Plagiatsaffäre Fall Koch-Mehrin setzt Maßstäbe für Doktor-Wächter

Silvana Koch-Mehrin wurde der Doktortitel aberkannt - logische Folge der Fälle zu Guttenberg und Saß? Nicht ganz. Auch Koch-Mehrin hat abgeschrieben, die Plagiate haben aber eine andere Qualität. Umso bemerkenswerter das Durchgreifen der Uni Heidelberg, sie hat ein Exempel statuiert.

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Koch-Mehrin: "Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen"
dapd

Koch-Mehrin: "Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen"


Wenn man nur zählt, erscheint alles ganz einfach. 120 Plagiate in einer einzigen Dissertation, verteilt auf 80 Seiten, entnommen aus 30 Werken - das ergibt einen solch hohen Pfuschfaktor, dass es scheinbar nur eine Konsequenz geben kann: den Titel abzuerkennen. So hat es die Universität Heidelberg in der Causa Koch-Mehrin am Mittwoch entschieden, "nach intensiver Prüfung der Dissertation, einer schriftlichen Stellungnahme und einer persönlichen Anhörung", wie sie in einer Stellungnahme betont.

Das alles klingt korrekt, das Ergebnis unausweichlich. Wenn eine Arbeit "in substantiellen Teilen aus Plagiaten besteht", wie es der Vorsitzende des Promotionsausschusses in Heidelberg ausdrückte, dann darf es dafür keinen Doktortitel geben. Silvana Koch-Mehrin, die FDP-Politikerin, steht jetzt in einer Reihe mit den bislang prominentesten Doktorschwindlern des Jahres: der Stoiber-Tochter Veronica Saß und natürlich der CSU-Wunderwaffe Karl-Theodor zu Guttenberg.

Doch die Causa Koch-Mehrin ist so einfach nicht, sie ist viel folgenreicher und spannender als die beiden anderen. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg konnte all die öffentliche Empörung schnell vergessen lassen, dass der Fall in mancher Hinsicht vor allem eines war: langweilig. Denn Guttenberg hatte es den Prüfern an seiner Universität Bayreuth allzu leichtgemacht zu befinden, dass es so nun wirklich nicht geht. Schon die Einleitung hatte er ja aus der Zeitung geklaut und auf den folgenden Seiten so umfassend abgeschrieben, dass es am Ende fast schon wie eine Kunst wirkte, die Kopien zu einem stimmigen Mosaik zusammengefügt zu haben. Als die Plagiate erst einmal entdeckt waren, konnte die Sanktion nur heißen: Titel weg.

Koch-Mehrin hat geklaut, aber nicht in der Weise zu Guttenbergs

Ähnliches gilt im Fall der Stoiber-Tochter Veronica Saß, die an der Universität Konstanz promovierte. Auch Saß machte es den Prüfern sehr leicht. Im fünften Kapitel ihrer Dissertation etwa sind die Ähnlichkeiten mit anderen Veröffentlichungen frappierend. Die Doktorandin scheint drei Aufsätze eines Hamburger Professors nahezu komplett kopiert und einfach aneinandergehängt zu haben: Selbst Überschriften, Zwischenüberschriften und Fußnoten sind deckungsgleich. Die Uni Konstanz hat ihr mittlerweile den Titel aberkannt - was auch sonst, bei solchen Auffälligkeiten.

Der Fall Koch-Mehrin liegt anders. Auch die FDP-Frau hat viel abgeschrieben, das ist keine Frage. Die Zahlen sprechen für sich, 120 Plagiate auf 80 Seiten aus 30 Werken, und Koch-Mehrin hat es selbst eingeräumt: "Meine Doktorarbeit ist nicht frei von Schwächen, nicht selten ungenau, oberflächlich und manchmal geradezu fehlerhaft." An vielen Stellen hat sie sich etwa aus Handbüchern bedient, ohne dies kenntlich zu machen.

Aber sie hat nicht ihre Einleitung aus der Zeitung geklaut, sie hat nicht ganze Aufsätze inklusive Überschriften und Fußnoten übernommen. Sie hat Fehler gemacht, aber nicht in gleicher Qualität oder Quantität wie Guttenberg oder Saß. Niemand wird glauben, dass sich in Deutschlands Bibliotheken nicht einige Dissertation verstecken, die auch nicht besser, aber eben noch nicht entlarvt sind.

Koch-Mehrin hat es der Wissenschaftsszene daher nicht so leichtgemacht. Darum ist ihr Fall nicht langweilig, sondern spannend. Erst Koch-Mehrin erzwingt die wichtige Debatte darüber, was noch so gerade eben geduldet werden kann und wann hart durchgegriffen werden muss. Wie ernst nimmt die Wissenschaft es wirklich, wenn ein Doktorand oder eine Doktorandin es nicht so genau nehmen?

Der Fall ist eine Verpflichtung für künftige Doktoranden

Bei Guttenberg hatten sich viele Vertreter aus der Wissenschaftsszene weit aus dem Fenster gelehnt. Sie übten Kritik, mit üblicher Verzögerung, aber unüblicher Heftigkeit, als habe der Minister jeden einzelnen Professor und Doktor persönlich beleidigt. Ob alle diejenigen, die so vehement für das Reinheitsgebot in den Publikationen stritten, ohne schlechtes Gewissen sein konnten, wird sich nie aufklären lassen.

Sicher aber ist, dass in der Wissenschaft lange Jahre viel Schmu geduldet wurde - es mangelte zu häufig an eindeutigen Standards, an offener Auseinandersetzung, an konsequenter Aufklärung.

Die Heidelberger Uni aber hat nun durchgegriffen. Als "zwingend" hat der Promotionsausschuss die Aberkennung in seiner Stellungnahme bezeichnet. Für seine Entscheidung kann er gute Gründe anführen, insgesamt 120. Ein Gerichtsverfahren muss die Uni nicht fürchten, sie würde es vermutlich gewinnen; es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass Koch-Mehrin mit einer Klage gegen die Aberkennung erfolgreich wäre. Denn man kann die Entscheidung so treffen, wie die Universität Heidelberg sie getroffen hat.

Nur müssen die Unis dann auch in anderen, ja allen Fällen nach denselben Maßstäben urteilen. Die Uni Heidelberg hat mit ihrem Urteil, ob sie will oder nicht, auch ein Exempel statuiert. Die Fehler, die Koch-Mehrin gemacht hat, sind im Internet, im VroniPlag Wiki, für jedermann nachzuvollziehen. Die Reaktion der Universität wird daher vielen als Maßstab für künftige Zweifelsfälle dienen. Dass hier die älteste deutsche Universität handelt, eine ehrwürdige und eine der besten, macht den Fall noch gewichtiger.

Er ist darum eine Verpflichtung für künftige Doktoranden, aber auch für alle Promotionsausschüsse: Sie werden genauer hinschauen und strenger ahnden müssen. Nicht nur alle Doktoranden werden sich an Koch-Mehrin und der Uni Heidelberg messen lassen müssen, sondern auch alle Universitäten.



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insgesamt 486 Beiträge
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Seite 1
Viva24 16.06.2011
1. Wer betrügt muß seine Konsequenzen ziehen
oder von Außen bestraft werden. Lassen wir dies bei unseren Vorbildern den Politiker so durchgehen werden wir in dieser Gesellschaft keine ehrlichen Bürger mehr finden! Können wir ja alle die Stuern hinterziehen, vor Gericht lügen usw.
itsenough 16.06.2011
2. jetzt bitte alle
Im Prinzip müsste jede Doktorarbeit nach dem Krieg noch einmal angeschaut werden oder alternativ: die Promotion ist Privatsache und wird als Namenszusatz gestrichen.
Plethon 16.06.2011
3. o.T.
Was will der Kommentator uns mit diesem Artikel sagen? Absolut schleierhaft?!? Nicht so schlimm wie bei den anderen, Ja aber Nein aber was?
kjartan75 16.06.2011
4. Titellos glücklich!
Es dürfte spannend sein, zu sehen, ob Koch-Mehrin wirklich den verzweifelten Mut aufbringt, Klage einzureichen. Es scheint ja eine hohe Wahrscheinlichkeit zu bestehen, dass sie verlieren könnte (wie der Artikel schon sagt, die Zahlen sprechen eigentlich schon für sich). Als Absolvent wundere ich mich mittlerweile schon, wie lasch Doktorarbeiten anscheinend geprüft werden. Da denke ich mir manchmal insgeheim: Und ich habe mir Nächte um die Ohren geschlagen, um ja die korrekte Zitierweise einzuhalten und auch wirklich keinen Fehler da zu begehen. Hätte ich es entspannter angehen können, weil ja offensichtlich doch nicht so genau kontrolliert wird? Eins dürfte klar sein: Diese Fälle werfen ein sehr schlechtes Licht auf diejenigen, die offensichtlich betrügen und diejenigen, die die Arbeiten überprüfen.
brunokoch, 16.06.2011
5. .
Viele Diplomarbeiten werden doch schon längst "outgesourct" also von anderen geschrieben. Bei Doktortiteln, die ohnehin oft kaum mehr als geistige Onanie sind, dürfte es nicht anders sein.
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