Physiker in Südafrika "Ein sehr weißer Ort"

Wie lassen sich südafrikanische Jugendliche für Naturwissenschaften begeistern? Mit einer Lasershow - hofft der deutsche Physiker Alexander Heidt und tourt durch die Schulen des Landes. Im UniSPIEGEL-Interview erzählt der 28-Jährige, wie ähnlich sich das Land am Kap und Deutschland manchmal sind.

Von


UniSPIEGEL: Wie kommt ein deutscher Doktorand der Universität Stellenbosch in Südafrika dazu, mit einer Show durchs Land zu reisen und Schüler für Physik zu begeistern?

Heidt: Südafrika ist sehr groß, und es hat nur vier international anerkannte Universitäten: in Kapstadt, Durban, Johannesburg und eben Stellenbosch. Dazwischen ist nichts. Und wenn wir unseren Tag der offenen Tür an der Uni veranstalten, kommen die Jugendlichen natürlich aus der näheren Umgebung. Wer weiter weg lebt, den erreichen wir allerdings nicht. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr unsere erste Tour gemacht, die führte von Stellenbosch nach Knysna, entlang der Garden Route. Unsere Shows an den Schulen dauern ein bis zwei Stunden. Dieses Jahr geht es in den Nordwesten, sogar bis nach Namibia.

UniSPIEGEL: Müssen selbst renommierte Universitäten wie Stellenbosch um Studenten werben?

Heidt: Das kommt auf das Fach an. Medizin, Jura oder Wirtschaft sind populär, weil sich Schüler von solchen Studiengängen gutes Geld im Beruf versprechen und die Chance, im Ausland zu arbeiten. Die Naturwissenschaften sind noch nicht so beliebt.

UniSPIEGEL: Warum nicht?

Heidt: An den Schulen herrscht ein unglaublicher Mangel an Lehrern für Mathematik, Physik und Chemie. Deshalb hat die Regierung jetzt auch ein Programm aufgelegt, das die Zahl der Doktoranden in den Naturwissenschaften verfünffachen soll. Die Hoffnung ist, dass viele dieser Absolventen dann wiederum Lehrer werden wollen.

UniSPIEGEL: Was hielt die Südafrikaner davon ab, Physiklehrer zu werden?

Heidt: Eine Erklärung sind die Kosten eines Studiums: Viele müssen sich dafür hoch verschulden - und möchten danach dann entsprechend gut verdienen. Da ist Lehrer nicht die erste Wahl. Und wenn sie dann auch noch in eine so abgelegene Region wie zum Beispiel Limpopo im Norden gehen sollen, wird's besonders schwierig, sie zu motivieren. Dort gibt es praktisch keine Infrastruktur.

UniSPIEGEL: Das erinnert an die aktuelle Diskussion in Deutschland, wie mehr Ärzte dazu gebracht werden können, auf dem Land eine Praxis zu eröffnen.

Heidt: Da haben Deutschland und Südafrika sicherlich Parallelen. Sie haben zur gleichen Zeit gewaltige Veränderungen erlebt, hier das Ende der Apartheid, dort die Deutsche Einheit. Die Integrationsprobleme sind ähnlich - auch weil die Unterschiede beim Wohlstand so krass waren: hier zwischen Schwarz und Weiß, in Deutschland zwischen Ost und West. Und wenn es selbst in einem der reichsten Länder der Welt schwierig ist, eine ärmere Region zu integrieren, dann kann man sich vorstellen, wie lange das in einem Entwicklungsland wie Südafrika dauern wird, sicher mehr als 20, vielleicht 40 Jahre.

UniSPIEGEL: Wie machen sich die Jahre der Rassentrennung an Ihrer Universität bemerkbar?

Heidt: So schön gemischt wie an der Uni in Kapstadt, wo man alle Hautfarben und Kulturen sieht, ist es in Stellenbosch noch nicht. Von der Historie her ist es ein sehr weißer Ort. Die Leute sprechen überwiegend Afrikaans, und auch die Vorlesungen werden in der Regel in Afrikaans gehalten ...

UniSPIEGEL: Das klingt, als habe sich nichts geändert ...

Heidt: Das nun auch wieder nicht. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Coloureds, also der Farbigen, die in den Kategorien der Apartheid weder Schwarz noch Weiß zuzuordnen waren, an der Universität Stellenbosch enorm zugenommen. Das liegt daran, dass immer mehr Stipendien ausgegeben werden für die ehemals benachteiligten Gruppen; und dass viele Coloureds im Gegensatz zu den Schwarzen die Sprache der Buren sprechen und sich damit identifizieren: Afrikaans.

UniSPIEGEL: Lehren Sie auch in Afrikaans?

Heidt: Nein, ich habe das Glück, eine der wenigen englischsprachigen Vorlesungen zu halten: Einführung in die Physik als Nebenfach.

UniSPIEGEL: Sind Sie der einzige ausländische Dozent?

Heidt: Gerade an unserem Institut haben wir einige lehrende Studenten und sogar Professoren aus Deutschland. Diese Internationalisierung ist ein richtiger Trend.

UniSPIEGEL: Sie bezeichnen sich als Student, nicht als Dozent?

Heidt: Hier wird das nicht so streng gehandhabt wie in Deutschland. Man muss nicht habilitiert haben, um eine Vorlesung halten zu dürfen. Mit der entsprechenden fachlichen Qualifikation, etwa einem Master, kann man Studenten bis ins dritte oder vierte Jahr unterrichten. Das ist auch erwünscht, um Erfahrung zu gewinnen - und weil junge Dozenten einen besseren Draht haben zu den jüngeren Semestern.

UniSPIEGEL: Wie ist der Draht von schwarzen und weißen Studenten untereinander?

Heidt: Auf dem Campus gibt es beides: Weiße- oder Coloured-Cliquen, die unter sich bleiben, aber auch gemischte Grüppchen. Gerade den jungen Menschen geht das Hautfarbenthema inzwischen auf die Nerven. Während der Apartheid wurden die Menschen nach Hautfarbe beurteilt, und nun ist es in gewisser Weise wieder so: Dunkelhäutige werden per Gesetz bevorzugt, etwa wenn sich jemand für einen Job bewirbt.

UniSPIEGEL: Und darüber regen sich auch Dunkelhäutige auf?

Heidt: Viele Studenten, aber auch andere jüngere Menschen, die die Apartheid nicht mehr so bewusst erlebt haben, halten solche Klauseln für überkommen, egal welcher Herkunft sie sind. Sie fordern, dass die Leute endlich nach ihrer Qualifikation eingestellt werden - und nicht nach Hautfarbe oder Parteizugehörigkeit. Allmählich setzt sich die Einstellung durch, dass das Land nur vorankommt, wenn alle Gruppen, alle Rassen mitmachen.

UniSPIEGEL: Sie haben sich schon vor fünf Jahren als Student in Konstanz eine Auszeit genommen, um in südafrikanischen Townships Schüler zu unterrichten. Was war Ihre Erfahrung?

Heidt: In Deutschland wacht die Schulbehörde über die Schulen. In Südafrika entscheidet hingegen das Engagement des Direktors über die Qualität des Unterrichts. Wenn der Chef motiviert ist, setzt sich das im Kollegium fort und nicht zuletzt bei den Schülern. Aber wenn der Direktor, wie ich es an einer Schule erlebt habe, schlampig herumläuft, mal da ist und mal nicht, ein Alkoholproblem hat und wenn ihm völlig egal ist, ob in den Fenstern Glas ist oder nicht, dann ist ein regulärer Unterricht nicht möglich. Andererseits habe ich in Kapstadt auch bei einem sehr engagierten Direktor unterrichtet - und alles war tipptopp.

UniSPIEGEL: Mit welchen Schülern hatten Sie zu tun?

Heidt: Je nach Hintergrund. Manche haben Eltern, die selbst noch sehr jung und kaum gebildet sind. Da kann es sein, dass Kinder in der sechsten Klasse die Uhr nicht lesen können oder die Grundrechenarten nicht beherrschen. Aber es gibt auch die Kinder von ambitionierten Eltern. Deshalb musste ich als Lehrer einen ziemlich flexiblen Unterricht machen - und das in Klassen mit 50 Schülern.

UniSPIEGEL: Konnten Sie den Schülern etwas beibringen?

Heidt: Bei anderen sozialen Projekten dauert es länger, bis man etwas bewirken kann. Als Lehrer, noch dazu als Ausländer, hatte ich sofort Autorität und das Vertrauen der Kinder. Es war eine grandiose Erfahrung, ich kann sie nur jedem Studenten empfehlen.

UniSPIEGEL: Wie kamen Sie dazu, das Studium in Deutschland für Südafrika zu unterbrechen?

Heidt: Nach dem Vordiplom erreichte ich einen Punkt, da hatte ich genug von der Physik. Es war zwar klar, dass ich das Studium zu Ende bringe. Aber ich musste unbedingt mal etwas anderes sehen als mathematische Formeln und physikalische Effekte. Über einen befreundeten südafrikanischen Priester kam ich nach Kapstadt - und schließlich in die erste Townshipschule.

UniSPIEGEL: Haben Sie neben der intensiven Praxiserfahrung noch etwas anderes aus dieser Zeit mitgenommen?

Heidt: Es mag kitschig klingen, aber ich habe eine andere Perspektive darauf gewonnen, was wichtig ist, was glücklich macht und wie wenig das Glücklichsein vom Geld abhängig ist. In den Townships wird viel gelacht. Und die Kinder sind so dankbar, wenn man sich um sie kümmert, wenn man sie begeistert. Dieses Funkeln in den Augen war einfach großartig. Manchmal habe ich gedacht, mehr von denen gelernt zu haben, als ich ihnen geben konnte: Herzlichkeit und Offenheit.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
spassteufel 11.07.2010
1. Lächerlich
Ich lebe seit 20 Jahren im südlichen Afrika und besitze ein technisches Büro. Hin und wieder biete ich Schülern die Möglichkeit ein Praktikum bei mir machen, das ich entsprechend den Mindestlohnbedingungen bezahle. Mein Geld ist stets willkommen, aber ein Interesse an meinem Beruf finde ich nirgends. Absolventen von Techinikon und University die sich sich in Afrika um einen Job bemühen tun das meist nur deshalb, weil sie in Europa nicht anerkannt werden oder zu schlecht beim Rugby oder Kricket waren um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Um Laser zu verstehen, muß ich wohl oder Übel, und es ist ein Übel in Afrika, Mathematik verstehen. Und davon mehr als 4 Grundrechenarten. Lesen und schreiben der Amtssprache kann dabei auch sehr nützlich sein. Hat sich den noch niemand gefragt, warum es keine wissenschaftlichen Nobelpreisträger im südlichen Afrika gibt? Die Lasershow wird bestimmt gut ankommen. tut sie in der Disco ja meistens auch. Und während der Doktorand vorne an der Tafel steht, kann der Schüler ja sein Lasererlebnis an seine Kumpels smsen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© UniSPIEGEL 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.