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02. Mai 2012, 18:28 Uhr

Berliner Plagiatsaffäre

Uni nimmt CDU-Fraktionschef Doktortitel 

Er hat bekommen, was er wollte: Die Universität Potsdam hat dem Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf den Doktortitel aberkannt. Der hatte zuvor eingeräumt, die Hochschule getäuscht zu haben. Nun hofft Graf, dass er bald zur Tagesordnung übergehen kann.

Ihm habe der Mut gefehlt, um schon früher um die Aberkennung seines Doktortitels zu bitten, schrieb der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf an die Universität Potsdam. Nun ist die Hochschule seinem Wunsch nachgekommen: Am Mittwoch entzog sie dem 38-Jährigen den Titel. Der Promotionsausschuss der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam habe festgestellt, dass bei der Erstellung der Dissertation "der Tatbestand der Täuschung erfüllt wurde", teilte die Hochschule mit.

"Ich werde gegen diese Entscheidung kein Rechtsmittel einlegen. Sie wird damit bestandskräftig", sagte Graf. Der CDU-Politiker hatte die Aberkennung des Titels selbst vorangetrieben. Er hatte am Montag einen Brief an die Vorsitzende des Promotionsausschusses der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Theresa Wobbe, geschickt, in dem er zugab, sich "fremdes Wissen zu eigen gemacht" zu haben. "Ich habe es mir zu leicht gemacht", schreibt Graf. Er habe "eine Täuschungshandlung" begangen und deshalb Ende April den Antrag gestellt, dass ihm der Doktortitel entzogen werde.

Ob er trotzdem im Amt bleiben soll, will die Berliner CDU-Fraktion am Donnerstag in einer Vertrauensabstimmung entscheiden. In der Fraktion gebe es "breite Solidarität", alle Funktionsträger, die sich bislang erklärt hätten, "haben sich für Graf ausgesprochen", hatte Fraktionssprecher Michael Thiedemann zuvor verkündet.

Nach Verfahrensfehler neu begutachtet

Andere Politiker haben im Zuge einer Plagiatsaffäre ihre Ämter abgegeben. Silvana Koch-Mehrin (FDP), die weiterhin juristisch gegen ihren Titelentzug vorgeht, legte alle Parteiämter nieder, blieb allerdings als Abgeordnete im Europaparlament. Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) versuchte zunächst mit einem freiwilligen Rücktritt vom Doktorgrad Schlimmeres zu verhindern. Schließlich war er aber als Minister nicht mehr tragbar.

Graf hatte im Dezember 2010 den Doktorgrad erhalten. In seiner Dissertation behandelte er den Wechsel der Berliner CDU in die Opposition nach langjähriger Regierungszeit. Wegen eines Sperrvermerks ist die Arbeit erst seit kurzem für die Überprüfung zugänglich. Das habe er so mit seinem Erstgutachter beantragt, weil er die Ergebnisse der Arbeit zuvor in einer Fachzeitschrift veröffentlichen wollte, schrieb Graf in seinem Brief an die Dekanin.

Der Sperrvermerkt galt zunächst bis September 2011. Er habe es jedoch nicht geschafft, den Fachartikel bis dahin zu verfassen - wegen seiner "enormen Arbeitsbelastung" als Politiker und weil er gerade Vater geworden war, sagte Graf. Erst im Februar dieses Jahres habe er sich wieder intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt, nachdem sich die Universität nach dem Verbleib des Fachartikels erkundigt habe. "Dabei musste ich leider feststellen, dass ich wissenschaftlich an einigen Stellen nicht fehlerfrei gearbeitet habe", schreibt Graf an die Hochschule.

Laut Universität war der Plagiatsverdacht aufgekommen, als Graf den Sperrvermerk für seine Arbeit um ein weiteres Jahr verlängern wollte. Dabei sei ein Verfahrensfehler passiert, im Zuge dessen die Arbeit noch einmal neu begutachtet wurde. Graf sagte, er habe nicht gewusst, dass er die Verlängerung beim Promotionsausschuss und nicht bei der Bibliothek hätte beantragen müssen.

son/cht/dpa

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