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12. September 2012, 17:41 Uhr

Victor Pontas Doktorarbeit

Plagiate auf jeder dritten Seite

Rumäniens Ministerpräsident Victor Ponta hat in seiner Doktorarbeit seitenweise abgeschrieben und soll seinen Titel verlieren, empfiehlt die Uni Bukarest. Dort hatte Ponta 2003 promoviert. Allerdings kann nur das Bildungsministerium dem Regierungschef den Doktor aberkennen.

Bukarest - Die Universität Bukarest würde es selbst tun, wenn sie es könnte. Sie würde Regierungschef Victor Ponta seinen Doktorgrad aberkennen. Doch in Rumänien vergibt und entzieht allein das Bildungsministerium akademische Titel. Deshalb will der Senat der Universität das Ministerium in Kürze dazu auffordern, Ponta den Doktortitel wegzunehmen. Einige Senatsmitglieder würden bald eine entsprechende Stellungnahme formulieren, teilte die Universität am Mittwoch mit.

Die Uni, an der Ponta 2003 über den Internationalen Strafgerichtshof promovierte, wirft dem Regierungschef gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten vor. Ein externes Gutachten habe ergeben, dass er 98 Seiten seiner 432-seitigen Doktorarbeit aus fremden Quellen abgeschrieben habe, sagte eine Sprecherin der Universität SPIEGEL ONLINE. Den Umfang des Textes ohne Anhang und Vorwort des Doktorvaters bezifferte die Ethikkommission der Hochschule auf 297 Seiten.

Die Sprecherin der Uni sagte weiter, Ponta habe Passagen aus den Werken von vier rumänischen Rechtswissenschaftlern nicht akkurat zitiert. Drei dieser Werke tauchten nur in der Literaturliste auf, eines erwähne Ponta überhaupt nicht. "Der Autor kannte den Kodex der akademischen Rechtschaffenheit und die Zitierregeln, denn an anderen Stellen hat er korrekt zitiert", sagte die Sprecherin. Die Dissertation sei ein Plagiat sowohl auf inhaltlicher wie auch auf formaler Ebene.

Das Gutachten hatte der Rektor der Uni, Mircea Dumitru, bei drei Rechtsexperten aus Bukarest, Straßburg und Paris in Auftrag gegeben. Es umfasst rund zehn Seiten und bestätigt die Einschätzung der Ethikkommission der Hochschule. Die Doktorarbeit verletze die Prinzipien der Moral, Integrität und des guten wissenschaftlichen Benehmens, hatte das Gremium im Juli geurteilt. Die schriftliche Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob und wann das Bildungsministerium dem Regierungschef seinen Titel nehmen will, ließ das Ministerium am Mittwoch unbeantwortet.

Pontas Doktorvater war auch sein politischer Ziehvater

Ponta hatte zu Beginn der Plagiatsaffäre im Juni eingeräumt, nicht alle Autoren am Ende jeder Seite aufgelistet zu haben. Er sagte damals, sollte die Arbeit fehlerhaft sein, sei er bereit, dafür zu bezahlen. Hinter den Vorwürfen stecke eine Intrige seiner politischen Gegner . Er machte unter anderem seinen Rivalen, Präsident Traian Basescu, dafür verantwortlich, den er mit einem Referendum entmachten wollte. Das Verfassungsgericht entschied allerdings Ende August, dass Basescu im Amt bleiben dürfe.

Die Ethikkommission versicherte, die Arbeit allein unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet zu haben. Politik oder Medien hätten "keinerlei Rolle in dem Prozess gespielt, unsere Position zu formulieren".

Pontas Doktorvater war zugleich sein Parteifreund und politischer Ziehvater, Adrian Nastase. Der damalige Regierungschef trat Ende Juni eine zweijährige Haftstrafe wegen illegaler Parteienfinanzierung an. Rektor Dumitru kündigte an, Politik und Wissenschaft an seiner Universität zu entflechten: "Ich kenne kein anderes westliches Land, wo aktive Politiker Doktoranden betreuen", sagte er. "Ein Professor, der in die Politik geht, sollte kein Doktorvater mehr sein dürfen."

Dumitru gab zu, dass auch die Universität selbst die Arbeit 2003 nicht gründlich geprüft habe. Die drei Professoren aus der juristischen Fakultät, die sich die Dissertation damals anschauen sollten, hätten offenbar keinen guten Job gemacht, sagte er SPIEGEL ONLINE. Sie sind inzwischen im Ruhestand. Er wolle sie nun mit dem externen Gutachten konfrontieren.

Pontas Mitte-links-Regierung war Anfang Mai vereidigt worden. Bildungsminister Ioan Mang trat schon eine Woche später nach Plagiatsvorwürfen zurück. Vor der Regierungsbildung war außerdem die ursprünglich vorgesehene Kandidatin für das Bildungsministerium gescheitert. Sie hatte in ihrem Lebenslauf geschrieben, an der renommierten Stanford University studiert zu haben, berichtete der Deutschlandfunk. Doch ein Anruf bei der Uni ergab: Ihr Name taucht in den Absolventenlisten nicht auf.

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