetzen] wenn...' abgeht sobald das Thema Flüchtlinge, Islam und Ausländer dort angesprochen wird. Das sollte sich mal jemand in der Form ansehen.
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