Pfusch bei Hausarbeiten Uni droht mit 50.000 Euro Strafe

Text finden, stibitzen, ausdrucken - copy & paste ist studentischer Trendsport. Professoren haben genug von Haus- und Examensarbeiten, die aus dem Internet zusammengerührt wurden. In Münster kann Täuschen jetzt teuer werden, die Uni setzt auf drakonische Strafen.

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So viel Aufregung in den Semesterferien war selten: Hans-Joachim von Olberg, Studiendekan im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften an der Uni Münster, hat im September ein Rundschreiben in Umlauf gebracht, Titel: "Verfahren bei Plagiaten" (siehe zweiter Teil). In vier Punkten wird dort aufgelistet, was Täuschungsversuche in Hausarbeiten und Klausuren nach sich ziehen - viel Ärger für die Betroffenen nämlich.

Stapelweise Bücher: Wieso lesen, kopieren geht viel schneller
DPA

Stapelweise Bücher: Wieso lesen, kopieren geht viel schneller

Den Tätern drohen die Noten "mangelhaft" und "ungenügend", die Aberkennung weiterer Prüfungsleistungen, der Ausschluss von allen weiteren Prüfungen - und eine satte Geldbuße "in der Höhe bis zu 50.000,00 Euro", heißt es in dem Schreiben. Viel Geld für das Zusammenkopieren einer Arbeit aus dem Internet.

Nicht nur in Münster sind Hochschullehrer genervt durch den studentischen Hang zum Plagiat. Studenten kennen sich im Web oft weit besser aus als ihre Professoren. Und viele pfuschen, was der Rechner hergibt. Die Schätzungen, wie hoch der Anteil der unredlich eingereichten Hausarbeiten ist, reichen von zehn Prozent bis zu einem Drittel.

Der große Ideenklau sorgt an Deutschlands Hochschulen immer wieder für Ärger: An der TU Darmstadt stritt sich Politikprofessorin Heidrun Abromeit bereits vor zwei Jahren heftig mit Studentenvertretern, weil sie ertappte Studenten aus ihren Seminaren ausschließen wollte. Plagiat-Jäger wie die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff versorgen ihre Kollegen emsig mit Tipps, wie man Trickser beim Abkupfern erwischt - zum Beispiel mit einer "Bedienungsanleitung". Weber-Wulff schrieb für SPIEGEL ONLINE eine vierteilige Serie über Plagiate.

Harte Gangart gegen Pfuscher

Auch das Online-Archiv Hausarbeiten.de, mit dem SPIEGEL ONLINE kooperiert, bietet Professoren Hilfe bei der Fahndung nach Plagiaten an und weist Studenten ausdrücklich darauf hin, "dass wir Betrug nicht unterstützen: Mit dem Kopieren fremder Arbeiten begeht Ihr eine Urheberrechtsverletzung und macht Euch strafbar!"

Weil das Internet zum Plagiat-Paradies wurde und das Mauscheln und Abschreiben so einfach ist, fühlen sich viele Professoren bislang machtlos. Darum will die Universität Münster fortan konsequent gegen Schummler vorgehen. Und das NRW-Hochschulgesetz erlaubt solche harten Strafen bei Täuschungsversuchen tatsächlich. "Die enorme Höhe des Bußgeldes verblüfft", meint der Münsteraner Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler und zieht Vergleiche: "Beim Waffenrecht kosten Ordnungswidrigkeiten maximal 10.000 Euro. 50.000 Euro wären etwa dann fällig, wenn man ohne Genehmigung gentechnisch veränderte Produkte vertreibt oder genmanipulierte Organismen freisetzt." Er jedenfalls kenne kein anderes Bundesland, das studentischen Plagiatoren derartig deftige Strafen androhe, so der Anwalt.

"Es ist in den letzten Jahren in allen Fächern immer häufiger vorgekommen, dass Studierende reine Plagiate als eigene Texte abgegeben haben", begründet Studiendekan Hans-Joachim von Olberg das radikale Strafmaß, "und wir hatten den Eindruck: Vielen Studenten ist gar nicht klar, was sie da eigentlich tun." Ein Student habe beispielsweise versucht, gleich dreimal hintereinander eine zusammengeklaute Hausarbeit abzugeben - echte Einsicht in eigenes Fehlverhalten sieht anders aus.

Derlei Dreistigkeiten wollten sich die Professoren nicht länger bieten lassen. Die Drohung mit der 50.000-Euro-Strafe, gibt von Olberg zu, diene "in erster Linie der Abschreckung". Und sie soll eine Diskussion darüber in Gang setzen, was ehrliche wissenschaftliche Arbeit ausmacht: "Unsere Hoffnung ist, dass damit das Unrechtsbewusstsein bei den Studierenden geweckt wird."

"Das ist kein Kavaliersdelikt!"

Auch Bernd Blöbaum, geschäftsführender Direktor am Institut für Kommunikationswissenschaften, findet das Signal wichtig: "Das ist kein Kavaliersdelikt, das wird sanktioniert!" Es ärgere ihn einfach, wenn Studenten komplette Hausarbeiten aus dem Netz herunterladen, einen neuen Titel und eine veränderte Einleitung dazusetzen und dann glauben, damit bei den Dozenten durchzukommen.

"Wir dürfen aber nicht vergessen, dass das nur vereinzelte schwarze Schafe sind", betont Blöbaum. Die Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zwischen Professoren und Hochschülern möchte er mit dem Strafenkatalog nicht beeinträchtigen, und bei Gesprächen mit ertappten Plagiatoren sei er durchaus auf Verständnis gestoßen: "Die haben zum Teil sehr tragische Gründe für ihr Verhalten angeführt - massive private Probleme, Trennungen vom Partner oder der Partnerin und den ungeheuren Zeitdruck, unter dem die Hausarbeiten manchmal geschrieben werden müssen." All das entschuldige aber keinen Täuschungsversuch.

Bei Münsteraner Studentenvertretern stößt die neue, harte Linie im Umgang mit Plagiaten auf Skepsis. "Da wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen", sagt Oguz Önal vom Asta. Wichtiger sei die Prävention - etwa indem der Umgang mit dem Internet als Quelle schon in den ersten Semestern gezielt trainiert werde. Im Übrigen, sagt Oguz Önal, könnten Professoren ebenfalls nicht immer den Verlockungen von copy & paste widerstehen: "Auch Lehrende greifen bei PowerPoint-Präsentationen manchmal auf das Material anderer zurück, ohne die Quellen zu nennen."

Die 50.000-Euro-Drohung, findet der Asta-Mitarbeiter, sei deshalb nicht nur "unverhältnismäßig", sondern zeige auch ein ganz anderes Problem der Hochschulpolitik. Gebe es strukturelle Schwierigkeiten, dann werde immer nur an den Symptomen herumgedoktert. "Das ist bei Plagiaten genauso wie bei den Studiengebühren: Anstatt die Probleme anzugehen, wird irgendwer abgestraft. Und das war's dann", so Oguz Önal.

Im zweiten Teil:



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