Studie über Pfandsammler Auf Sinnsuche

Sie bleiben an Mülleimern stehen, stecken den Arm tief hinein und wühlen - Pfandsammler verwandeln achtlos weggeworfene Flaschen in bares Geld. Doch eine soziologische Studie zeigt jetzt: Ihnen geht es nicht in erster Linie um die paar Euro.

Pfandsammlerin (Archivbild): Viele werden als "Penner" bezeichnet
DPA

Pfandsammlerin (Archivbild): Viele werden als "Penner" bezeichnet


Warum zieht einer los und wühlt in Mülleimern nach Pfandflaschen? Warum stochert er in Containern, streift über Bahnhöfe und klettert in Straßengräben, um leere Bierdosen aufzuklauben? Geht es dabei nur ums Geld? "Nein", sagt der Freiburger Soziologe Sebastian J. Moser, dessen Dissertation "Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur" nun als Buch erschienen ist (Hamburger Edition 2014).

Moser hat mit Sammlern gesprochen, ihre Routen und Verhaltensweisen untersucht und bei seinen Beobachtungen festgestellt: Nicht die Armut vereint die ansonsten sehr heterogene Gruppe der Flaschensammler, sondern die Sehnsucht nach einer festen Tagesstruktur und einer Aufgabe, die an Arbeit erinnert.

Reich wird sowieso keiner mit der Suche nach Leergut: Moser schätzt den durchschnittlichen Verdienst eines Sammlers, der täglich auf Tour geht, auf etwa 100 bis 150 Euro im Monat. Die Menschen, mit denen er für seine Dissertation sprach, hatten alle noch andere Einnahmequellen wie Rente, oder Mini-Jobs. "Das Pfandsammeln bietet Menschen, für die die Ausfüllung von freier Zeit ein zentrales Problem darstellt, eine Lösung an", schreibt er. Viele wollten durch ihre Streifzüge einfach wieder Teil des sozialen Lebens werden, rauskommen, Leute sehen, mit ihnen reden.

Um so trauriger ist die Stigmatisierung, der die Sammler ausgesetzt sind. Während sie ihre Tätigkeit als ehrliche und sinnvolle Arbeit ansehen, werden sie von anderen oft als "Penner" oder "Schmarotzer" beleidigt, schreibt Moser. Auf YouTube existieren Videos, in denen Leute sich einen Spaß daraus machen, Pfandsammler mit einer an eine Schnur gebundenen Flasche zu demütigen.

Wer den Sammlern ihre Arbeit ein bisschen angenehmer gestalten will, kann das übrigens mit einfachen Mitteln tun: leere Flaschen neben den Mülleimer stellen, statt sie hineinzuwerfen, oder über die Website www.pfandgeben.de direkt jemanden kontaktieren, der das Leergut zu Hause abholt. Oder einfach mal nett lächeln, wenn man nach einer leeren Pfandflasche gefragt wird.

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insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
Markenbox 06.07.2014
1. Sammeln
Die Sammler fallen im Stadtbild schon gar nicht mehr auf. Und außer ein paar, immer vorhandenen Idioten, lässt die auch jeder in Ruhe. Was mir aber auffällt, ist, mit was man hier alles in die Zeitung und zum Doktor kommt. So eine Studie braucht keiner und sie zeigt, wie wir unsere Dekadenz auch noch pseudowissenschaftlich untermauern wollen.
praetor300 06.07.2014
2.
Und wieder ein bisschen mehr Respekt vor dem Doktortitel verloren... Aber wahrscheinlich kann man bei dem Thema wenigstens kein Plagiat als Dissertation abliefern. So gesehen haben es wenigstens der Doktorant und der Autor dieses unglaublich spannenden Artikels geschafft ihrem Leben - wenn auch nur für kurze Zeit - eine Struktur zu geben... Und es hat mal wieder jemand mit ihnen gesprochen. Das nennt man wohl eine Win-Win-Situation. Ja, Soziologie ist schon ein wichtiges Fach. Telefondesinfizierer ist allerdings auch ein ehrenwerter Beruf...
mr.feelgood 06.07.2014
3.
Will diese soziologische Studie nun das Pfandsammeln aus Mülleimern zu einem notwendigen tagesstrukturschaffenden Arbeitsersatz erheben? Nein. Denken Sie nur an den Stolz. Der bückt sich nicht so schnell und lächelt. Ich denke, Flaschen- und Dosensammler erhalten eine durch die Grundsicherung aufstockenden Niedrigstrente und können im Monat offiziell nicht mehr als 50 € dazu verdienen, weil alles darüber hinaus eingenommene vom Amt wieder abgezogen wird. Bei Hartz 4 ist der mögliche Zuverdienst aber doppelt so hoch.
annibertazeh 06.07.2014
4. Dafür gibt's einen Doktor-Titel?
Zitat von sysopDPASie bleiben an Mülleimern stehen, stecken den Arm tief hinein und wühlen - Pfandsammler verwandeln achtlos weggeworfene Flaschen in bares Geld. Doch eine soziologische Studie zeigt jetzt: Ihnen geht es nicht in erster Linie um die paar Euro. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/pfandsammler-studie-erklaert-das-phaenomen-der-flaschensammler-a-971255.html
Hat der Dissertierende nicht lediglich eine geistig-moralisch überhöhte Rechtfertigung für die eigene Bequemlichkeit gesucht, Pfandflaschen irgendwo abzulegen oder zu hinterlassen, anstatt sie selbst wieder ins Geschäft zurückzutragen?
Illya_Kuryakin 06.07.2014
5.
Bin ich der einzige, der diesen Artikel als zutiefst zynisch empfindet. Niemand wühlt in Mülltonnen "um dem Alltag Struktur zu geben". Ich weiß wie es ist arm zu sein. Das hat mit Romantik nichts aber auch gar nichts zu tun. Die Aussage "ich tue etwas, das wie arbeiten ist" lässt dem Befragten einen Rest seiner Würde, die er mit der Antwort "ich tue das, damit ich meinem Kind die Schulbücher bezahlen kann" verliert.
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