Philosophie Gehen Deutschland die Denker aus?

Die Philosophie gilt mit Kant, Fichte und Hegel weltweit als deutsche Paradedisziplin. Adorno, Habermas, von Weizsäcker und Honneth setzen die Reihe großer Denker bis heute fort. Die Philosophie hat aber Nachwuchssorgen: Die Zahl der Studenten wie der Habilitationen sinkt.

Von Marion Hartig


Im Kalender von Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin drängen sich die Termine. In München, Berlin, Rom und Frankfurt hält er Vorträge über Demokratie und Wahrheit, die Identität Europas oder die neue Rolle der Religion in der Gesellschaft. In der Arbeitsgruppe "Humanprojekt " der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften philosophiert der Kulturstaatsminister außer Dienst über die Stellung des Menschen in der Natur. In einem Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) arbeitet der Münchner Philosoph mit an der Entwicklung einer philosophischen Gerechtigkeitskonzeption.

"Es gibt kein Fach, das so stark am Puls der Zeit ist wie die Philosophie", sagt Nida-Rümelin. Darf man, wie im Fall des Kindermörders Magnus Gäfgen, in einem Rechtsstaat Folter androhen, um Menschenleben zu retten? Sollte Sterbehilfe erlaubt werden? Ist Stammzellforschung ethisch vertretbar? Fragt sich nur, ob die Denker aus den deutschen Elfenbeintürmen auch in der Lage sind, diese Fragen zu beantworten.

"Wir sind erstklassig, auf Augenhöhe mit US-Philosophen"

An der Universität Duisburg-Essen sitzt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie (DGP), Prof. Dr. Carl Friedrich Gethmann, an den Vorbereitungen zum 21. Kongress für Philosophie (15. bis 19. September). War es in den vergangenen Jahren um eher philosophisch-introvertierte Themen wie "Kreativität " und "Die Grenzen des Wissens " gegangen, stehen jetzt in Essen unter dem Titel "Lebenswelt und Wissenschaft " brennende gesellschaftliche Fragen auf dem Programm.

Die tausend Teilnehmer aus Deutschland und der Welt werden auf dem Campus in Essen über Medizinethik, Technik, Umwelt und Menschenwürde debattieren. Etwa alle 20 Jahre sei es an der Zeit, dass die Philosophie ihre externe Relevanz deutlich mache und jedem Landtagsabgeordneten zeige, was sie vermag, sagt Gethmann. "Wir sitzen nicht nur im Elfenbeinturm und interpretieren Platon, Hegel oder Heidegger neu. Wir tun etwas für die Gesellschaft", betont der 64-Jährige: Philosophen denken im Ethikrat über Babyklappen oder Altenhilfe nach und beraten als Sachverständige die Bundesregierung.

Vorbild sei Prof. Dr. Jürgen Habermas. Er sei nicht nur ein bedeutender Fachphilosoph und Forscher, sondern auch immer präsent, wenn es um gesellschaftliche Fragen gehe. Auf dem Kongress wird der 80-Jährige mit der Ehrenmitgliedschaft der DGP geehrt.

Wo bleibt der Nachwuchs?

Für Gethmann ist es keine Frage, dass die deutsche Philosophie im internationalen Vergleich ganz oben steht. "Wir sind erstklassig und auf Augenhöhe mit der britischen und US-amerikanischen Philosophie", sagt er. Dazu hätten auch die deutschen Klassiker beigetragen. "Sie sind der Tresor unserer Argumente." Die deutsche Philosophie könne sich aber nicht darauf ausruhen, dass sie 300 Jahre Vorreiter war. "Einen deutschen Sonderstatus gibt es nicht mehr."

Studienbereich Philosophie: Weniger Studienanfänger
ESM

Studienbereich Philosophie: Weniger Studienanfänger

Doch es läuft offensichtlich auch so ganz gut. Das Fach hat sich neu orientiert. Waren in den sechziger Jahren noch 60 Prozent der Lehrstühle auf die Geschichte der Philosophie ausgerichtet, sind es heute nur 20. "Und die brauchen wir", meint Gethmann. Das Fach muss auch seine Wurzeln pflegen. Der Schwerpunkt der Philosophie liegt heute aber auf Praktischer Philosophie, Wissenschaftstheorie und Logik.

Nicht alle Wissenschaftler sehen die Entwicklungen so positiv wie der DGP-Präsident. "Es gibt zwar hervorragende Philosophen in Deutschland, doch es fehlt an Persönlichkeiten, die in der Lage sind, ein neues Wertebewusstsein zu prägen", meint etwa Prof. Dr. Michael Bordt. Er ist Rektor an der Jesuiten-Hochschule für Philosophie in München und selbst Jesuit. 500 Studenten sind an der Schule immatrikuliert.

Die heute Mitte 40-Jährigen, meint Bordt, seien zwar sehr sorgfältige Wissenschaftler, würden sich aber zu wenig in den Dienst von Politik und Gesellschaft stellen - ganz anders als die mittlerweile emeritierte Generation Habermas. Je weniger es der Philosophie aber gelinge, ihre Notwendigkeit für die Gesellschaft zu vermitteln, desto eher werde sie aus den Universitäten verschwinden.

Noch aber hat sie dort ihren festen Platz. Es gibt an den deutschen Hochschulen mehr als 150 Lehrstühle und circa 330 Professoren. Im Vergleich zu anderen Wissenschaften scheint das Fach zwar klein, die Theoretische Physik etwa ist mit rund 1500 Professuren ausgestattet. Doch immerhin sind die Professoren nicht weniger geworden in den vergangenen zehn Jahren - trotz stark zurückgegangener Studentenzahlen: Waren 1996 noch fast 24.000 Studenten in Philosophie eingeschrieben, sind es heute nur noch rund 15.000.

Hohe Studienabbrecherquote

Doch das hat nicht mit mangelndem Interesse daran, die menschliche Existenz und die Welt zu deuten, zu tun. Sondern: Immer mehr Studenten brechen ihr Studium vorzeitig ab, ohne Abschluss. Die Hochschul Informations-System (HIS) GmbH fand für die Sprach- und Kulturwissenschaften (zu denen die Philosophie gehört) heraus, dass 32 Prozent der Studenten, die im Jahr 2000 ihr Studium aufnahmen, bis 2006 keinen Abschluss gemacht haben. In der Philosophie ist die Quote sogar weit höher, das lässt sich aus den zurückgegangenen Studentenzahlen ablesen.

Vielen Abbrechern fehle es vor allem an Berufsbildern, die in Krisenzeiten zum Durchhalten motivierten. Als Alarmsignal will Gethmann dies nicht werten. Er hält die sinkenden Zahlen eher für "eine Bereinigung in Richtung Klarheit und Wahrheit". Philosophie sei lange Zeit ein "Parkfach " gewesen, sagt er. In keinem anderen Studium habe man sich so einfach einschreiben können, um Krankenkassenbeiträge zu sparen und billiger ins Theater zu kommen. Durch die Studiengebühren und die verschulten Bachelorstudiengänge sei damit Schluss.

"Brain Drain eher in die andere Richtung statt"

Wer sich aber durch das Studium arbeitet und auch noch promoviert, muss damit rechnen, dass er sich danach von einem Zeitvertrag zum nächsten hangeln muss. Das wollte Dr. Christine Hauskeller vermeiden - und ging vor sechs Jahren nach England. Zumal sie die deutsche Philosophie außerdem für "extrem resistent gegen Frauen in Professuren " hält.

Mittlerweile aber hat sich einiges geändert. Die Zahl der Professorinnen hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. "Der Anteil liegt jetzt bei 14 Prozent", berichtet Gethmann. Immer mehr Frauen habilitierten. In 20 Jahren würden 30 Prozent der Stellen von Philosophinnen besetzt sein.

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So lange konnte Christine Hauskeller natürlich nicht warten. Sie bewarb sich an der Universität von Exeter, einer mittelgroßen Stadt im Südwesten von England - und unterschrieb schon bald einen unbefristeten Vertrag als Researcher. Mit zwei Assistentinnen und fünf Doktoranden arbeitet sie an einem Projekt zur Stammzellforschung in England und Deutschland.

Die karrierefreundliche britische Philosophie hat aber auch Defizite: Geprägt von der diskussionsfreudigen Frankfurter Schule fehle ihr oft der intellektuelle Streit. "Nach einem Vortrag werden meist nur Anstandsfragen gestellt. Dann geht es in den Pub", sagt Hauskeller.

Anders als Hauskeller sammeln viele junge Wissenschaftler zwar Auslandserfahrungen, kehren aber oft nach ein paar Jahren zurück. "In der Philosophie findet 'Brain Drain' eher in die andere Richtung statt", betont denn auch DGP-Präsident Gethmann. 10 bis 15 ausländische Professoren forschen heute auf deutschen Lehrstühlen. Über die Alexander-von-Humboldt-Stiftung kommen Studierende aus ganz Europa und Ostasien nach Deutschland, um die Klassiker in der Originalsprache zu diskutieren.

In Cottbus stoßen die Studenten auf eine Randerscheinung der Philosophie. An der technischen Universität hat Klaus Kornwachs einen der fünf bundesweiten Lehrstühle für Technikphilosophie. Und wartet darauf, dass man nach dem Ethikboom endlich erkennt, wie wichtig sein Fach für die gesellschaftliche Entwicklung ist. Zwar befassen sich bundesweit mittlerweile etwa 20 Philosophen mit dem Thema, doch bisher fehle es an einer Lobby, sagt der 61-Jährige. Nur über Stiftungen gelinge es, Drittmittel einzuwerben.

Studiengänge werden aufgepeppt

Der Technikphilosophie in Cottbus ist es dennoch gelungen, sich für die Zukunft fit zu machen. Im Zuge des Bologna-Prozesses hat die Uni die philosophische Disziplin in den neuen Studiengang Kultur und Technik eingebettet. Ganz im Sinne von Bologna wird die Berufsorientierung großgeschrieben. Das kommt auch bei den Studenten gut an.

Auch andere Hochschulen peppen ihre Philosophiestudiengänge auf. In Bayreuth etwa kann man Philosophy and Economics studieren. An der Fernuni Hagen gibt es das Masterstudium Medizinethik. Solche Studiengänge fördern die Interdisziplinarität, die viele Philosophen fordern.

"Philosophie spielt ihre Rolle am besten, wenn sie Brücken schlägt zu den anderen Disziplinen", sagt Julian Nida-Rümelin. Außer auf den fächerübergreifenden Anspruch wird auch auf mehr Internationalität gesetzt. "In manchen philosophischen Teildisziplinen, etwa der Logik und einem Gutteil der analytisch geprägten Philosophie lassen sich Forschungsergebnisse auch auf Englisch publizieren", meint Nida-Rümelin.

Nicht jeder Text aber lässt sich ohne Verlust übertragen. "Es wäre grotesk, wenn in Zukunft alle Arbeiten, die sich mit Kant oder Wittgenstein befassen, auf Englisch publiziert würden und sich am Ende nur noch auf englische Übersetzungen der Originaltexte und englische Sekundärliteratur stützten", sagt Nida-Rümelin. Auch deutsche Philosophie habe ihren Wert: "Wir sollten das Deutsche als eine der bedeutendsten Sprachen der Philosophie in den vergangenen 300 Jahren nicht abwerten - und nicht nur Paper, sondern weiterhin auch Bücher auf Deutsch schreiben. Nur so kann die Philosophie ihre kulturelle Bedeutung in Deutschland und Europa bewahren. Für die internationale Wahrnehmung bleibt dann immer noch die Möglichkeit, Texte ins Englische und in andere Sprachen zu übersetzen", erklärt Nida-Rümelin.

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