Milde Strafe für Plagiatoren Eine Rüge kann so schön sein

Ein Doktorand hat falsch zitiert, findet die Uni Wuppertal im Nachhinein heraus. Doch statt dem Dr.-Ing. den Titel zu nehmen, erhält er nur eine Rüge. Der Gnadenweg für akademische Sünder findet auch an anderen Universitäten Gefallen.

Von Hermann Horstkotte

Exzessive Gewaltanwendung (hier Inquisitoren um 1500) ist sicher keine Lösung. Aber reicht eine Rüge für überführte Abschreiber?
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Exzessive Gewaltanwendung (hier Inquisitoren um 1500) ist sicher keine Lösung. Aber reicht eine Rüge für überführte Abschreiber?


Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg sollten diesen Text wohl besser nicht lesen. Es könnte sein, dass die beiden des Plagiats überführten ehemaligen Bundesminister sich ärgern. Für alle anderen ist er interessant und lehrreich.

Ein Rechtsanwalt wurde im Jahr 2010 nebenberuflich an der Bergischen Universität Wuppertal zum Dr.-Ing. promoviert - und zwar ohne vorher ein Ingenieurstudium absolviert zu haben, und ohne korrekt zu zitieren.

Weil die baurechtliche Dissertation an der Schnittstelle zwischen Jura und Ingenieurwesen angesiedelt war, hatte die Uni dem Juristen die Promotion erlaubt. Allerdings stellte der zuständige Ausschuss Ende 2013 fest: Wegen fehlender Zitatnachweise "hätte die Dissertation in der vorliegenden Form nicht angenommen werden dürfen". Trotzdem kann der Doktor seinen Titel behalten. Wie das geht?

Die Uni machte dem Juristen ein Angebot: Er soll ein Kapitel der Doktorarbeit bis Mitte dieses Jahres mit korrekten Zitaten umschreiben und die Neufassung publizieren. Darin soll er anmerken, dass die Uni eine Überarbeitung verlangt hat. Dann werde die Hochschule auf einen Titelkampf vor Gericht verzichten und die Sache mit einer "Rüge" endgültig abschließen. Die Missbilligung wird nicht veröffentlicht und hat keinerlei Auswirkung auf Beruf und soziale Stellung des Gescholtenen.

Doktorvater nannten den Plagiator einen "Glücksfall"

Wer nachweislich in seiner Doktorarbeit plagiiert hat, verliert den Titel, womöglich seinen Posten und ganz sicher einen Großteil seiner Reputation. Das ist die Lehre seit Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und Annette Schavan. Doch wie der Fall des Juristen zeigt, können Hochschulen mit Plagiatsfällen auch ganz anders umgehen. Der Trick ist kaum bekannt, und eben darum geht es: Verfahren einzustellen, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitbekommt und ohne dass beide Seiten negative Konsequenzen fürchten müssen.

Denn nicht nur der überführte Doktor hätte Schaden genommen. Auch die Wuppertaler Uni war in einer peinlichen Lage. Erst durch einen Informanten hatte sie nämlich von der kuriosen Vorgeschichte der Doktorarbeit erfahren: Der Dr.-Ing. war zuvor bereits an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg mit einer Dissertation zum gleichen Thema gescheitert, der dortige Promotionsausschuss nannte sie "in weiten Teilen ein Plagiat". Also suchte er in Wuppertal eine zweite Chance.

Zwar wies der Doktorand seinen neuen Fachbereich vorschriftsmäßig auf seinen Fehlversuch in Hamburg hin, doch hätte die Bergische Universität sich in der Hansestadt näher erkundigt, wäre nicht verborgen geblieben, dass beide Dissertationen teilweise dieselben Plagiate aufweisen. Anstatt nachzuforschen, freute sich der neue Doktorvater, ein Ingenieurprofessor, außerordentlich über den Kandidaten und nannte ihn sogar einen "Glücksfall" für die Wuppertaler Uni. Die Zitiermängel fielen auch dem Zweitgutachter, ebenfalls ein Ingenieur, nicht auf.

Als der Schlamassel nicht mehr zu übersehen war, wollte die Hochschule zunächst den Doktorgrad entziehen. Eine solche Entscheidung ist immer Ermessenssache; in dem konkreten Fall sah die Uni durch die unsaubere Zitierweise "das Ansehen aller Promovenden" in Wuppertal "und ihrer Doktorväter geschädigt". Doch der frische Dr.-Ing. zog vor Gericht. Seine Begründung: Der Titelentzug hätte negative Folgen für ihn. Seine Anwaltstätigkeit im Baurecht würde gefährdet, Vorträge und die Mitarbeit in offiziellen Gremien seien dann nicht mehr möglich.

Er hatte Erfolg: Die Richterin deutete an, dass die Hochschule ihre Ermessensentscheidung zwischen dem Interesse der Uni und der persönlichen Zukunft des Doktoranden nicht ausgewogen genug begründet habe. Plötzlich war der Hochschule eine außergerichtliche Einigung lieber.

Die Rüge kommt in Mode

Auch wenn dieser Kompromiss sonderbar anmutet: Rügen statt Titelentzug wegen plagiierter Doktorarbeiten hat es schon des öfteren gegeben. So kam eine Juristin aus Münster kürzlich mit einer Rüge davon, weil sie zwar nicht bewusst getäuscht, wohl aber mangelhaft zitiert habe, urteilte ihre Uni. Diesen Gnadenweg für akademische Sünder haben auch die Unis in Heidelberg, Dortmund und Münster eröffnet, die Uni Bayreuth denkt ebenfalls darüber nach.

Ob eine Rüge jedoch ein rechtmäßiges Sanktionsinstrument darstellt, ist unter Fachleuten umstritten. In keiner Promotionsordnung und in keinem Hochschulgesetz ist sie zu finden, sagen Rechtsexperten wie Stephan Rixen, Professor in Bayreuth und Vorsitzender der Kommission für gute und schlechte wissenschaftliche Praxis.

Die Idee, nicht jedes Plagiat gleich zu behandeln, sei im Kern jedoch berechtigt, findet Rixen, der auch Chefaufklärer im Plagiatsfall Guttenberg war. Einige der vielen Plagiatsfälle seien durchaus grenzwertig und eine herkömmliche Ja-Nein-Entscheidung über eine Täuschung - und damit über Fortbestand oder Entzug des Doktorgrades - unbefriedigend.

Könnte eine im Hochschulrecht verankerte Rüge also doch eine Lösung sein? Vielleicht, meint der Rechtswissenschaftler Klaus F. Gärditz. Die Fachdiskussion stehe aber erst am Anfang. Ein Vergleich wie in Wuppertal könnte auch eine gangbare "Behelfslösung" sein, findet Gärditz. Jedoch immer nur als Ausweg in einer verfahrenen Situation.

Promotionsbetrug im Selbstversuch

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Seite 1
chailatte 09.05.2014
1. Rüge hin, Strafe her
Der Entzug des Doktortitels aufgrund einer zumindest unsauber geschriebenen Promotionsarbeit (in diesem Fall auch deshalb wenig entschuldbar, weil der Kandidat ja schon durch die Hamburger Vorgeschichte nicht arglos oder schlampig gehandelt hat, sondern um die Mängel wusste) ist keine Strafe, sondern derjenige bekommt etwas weggenommen, was ihm ohnehin nicht zusteht. Dass das für ihn negative Konsequenzen hat, ist bedauerlich, aber für ihn hatte ja auch der unrechtmäßig erhaltene Doktortitel positive Konsequenzen, die er wohl kaum "zurückzahlen" wird. Rüge und Entzug des Doktortitels schließen sich keineswegs aus, vielmehr halte ich ein kombiniertes Vorgehen für gerechtfertigt, allein um die Wissenschaft zu schützen. Um die geht es doch beim Promovieren trotz allem, oder?
Rickie 09.05.2014
2. Gewagte sprachliche Konstruktion
"Der Gnadenweg für akademische Sünder findet auch an anderen Universitäten Gefallen." Also. Das nenne ich kreativ. Wo der Normal-Schreiber doch so langweilig geschrieben hätte "Am Gnadenweg für akademische Sünder finden auch andere Universitäten Gefallen". Man stolpert drüber, liest es dreimal. Und am Ende hat man sich viel mehr mit dem Artikel befasst, als es sonst der Fall gewesen wäre. Aber mal davon abgesehen: Rüge statt Aberkennung finde ich okay. Die allgemeine Empörungshysterie bei dem Thema nervt.
genesys 09.05.2014
3.
Zitat von chailatteDer Entzug des Doktortitels aufgrund einer zumindest unsauber geschriebenen Promotionsarbeit (in diesem Fall auch deshalb wenig entschuldbar, weil der Kandidat ja schon durch die Hamburger Vorgeschichte nicht arglos oder schlampig gehandelt hat, sondern um die Mängel wusste) ist keine Strafe, sondern derjenige bekommt etwas weggenommen, was ihm ohnehin nicht zusteht. Dass das für ihn negative Konsequenzen hat, ist bedauerlich, aber für ihn hatte ja auch der unrechtmäßig erhaltene Doktortitel positive Konsequenzen, die er wohl kaum "zurückzahlen" wird. Rüge und Entzug des Doktortitels schließen sich keineswegs aus, vielmehr halte ich ein kombiniertes Vorgehen für gerechtfertigt, allein um die Wissenschaft zu schützen. Um die geht es doch beim Promovieren trotz allem, oder?
Als Jurist hatte er vor Gericht einen "Rechts-Bonus". ES ist unter Juristen oft so, dass sie sich gegenseitig schützen. Die Uni wollte ihm den Dr. wegnehmen. Das Gericht hat das unterbunden.
rkjeld 09.05.2014
4. Na und?
Die ganze Angelegenheit ist symptomatisch: Eine Arbeit, die kaum jemanden interessiert, nicht einmal die Gutachter, nebenher geschrieben, ohne die Absicht einer wissenschaftlichen Karriere seitens des Doktoranden. Der Selbstregelungsmechanismus der Wissenschaft greift hier nicht, weil das Interesse wohl zu gering ist. Glaubt irgendjemand, ein derart "Gerügter" bekäme noch eine wissenschaftliche Stelle? Eben. Der Punkt ist nur, dass auch ihn ebendies nicht interessiert. Wir haben also einen weiteren Fall, der nahelegt, den Doktorgrad nicht als Namensbestandteil zu belassen. Schade für das Ansehen all derer, die ehrlich arbeiten.
dafor 09.05.2014
5. Falscher Weg
Zitat von sysopGetty ImagesEin Doktorand hat falsch zitiert, findet die Uni Wuppertal im Nachhinein heraus. Doch statt dem Dr.-Ing. den Titel zu nehmen, erhält er nur eine Rüge. Der Gnadenweg für akademische Sünder findet auch an anderen Universitäten Gefallen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiate-in-der-doktorarbeit-ruege-statt-titelentzug-a-966041.html
Man kann darüber nachdenken, ob eine Staffelung von Sanktionen nach Schwere im Falle von fehlerhaften Dissertationen sinnvoll ist. Dabei wird dann aber die Berücksichtigung des Umstandes breiten Raum einnehmen müssen, dass Kandidaten mit Vitamin B oder politischem Rückenwind, wie man so sagt, in Zukunft wohl überwiegend mit Rügen und dem Titel davon kommen könnten, während Kandidaten ohne diese Charakteristika die volle Härte der Bestimmungen zu spüren bekommen würden. Ich finde allerdings, dass derartige Überlegungen im Prinzip in die falsche Richtung gehen. Es müssen endlich die betreuenden Professoren und Gutachter bestraft werden, die ihre Arbeit nicht richtig machen und so zu Plagiaten geradezu ermuntern. Man sollte ja nicht vergessen, dass diese Leute derartige Aufgaben übernehmen, weil sie sich damit persönliche Vorteile im Bereich Reputation und Netzwerke versprechen. Überhand nehmende Gier, die zu Kritik würdigem Verhalten führt, sollte sanktioniert werden.
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