Plagiatsverdacht gegen EU-Kommissar "Buckeln vor dem Minister"

Aufgeschreckt von der Guttenberg-Affäre schauen österreichische Wissenschaftler ihrem EU-Kommissar Johannes Hahn noch einmal genau in seine Doktorarbeit. Doch Uni und Wissenschaftsministerium blocken eine lückenlose Aufklärung ab.

Von Juliane Frisse

AP

Stefan Webers Auftragsbuch ist proppevoll. Der als Plagiatsjäger bekannt gewordene Salzburger Medienwissenschaftler sagt, er habe in den letzten Wochen allein zehn mal den Auftrag bekommen, Abschlussarbeiten von Politikern zu prüfen. Darunter: Die Doktorarbeit des österreichischen EU-Kommissars für Regionalpolitik und früheren Wissenschaftsministers Johannes Hahn von der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP).

Die Guttenberg-Affäre hat Österreich aufgeschreckt. Tummelt sich unter den eigenen Politikern etwa auch ein falscher Doktor? Schon 2007 war Hahns Dissertation unter Plagiatsverdacht geraten, jetzt ist die Debatte neu entbrannt. Auftraggeber im Fall Hahn ist der österreichische Nationalrats-Abgeordnete Peter Pilz (Grüne). "Weber wird Zeile für Zeile durchgehen und eine umfassende Text- und Quellenanalyse durchführen", sagt Pilz. Das dauere aber bis mindestens Mitte April.

An der Suche nach Ideenklau in Hahns Arbeit kann sich jeder beteiligen: Nach langem Drängen veröffentlichte die Uni Wien, an der Hahn 1987 promoviert wurde, die Dissertation "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" am vergangenen Wochenende. Bislang war die Arbeit auf legalem Weg kaum mehr zu bekommen: In österreichischen Bibliotheken war sie häufig als Verlust gemeldet oder für die Benutzung gesperrt.

"Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text"

Außerdem stellte die Uni ein seit Jahren unter Verschluss gehaltenes Gutachten ins Internet. Auf der Grundlage dieser nicht einmal fünfseitigen Expertise hatte die Universität damals entschieden, auf ein Plagiatsprüfungsverfahren zu verzichten.

Schon vor vier Jahren war es Plagiatjäger Weber, der Hahns Dissertation erstmals kritisierte. Er hatte privat für ein Buch über Plagiate recherchiert und sich mehrere Arbeiten von Wissenschaftlern und Politikern vorgeknöpft. Hahn warf Weber "seitenweise unzitiertes Abschreiben" vor, sowie "absolut schlampig gearbeitet" zu haben.

Die Uni Wien beauftragte daraufhin die Uni Zürich, ein Gutachten über die Doktorarbeit anzufertigen. Das Gutachten sperrten die Wiener allerdings weg und teilten mit: Der Schweizer Prüfer Peter Schulthess sei zu dem Ergebnis gekommen, Hahn habe fremdes geistiges Eigentum nicht als sein eigenes ausgegeben. Hahn behielt daraufhin Amt und Titel, stieg 2010 zum EU-Kommissar auf. Der unschöne Verdacht geriet in Vergessenheit.

Wer allerdings in das jetzt öffentliche Gutachten schaut, entdeckt durchaus kritischere Anmerkungen. Der Zürcher Philosophieprofessor Schulthess schrieb, dass aus der "Unabgegrenztheit von eigenem und fremden Text der Eindruck eines Plagiates entstehen kann". Die nicht gekennzeichneten Zitate würde einen "klaren formalen Mangel" darstellen.

Ein Plagiat will Schulthess die Arbeit allerdings nicht nennen, denn Hahn würde an allen überprüften Stellen eine Quellenangabe geben, auch wenn nicht jedes Zitat mit Anführungszeichen belegt sei. Er könne Hahn daher "keine Täuschungsabsicht" unterstellen, höchstens, dass die fehlende Kennzeichnung von Zitaten "dem Kaschieren des Umfanges der Eigenleistung dienen" könnte.

Uni Wien: "Arbeit im Kontext ihrer Zeit sehen"

Zweitgutachter Weber nennt Schulthess' Expertise eine "sehr wohlwollende Interpretation". Die Uni Wien habe unbedingt ein Entlastungsgutachten auftreiben wollen, sagt Weber. "Dass es kein Verfahren gab, war ein Buckeln vor dem Minister", urteilt der Grünen-Parlamentarier Pilz.

Die Affäre Hahn sei typisch für Österreich, finden beide. "Die österreichische Gesellschaft ist verfilzter als die deutsche", meint Pilz. "Es gibt eine österreichische Neigung zur Verharmlosung von wissenschaftlichem Fehlverhalten", sagt Plagiatsfahnder Weber.

Hahn selbst sagt nichts. Sein Pressesprecher bei der Kommission lässt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklären, die Plagiatsvorwürfe seien unberechtigt, das belege das Schulthess-Gutachten. Alle weiteren Fragen, etwa, ob der EU-Kommissar seine Arbeit selbst für wissenschaftlich korrekt halte, seien "rein spekulativ".

An seiner Alma Mater wird der EU-Kommissar in Schutz genommen. Brigitte Kopp ist als Studienpräses der Uni Wien für die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis zuständig. Analog zu Hahns Brüsseler Büro heißt es bei Kopp: "Für uns gilt das Gutachten der Uni Zürich." Außerdem sei die Arbeit 1987 entstanden, sie müsse daher "im Kontext ihrer Zeit gesehen werden".

Für Kopp war es offenbar auch eine andere Zeit der Zitierkultur. "Es ist ein Unterschied, ob es, wie bei Johannes Hahn, Textgleichheiten gibt oder ob ich vorspiele, dass es mein eigenes geistiges Eigentum ist", sagte Kopp SPIEGEL ONLINE. Eine zweite Prüfung hält sie für unnötig, solange niemand neue Kritik gegenüber der Uni Wien vorbringe.

Mit Wissenschaft nur "als abschreckendes Beispiel zu tun"

Doch an der Uni Wien gibt es auch kritischere Stimmen. Herbert Hrachovec, Professor am Institut für Philosophie, an dem Hahn seine Doktorarbeit schrieb, sagt, er habe sich die ersten 100 Seiten der Arbeit genauer angesehen.

Über lange Passagen beschäftigt sich Hahn etwa mit einem Werk des österreichischen Denkers Leopold Kohr. "Hahn hat geschrieben, er spreche von Kohr - tatsächlich aber hat Kohr gesprochen", sagte der Wiener Professor SPIEGEL ONLINE. Mehrere Seiten seien eine "reine Collage aus dem Kohr-Buch". Ob die Arbeit nun ein Plagiat sei, hänge von der Definition ab. Im engen Sinne, in punkto unzitiertem Abschreiben, gebe es an zwei Stellen der Arbeit Plagiate. Einen Täuschungsvorsatz könne er aber nicht erkennen, sagt Hrachovec.

Insgesamt fällt der Wissenschaftler ein vernichtendes Urteil: Die Arbeit sei "minderer Qualität" und missachte "elementare Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens vielfach". Mit Wissenschaft habe das Werk Hahns nur "als abschreckendes Beispiel zu tun".

Hrachovec veröffentlichte seine eigene Untersuchung 2008 im Internet . Sie habe an seiner Uni aber niemanden weiter interessiert. Auf das Gutachten der Uni Zürich gibt Hrachovec nichts, weil die Uni Wien nur wenige Seiten der Dissertation habe überprüfen lassen.

Das bestätigt das Zürcher Gutachten. "Die Überprüfung sämtlicher Zitate bzw. möglichen Plagiate" sei nicht seine Aufgabe gewesen, schrieb Gutachter Schulthess.

Alles wurscht, wenn es nur lang genug her ist

Hrachovec, Weber und der Linzer Wissenschaftsforscher Gerhard Fröhlich haben unterdessen die "Initiative Transparente Wissenschaft" ins Leben gerufen. Nach dem Vorbild des GuttenPlag Wikis haben sie ein Wiki eingerichtet, in dem verdächtige Stellen in Hahns Arbeit zusammengetragen werden sollen.

In einem offenen Brief an die österreichische Wissenschaftsministerin Beatrix Karl, Hahns Nachfolgerin, mahnen die Forscher an, in Österreich dürften nicht weiterhin "Fälle von Plagiarismus oder Fälschung in der Wissenschaft verharmlost oder gar komplett in Abrede gestellt werden". Von Ministerin Karl fordern die Autoren "eine lückenlose und insbesondere transparente Aufklärung" der Arbeit von EU-Kommissar Hahn. Ehrlich arbeitende österreichischen Studenten müssten ebenso geschützt werden wie der Wissenschaftsstandort Österreich.

Karl wehrt die Vorwürfe ab und geht nicht auf den Offenen Brief ein. Zur Dissertation Hahns schreibt die Ministerin an SPIEGEL ONLINE: "Arbeiten, die so lange zurück liegen", müssten "auch an den damaligen wissenschaftlichen Anforderungen und Massstäben gemessen werden". Es dürfe keine Vorverurteilung Hahns geben. "Ich kenne die Arbeit von Hahn nicht und maße mir kein Urteil an." Generell gelte, das Plagiate "kein Kavaliersdelikt" seien. Sie stelle sich "vor all jene, die gewissenschaft ihre Arbeiten verfassen".

Zurückschauen? In den vielen vorhandenen Dokumenten noch einmal nachsehen? Vielleicht eine der kritisierten Stellen nachlesen? Die Uni Wien und die oberste wissenschaftliche Aufsicht, das Ministerium von Beatrix Karl, scheinen fest entschlossen, Hahns Arbeit ruhen zu lassen. In der vergangenen Woche richtete die Ministerin eine Anti-Plagiats-Arbeitsgruppe ein. Von der heißt es, dank ihr könnten Abschreibern bald schärfere Sanktionen drohen. Wer bislang schon abgeschrieben hat, kann sich bei solchen Kontrolleuren in Österreich wohl entspannt zurücklehnen.

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Seite 1
Newspeak, 25.03.2011
1. ...
"An der Suche nach Ideenklau in Hahns Arbeit kann sich jeder beteiligen: Nach langem Drängen veröffentlichte die Uni Wien, an der Hahn 1987 promoviert wurde, die Dissertation "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" am vergangenen Wochenende. Bislang war die Arbeit auf legalem Weg kaum mehr zu bekommen: In österreichischen Bibliotheken war sie häufig als Verlust gemeldet oder für die Benutzung gesperrt." Allein das ist schon ein Skandal. Zu einer Doktorarbeit gehört zwingend die Veröffentlichung. Ohne diese Bedingung bekommt man in Deutschland keine Urkunde ausgehändigt. Und natürlich hat die den Titel verleihende Universität anschließend den Zugang für jedermann zu garantieren. "An seiner Alma Mater wird der EU-Kommissar in Schutz genommen. Brigitte Kopp ist als Studienpräses der Uni Wien für die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis zuständig. Analog zu Hahns Brüsseler Büro heißt es bei Kopp: "Für uns gilt das Gutachten der Uni Zürich." Außerdem sei die Arbeit 1987 entstanden, sie müsse daher "im Kontext ihrer Zeit gesehen werden"." So jemand sollte sofort aus dem Amt entfernt werden. Es gibt bei Plagiaten keinen "Kontext ihrer Zeit". Auch 1987 gab es schon eindeutige Maßstäbe was wissenschaftlich ist und was nicht. Wenn Frau Kopp den Unterschied nicht kennt, dann ist sie völlig inkompetent, was die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis betrifft.
FTAASO 25.03.2011
2. -
Herrje, es ist nunmal Österreich. Innsbruck hatte zwischenzeitlich ja schon passende Bahnhofsansagen: "Willkommen in Innsbruck Hauptbahnhof, für Promovierende: Eingefahrerer IC aus München fährt in zwei Stunden wieder zurück". Inzwischen hat sich das wohl leicht gebessert, nun stellt sich raus, dass auch Wien ähnlich tickt. Keine Überraschung, oder?
Gottes-Gehörgang 26.03.2011
3. Gehäuft minderwertiger Gedankenschrott
Das zeigt nur die hohe Verseuchungsgefahr solcher Bla-Bla-Fächer mit minderwertigem Titelerwerbsschrott. Leider kann man die auch sonst vorhandene Minderwertigkeit der erworbenen Titel in solchen Bla-Bla-Fächer nur am gehäuften Auftreten solch abschreckender Einzelfälle festmachen. Aber gewusst hat man es eigentlich schon immer, dass Titel in solchen Fächern eigentlich mehr eine Fleissarbeit bedeuten, als wirklich Neues zu erfinden.
davyjones 26.03.2011
4. Mißverständins
Zitat von Newspeak"An der Suche nach Ideenklau in Hahns Arbeit kann sich jeder beteiligen: Nach langem Drängen veröffentlichte die Uni Wien, an der Hahn 1987 promoviert wurde, die Dissertation "Die Perspektiven der Philosophie heute - dargestellt am Phänomen Stadt" am vergangenen Wochenende. Bislang war die Arbeit auf legalem Weg kaum mehr zu bekommen: In österreichischen Bibliotheken war sie häufig als Verlust gemeldet oder für die Benutzung gesperrt." Allein das ist schon ein Skandal. Zu einer Doktorarbeit gehört zwingend die Veröffentlichung. Ohne diese Bedingung bekommt man in Deutschland keine Urkunde ausgehändigt. Und natürlich hat die den Titel verleihende Universität anschließend den Zugang für jedermann zu garantieren. "An seiner Alma Mater wird der EU-Kommissar in Schutz genommen. Brigitte Kopp ist als Studienpräses der Uni Wien für die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis zuständig. Analog zu Hahns Brüsseler Büro heißt es bei Kopp: "Für uns gilt das Gutachten der Uni Zürich." Außerdem sei die Arbeit 1987 entstanden, sie müsse daher "im Kontext ihrer Zeit gesehen werden"." So jemand sollte sofort aus dem Amt entfernt werden. Es gibt bei Plagiaten keinen "Kontext ihrer Zeit". Auch 1987 gab es schon eindeutige Maßstäbe was wissenschaftlich ist und was nicht. Wenn Frau Kopp den Unterschied nicht kennt, dann ist sie völlig inkompetent, was die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis betrifft.
Ich vermute, Sie haben diese Frau Kopp falsch verstanden. Was sie eigentlich sagen will, ist: 1987 war es wesentlich schwieriger, Plagiate nachzuweisen. Demzufolge konnte man mit wissenschaftlichen Standards etwas entspannter umgehen. (if so inclined)
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