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29. April 2012, 19:49 Uhr

Plagiatsverdacht

Berliner CDU schart sich um Doktorschummler

Er schlampte bei seiner Doktorarbeit, dennoch will er Fraktionschef bleiben: Der Berliner CDU-Politiker Florian Graf baut auf die Treue seiner Parteifreunde. Seine Taktik erinnert an die Rückzugsgefechte des Ex-Ministers Guttenberg.

Berlin - Florian Graf, 38, CDU-Fraktionsvorsitzender in Berlin, sagt, er habe "menschlich versagt". Und er attestiert sich "wissenschaftliches Fehlverhalten" beim Schreiben seiner Doktorarbeit und bat die Uni Potsdam am Freitag darum, seinen Doktorgrad zurückzunehmen.

Geht es nach Graf, sollen daraus allerdings keine politischen Konsequenzen folgen. Noch am Tag, an dem die Universität Potsdam den Plagiatsverdacht gegen den Berliner Spitzenpolitiker der Union bekannt machte, kündigte er eine Vertrauensabstimmung in der Fraktion an. Parteifreunde schickten daraufhin über die Berliner Lokalpresse eilig Solidaritätsadressen.

In der Fraktion gebe es "breite Solidarität", alle Funktionsträger, die sich bislang erklärt hätten, "haben sich für Graf ausgesprochen", sagte Fraktionssprecher Michael Thiedemann SPIEGEL ONLINE. Graf habe seinen Grad freiwillig zurückgegeben, nun müsse er "nichts mehr tun".

Grafs Arbeit ist wegen eines Sperrvermerks erst seit wenigen Tagen für die Überprüfung zugänglich. Er hatte seine Dissertation über die Berliner CDU geschrieben. Titel: "Der Entwicklungsprozess einer Oppositionspartei nach dem abrupten Ende langjähriger Regierungsverantwortung". Er reichte sie im April 2010 an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein, den Doktorgrad erhielt er im Dezember 2010.

"Nach über zwei Jahren wieder mit der Arbeit befasst"

Sollte sich der Plagiatsverdacht erhärten, wäre ein Verbleib im Amt des Fraktionsvorsitzenden immerhin ungewöhnlich. Für Politiker bedeutet eine Plagiatsaffäre in der Regel, dass sie ihre Ämter abgeben. Silvana Koch-Mehrin (FDP), die weiterhin juristisch gegen ihren Titelentzug vorgeht, legte alle Parteiämter nieder, blieb allerdings als Abgeordnete im Europaparlament.

Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) versuchte zunächst mit einem freiwilligen Rücktritt vom Doktorgrad Schlimmeres zu verhindern. Schließlich war er aber als Minister nicht mehr tragbar. Fraktionschef Graf scheint es nun mit dieser Guttenberg-Taktik zu versuchen: Große Reue zeigen, den Doktor von sich werfen und dann um Vertrauen bitten, noch bevor alle Fakten zu der Arbeit auf dem Tisch liegen.

Nach Darstellung Grafs waren ihm die Unstimmigkeiten in seiner Arbeit in den vergangenen Wochen selbst aufgefallen. Fraktionssprecher Thiedemann sagte, Graf habe sich "nach über zwei Jahren für einen Fachartikel wieder mit seiner Arbeit befasst". Darüber, warum ihm in seiner eigenen Arbeit Unsauberkeiten erst nach Jahren aufgefallen seien, sei Graf aber keine Rechenschaft schuldig.

Laut Universität war der Plagiatsverdacht aufgekommen, weil Graf den Sperrvermerk für seine Arbeit im Jahr 2011 um ein weiteres Jahr verlängern wollte. Dabei sei ein Verfahrensfehler passiert, im Zuge dessen die Arbeit noch einmal neu begutachtet wurde. Dabei hätten sich "Zweifel an der wissenschaftlichen Qualität sowie der Plagiatsverdacht ergeben", zitiert der "Tagesspiegel" aus einer Erklärung der Universität Potsdam.

Eine Überprüfung der Arbeit halte der Fraktionsvorsitzende Graf nun nicht mehr für nötig, sagte CDU-Fraktionssprecher Thiedemann. Graf werde dem Promotionsausschuss der Universität Potsdam aber binnen zwei Wochen eine Stellungnahme zukommen lassen.

cht

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