Plagiatsfreispruch für EU-Kommissar Nach heutigen Standards durchgefallen

Der österreichische EU-Kommissar Johannes Hahn stand lange unter dem Verdacht, für seine Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Ein neues Gutachten entlastet ihn nun. Allerdings kommen die Prüfer auch zu dem Schluss: Heute würde solch eine Dissertation nicht mehr angenommen. 

Johannes Hahn: Kapitel nun endgültig abgeschlossen?
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Johannes Hahn: Kapitel nun endgültig abgeschlossen?


Die Universität Wien stellt das Plagiatsverfahren gegen den EU-Kommissar und früheren österreichischen Wissenschaftsminister Johannes Hahn ein. Die Doktorarbeit Hahns sei kein Plagiat, gab die Hochschule am Freitag bekannt. Das habe ein Gutachten der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität ergeben.

In der eine Seite umfassenden Stellungnahme der Kommission heißt es, ein wissenschaftliches Fehlverhalten liege in Hahns Doktorarbeit mit dem Titel "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" nicht vor. Die Arbeit sei kein Plagiat.

Fast 25 Jahre nach Einreichen der Arbeit sei nicht mehr festzustellen, ob das Werk den damals geltenden Standards entsprochen habe, erklärten die Prüfer um den Bielefelder Soziologieprofessor Peter Weingart. In der Stellungnahme Weingarts heißt es über Hahns Arbeit: "In weiten Teilen der Dissertation entspricht das Zitieren von Texten anderer Autoren bei Zugrundelegung heutiger allgemein anerkannter Standards nicht den Prinzipien guter wissenschaftlicher Praxis".

Allerdings sei heute "nicht mehr zu verifizieren, ob die Arbeit zum Zeitpunkt der Approbation den damals an der Universität Wien geltenden Standards entsprochen hat". Der Rektor der Universität Wien, Heinz Engl, sagte: "Heute würde eine solche Dissertation nicht mehr angenommen."

Uni Wien und EU-Kommissar Hahn ziehen Schlussstrich

Das Urteil der sechsköpfigen Kommission basiere "unter anderem auf drei externen Gutachten ausländischer Professoren, die (...) fundierte Kenntnisse über die Natur und Definition eines wissenschaftlichen Plagiats besitzen". Die Namen der ausländischen Gutachter nennt das Schreiben nicht.

Bereits 2007 war Hahns Dissertation unter Plagiatsverdacht geraten. Damals hatte der österreichische Plagiatsjägers Stefan Weber dem Politiker der konservativen Österreichischen Volkspartei vorgeworfen, Quellen nicht genau angegeben und schlampig gearbeitet zu haben. Die Uni Wien beauftragte daraufhin die Uni Zürich mit einem Gutachten, das zwar "klare formale Mängel" feststellte, den Minister aber vom Plagiatsverdacht freisprach.

Im Zuge der Plagiatsaffäre um Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erwachte im Frühjahr 2011 erneut das Interesse am Verdachtsfall Johannes Hahn. Der Grünen-Nationalratsabgeordnete Peter Pilz beauftragte den Plagiatsprüfer Weber erneut mit einer Überprüfung von Hahns Arbeit. Weber stellt in seiner Analyse "76 Plagiatsfragmente auf 64 Seiten der Dissertation" fest.

Erst in der Folge der neuen Untersuchung durch Weber bat dann die Uni Wien die Österreichische Agentur für wissenschaftliche Integrität, die Hahn-Dissertation noch einmal zu prüfen. Mit dem Kommissionsbericht sieht die Universität den Fall als beendet an. Auch EU-Kommissar Hahn erklärte am Freitag, mit dem erneuten Gutachten werde das Kapitel nun endgültig geschlossen.

son/cht/AFP

insgesamt 7 Beiträge
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RaMaDa 04.11.2011
1. Freunde
Hahn hat die richtigen "Freunde", das ist die einzig glaubwürdige Antwort, warum das Gutachten so ausgefallen ist wie es ist.
Newspeak, 04.11.2011
2.
"Allerdings sei heute "nicht mehr zu verifizieren, ob die Arbeit zum Zeitpunkt der Approbation den damals an der Universität Wien geltenden Standards entsprochen hat"." Was für eine schöne Lüge. Waren die Standards damals nicht öffentlich bekannt? Gab es keine Prüfungsordnung? Gibt es keine Arbeiten mehr, aus derselben Zeit, von derselben Uni, die man zum Vergleich heranziehen kann? Professoren, die solche Gutachten schreiben, sind ein schlechtes Beispiel für ihren Berufsstand. Man wollte zu keinem anderen Urteil kommen, so sieht es aus.
flower power 05.11.2011
3. Wer
noch an die Gerechtigkeit glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen. Am besten den EU-Schmarotzern einen Freibrief geben. Immunität und Geldzufuhr in frei wählbarer Qualität und Höhe bis zum Lebensende. Freies Königreich Europa. The people are so amused.
czarpeter 05.11.2011
4. Witzig
Also vor 25 Jahren hatte ich gerade mein Studium aufgenommen, damals haben in DE die gleichen Regeln gegolten, wie sie auch heute noch gelten. Man muss allerdings zugeben, damals fiel man wahrscheinlich eher nicht auf. Aber es ist doch wohl ein Witz zu argumentieren, man koenne die damaligen Regeln nicht mehr rekonstruieren. Ich nehme mal an den auslaendischen Wissenschaftlern hat man einen angenehmen Aufenthalt bereitet, ggf. noch ein paar Forschungsaufenthalte in Wien und schon war die Sache geritzt. Dazu hat der Kommmisar vielleicht noch ein paar EU Projekte zugesagt, wer will da schon nein sagen. Desweiteren nehme ich an, dass dies kein Einzelfall war, wahrscheinlich hat die Uni Wien noch mehr so Granden promoviert, aber so laeuft das eben in Oesterreich.
Koltschak 05.11.2011
5. Abgesehen von dem ganzen Abgeschreibsel
"Die Perspektiven der Philosophie heute dargestellt am Phänomen Stadt" Häääääää? Das ist nicht einmal eine Hauptseminararbeit, vielleicht eine Seminararbeit, 2. Semester! Hoffentlich hat Herr Althusmann die gleichen Gutachter, Entschuldigung: Dr. Bernd Althusmann die gleichen Gutachter. Ich finde es persönlich gut, dass die Gutachter nur A B C oder 1 2 3 4 5 genannt werden. Sonst würden sie doch gar nur zu unpässlich befragt.
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