VroniPlag-Rechercheur über Schavan "Sie hat es sich zu bequem gemacht"

Die anonyme Plagiatsjagd lebt: Der Sprachwissenschaftler KayH untersuchte zu Jahresbeginn die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Im Interview erzählt er, wie viele unsaubere Stellen er und seine Mitstreiter fanden - und warum Schavan zunächst dem Pranger entging.


SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie und andere Plagiatsjäger die Dissertation "Person und Gewissen" der Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) ins Visier genommen?

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Heft 19/2012
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KayH: Der Verdacht kam im Dezember auf, da wurde die erste problematische Stelle dokumentiert. Seitdem sind auf VroniPlag Wiki immer mehr Fundstellen zusammengetragen worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie überprüft man eine Doktorarbeit von 1980 – einer Zeit, in der die Bücher nur gedruckt und nicht digitalisiert veröffentlicht wurden?

KayH: Das ist sehr aufwendig. Alle Bücher, die Frau Schavan im Literaturverzeichnis aufgeführt hat, mussten digitalisiert werden, sofern sie nicht schon bei Google Books verfügbar waren. Dazu weitere Werke, die thematisch passen und aus denen sich Frau Schavan bedient haben könnte. Dann wurde verglichen.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

KayH: Auf knapp über zehn Prozent der Seiten finden sich Stellen, die wir als Plagiate einstufen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wurden die Vorwürfe auf VroniPlag Wiki nicht veröffentlicht. Warum?

KayH: Wir haben sehr lange diskutiert und die Abstimmung mehrmals verschoben. Am Ende war es eine knappe Entscheidung mit nur einer Stimme Mehrheit dagegen. Zehn Prozent ist die Grenze, ab der wir unsere Funde normalerweise veröffentlichen; Frau Schavan liegt nur ganz knapp darüber. Und inhaltlich sind die Plagiate meiner Meinung nach eindeutig, aber lange nicht so schwerwiegend wie in anderen Fällen: Frau Schavan hat nicht ordentlich zitiert, aber auch nicht seitenweise abgeschrieben.

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Schavan im Prüfungsstress: "Mit Anonymität kann ich nicht umgehen"
SPIEGEL ONLINE: Und wenn das nicht alles war und jetzt noch mehr herauskommt?

KayH: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die meisten problematischen Stellen dokumentiert wurden. Auch das sprach nach Meinung vieler gegen eine Veröffentlichung, auch wenn weitere Funde nicht auszuschließen sind.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als sei Schavan nur Schlamperei vorzuwerfen.

KayH: Nein, das ist mir zu wenig. Sie hat es sich zu bequem gemacht, indem sie fremde Formulierungen nicht immer als solche gekennzeichnet hat. Und zudem hat sie in mehreren Fällen wohl nicht den Originaltext gelesen oder ihn jedenfalls nicht zitiert, sondern sich aus der Sekundärliteratur bedient, ohne dies deutlich zu machen. Das ist unsauber, aber – auch wenn das kein Maßstab ist – eben nicht so eklatant wie bei Guttenberg oder der Stoiber-Tochter Veronica Saß...

SPIEGEL ONLINE: ...nach der Ihre Internet-Seite benannt ist. Die Vorwürfe gegen Schavan sind nun aber gar nicht dort, sondern auf einer anderen Seite im Internet veröffentlicht. Sind Sie überrascht, dass sich ein Mitstreiter von VroniPlag Wiki über das Abstimmungsergebnis hinweggesetzt hat?

KayH: Hinweggesetzt? Er hat das Abstimmungsergebnis in jeder Hinsicht respektiert. Vor der Abstimmung war klar, dass der Fall dann wahrscheinlich an anderer Stelle dokumentiert wird. Die Abstimmung betraf nur die Entscheidung, ob es auf VroniPlag Wiki dargestellt werden soll, nicht die Frage, ob wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt oder es überhaupt publiziert werden soll. Der Vorschlag, es an anderer Stelle gesondert zu dokumentieren, stand während der Diskussion stets im Raum.

SPIEGEL ONLINE: Schavan hat den Plagiatsvorwurf zurückgewiesen und die Uni Düsseldorf, an der sie promoviert hat, gebeten, die Dissertation zu prüfen. Zugleich wirft sie dem Enthüller vor, sich in der Anonymität zu verstecken.

KayH: Das ist im Jahr 2012 ein absurder Vorwurf. Sie sollte lieber die dokumentierten Schwächen ihrer Dissertation erklären.

SPIEGEL ONLINE: Nachdem VroniPlag Wiki im vergangenen Jahr ständig in den Schlagzeilen war, schienen die Aktivitäten zuletzt fast zum Erliegen gekommen zu sein. Wie viele Mitstreiter sind noch dabei?

KayH: Unsere Gruppe ist fluider Natur, aber die Aktivität ist ungebrochen. Allein die Aufmerksamkeit der Medien ist geringer geworden – vermutlich, weil wir zuletzt seltener die Arbeiten von Politikern untersucht haben. Stattdessen sind vermehrt Wissenschaftler in den Fokus getreten, gerade haben wir einen dänischen Professor entlarvt. Ich persönlich fände es auch gut, wenn wir eine Stichprobe von Dissertationen unbekannter Autoren untersuchen könnten, um die Frage zu klären: Wie verbreitet sind eigentlich Plagiate in Dissertationen? Aber eine solche Studie wäre natürlich sehr viel Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: In der vergangenen Woche hat ein weiterer Politiker, der CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, seinen Doktorgrad verloren. Werden Sie auch die Arbeit von Florian Graf, die bisher gesperrt war, untersuchen?

KayH: Das kann ich mir gut vorstellen, weil die Erklärungen von Herrn Graf sehr unglaubwürdig wirken. In jedem Fall ist es ein schönes Beispiel dafür, dass VroniPlag Wiki einiges bewegt hat. Ich glaube nicht, dass ohne die Diskussionen des letzten Jahres die Uni Potsdam, an der Herr Graf promoviert wurde, so schnell reagiert und nachgeforscht hätte. Und vermutlich hätte auch Herr Graf noch länger gezögert, seinen Doktorgrad "zurückgeben" zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich nichts Besseres zu tun, als anderen Leuten Fehler nachzuweisen?

KayH: Das fragt mich ernsthaft ein SPIEGEL-Redakteur?

Das Interview führte Markus Verbeet

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insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
christianschmidt79 06.05.2012
1. Who watches the watchmen?
Wer überprüft eigentlich die Hintergründe und Motive der selbsternannten, hauptsächlich anonymen "Plagiatsjäger"? Ach ja, die Wissenschaft hoch und heilig halten. Nach 30 Jahren Dissertationen ausbuddeln und dann auch noch ziemlich selektiv Unions- und FDP Politiker aufs Korn nehmen? Sorry, aber diese ganze Vroni-Plag Kiste kommt mir ebenso suspekt vor. Was mich ebenso ärgert: Soweit ich weiss, gibt es einen Doktorvater und einen Zweitgutachter bei Dissertationen. Haben die von Vroni-Plag aufgedeckten Fälle eigentlich jemals zu Konsequenzen an den jeweiligen Unis geführt? Wurden jemals Doktorväter und Zweitgutachter für ihre Schludrigkeiten belangt? Das ganze System stinkt mir - Vroni Plag snd jedoch keine Helden, sondern miese kleine Egomanen, die besser in den Schwarm zurückkehren sollten, aus dem sie gekommen sind.
hansulrich47 06.05.2012
2. Da kann der Naturwissenschaftler nur sagen:
Zitat von sysopDPADie anonyme Plagiatsjagd lebt: Der Sprachwissenschaftler KayH untersuchte zu Jahresbeginn die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Im Interview erzählt er, wie viele unsaubere Stellen er und seine Mitstreiter fanden - und warum Schavan zunächst dem Pranger entging. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,831439,00.html
Das ist das Problem der 'Geistes'wissenschaft: Alles ist dort schon mal irgendwo vorgedacht worden, es ist fast unmöglich wirklich originell zu sein. Da werden bekannte Versatzstücke nur zerschnipselt und neu zusammengebaut. Und das ist dann eben eine 'Doktorarbeit'. Ein Chemiker hat es einfach: Der kann tatsächlich ein 'neues' Molekül zusammenbasteln. Plagiat gibt's da nicht. Also sind wir mit den doctores phil, jur und med usw nicht so streng. Das kann einfach praktisch nie neu sein oder ist eh zweifelhaft 'wertvoll'. ;-)))
ecce homo 06.05.2012
3. Wissenschaft
Zitat von christianschmidt79Wer überprüft eigentlich die Hintergründe und Motive der selbsternannten, hauptsächlich anonymen "Plagiatsjäger"? Ach ja, die Wissenschaft hoch und heilig halten. Nach 30 Jahren Dissertationen ausbuddeln und dann auch noch ziemlich selektiv Unions- und FDP Politiker aufs Korn nehmen? Sorry, aber diese ganze Vroni-Plag Kiste kommt mir ebenso suspekt vor. Was mich ebenso ärgert: Soweit ich weiss, gibt es einen Doktorvater und einen Zweitgutachter bei Dissertationen. Haben die von Vroni-Plag aufgedeckten Fälle eigentlich jemals zu Konsequenzen an den jeweiligen Unis geführt? Wurden jemals Doktorväter und Zweitgutachter für ihre Schludrigkeiten belangt? Das ganze System stinkt mir - Vroni Plag snd jedoch keine Helden, sondern miese kleine Egomanen, die besser in den Schwarm zurückkehren sollten, aus dem sie gekommen sind.
Es werden nicht nur CDU- und FDP-Politiker auf Korn genommen. Es geht hier außerdem um Wissenschaft, im Gegensatz zur Politik und Wirtschaft bemüht man sich dort noch um Warhaftigkeit. Ein Plagiat ist etwas, was man mit wissenschaftlichen Methoden nachweisen kann. Die Mitarbeiter von Vroni Plag sind wissenschaftlich tätig und wenn ihnen deren Ergebnisse nicht gefallen, dann können sie entweder selbst einen wissenschaftlichen Gegenbeweis anstreben oder sie können sich zur Gruppe derjenigen gesellen, die sich der wissentschaftlichen Erkenntnis selektiv verweigern - was natürlich ihr gutes Recht ist.
Rodelkönig 06.05.2012
4.
Zitat von christianschmidt79Wer überprüft eigentlich die Hintergründe und Motive der selbsternannten, hauptsächlich anonymen "Plagiatsjäger"? Ach ja, die Wissenschaft hoch und heilig halten. Nach 30 Jahren Dissertationen ausbuddeln und dann auch noch ziemlich selektiv Unions- und FDP Politiker aufs Korn nehmen? Sorry, aber diese ganze Vroni-Plag Kiste kommt mir ebenso suspekt vor. Was mich ebenso ärgert: Soweit ich weiss, gibt es einen Doktorvater und einen Zweitgutachter bei Dissertationen. Haben die von Vroni-Plag aufgedeckten Fälle eigentlich jemals zu Konsequenzen an den jeweiligen Unis geführt? Wurden jemals Doktorväter und Zweitgutachter für ihre Schludrigkeiten belangt? Das ganze System stinkt mir - Vroni Plag snd jedoch keine Helden, sondern miese kleine Egomanen, die besser in den Schwarm zurückkehren sollten, aus dem sie gekommen sind.
Wieso sollten die überprüft werden? Dafür gibt's doch überhaupt keinen Grund. Dissertationen sind öffentlich und jedermann hat die Möglichkeit, jede Dissertation zu lesen und zu prüfen. VroniPlag ist halt eine Vereinigung zahlreicher Jedermanns. Und die entscheiden ja nicht darüber, ob jemandem sein Doktorgrad entzogen wird. Das entscheiden ganz allein die Promotionsausschüsse der jeweiligen Unis. Es steht jedem, auch Ihnen, frei, sämtliche Dissertationen von grünen, SPD-, Linken- und Piratenabgeordneten zu überprüfen und - wenn Sie was gefunden haben - Ihre Ergebnisse an die zuständigen Promotionsausschüsse weiterzuleiten. Die Dissertationen sind alle öffentlich verfügbar. Also entweder sind die Anhänger von Schwarz und Geld, äh Gelb, zu faul oder zu dumm, um das zu tun oder es gibt da halt einfach nix stichhaltiges zu finden. Ist Ihre Meinung. Ich glaube, diejenigen, die ihre Doktorarbeiten fälschen, um sich mit Hilfe des Titels wichtig zu machen und um eine Leistung vorzutäuschen, die sie niemals erbracht haben, sind die wesentlich mieseren kleinen Egomanen.
pauschaltourist 06.05.2012
5.
Zitat von christianschmidt79Wer überprüft eigentlich die Hintergründe und Motive der selbsternannten, hauptsächlich anonymen "Plagiatsjäger"? Ach ja, die Wissenschaft hoch und heilig halten. Nach 30 Jahren Dissertationen ausbuddeln und dann auch noch ziemlich selektiv Unions- und FDP Politiker aufs Korn nehmen? Sorry, aber diese ganze Vroni-Plag Kiste kommt mir ebenso suspekt vor. Was mich ebenso ärgert: Soweit ich weiss, gibt es einen Doktorvater und einen Zweitgutachter bei Dissertationen. Haben die von Vroni-Plag aufgedeckten Fälle eigentlich jemals zu Konsequenzen an den jeweiligen Unis geführt? Wurden jemals Doktorväter und Zweitgutachter für ihre Schludrigkeiten belangt? Das ganze System stinkt mir - Vroni Plag snd jedoch keine Helden, sondern miese kleine Egomanen, die besser in den Schwarm zurückkehren sollten, aus dem sie gekommen sind.
Soweit objektiv vorwerfbare und stichhaltige Fakten präsentiert werden sind weder die Motive noch die Anonymität der "Plagiatsjäger" relevant. Strafanzeigen sind auch anonym möglich, wieso also sollten sich die ehrenamtlichen VroniPlag-Aktivisten offenbaren? Frau Schavan sollte sich bezüglich ihrer entsprechenden Forderung vielleicht noch einmal beim benachbarten Justizministerium informieren....
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