Plagiatsverdacht gegen FDP-Politiker Magna cum "Super Illu"

Nach Koch-Mehrin und Chatzimarkakis nehmen die Plagiatsjäger einen neuen FDP-Politiker ins Visier, allerdings eine eher kleine Nummer: einen Kleinstadt-Bürgermeister aus Brandenburg. Der Mann hat für seine ingenieurwissenschaftliche Doktorarbeit aus der "Super Illu" zitiert.

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Screenshot "Super Illu"-Website: Bislang nicht als Statistik-Magazin aufgefallen

Screenshot "Super Illu"-Website: Bislang nicht als Statistik-Magazin aufgefallen


Es fällt schwer, von höchstem wissenschaftlichen Anspruch auszugehen, wenn jemand die "Super Illu" heranzieht für statistische Angaben, um eine Doktorarbeit über das "Management des Stadtumbaus unter Berücksichtigung der städtebaurechtlichen Rahmenbedingungen" zu schreiben. Die Illustrierte mit einer Druckauflage von gut 600.000 Stück erfreut ihre meist ostdeutschen Leser eher mit Tipps zur Rückenschonung und dem Preis "Die Goldene Henne".

Der FDP-Lokalpolitiker Jürgen Goldschmidt, Bürgermeister der brandenburgischen Kleinstadt Forst in der Niederlausitz, zitierte trotzdem aus der Ost-Illustrierten: Eine Tabelle zur Abwanderung aus ostdeutschen Städten übernahm er in Teilen, machte allerdings einen Fehler beim Übertragen der Zahlenwerte. Dabei hätte es die Daten auch direkt beim Statistischen Bundesamt gegeben.

Gut, die "Super Illu" taucht nur an einer Stelle als Quelle auf. Hinzu kommen drei Verweise auf Wikipedia. Bei über 450 Seiten und über 700 Fußnoten wären die vier merkwürdigen Quellen-Angaben nicht weiter von Belang. Aber es sind vier von zahlreichen weiteren Merkwürdigkeiten in der Doktorarbeit, die jetzt ins Visier der Plagiatsjäger von VroniPlag geraten ist.

Auf 47 Seiten der Dissertation haben die VroniPlag-Leute eigenen Angaben zufolge bislang Plagiate entdeckt, auf etwa einem Zehntel der Seiten. Das ist der Grenzwert der Plagiatsjäger: Bei zehn Prozent der Seiten veröffentlichen sie ihre Ergebnisse - und den Namen des Autors.

Goldschmidt ist kein bundesweit bekannter Politiker wie Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und die FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis, deren Doktorarbeiten im Netz untersucht wurden. Er ist auch kein Bildungspolitiker wie Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann, gegen den es ebenfalls Vorwürfe gibt. Wieso also durchleuchten die VroniPlag-Leute jetzt ausgerechnet seine Arbeit? Es habe einen anonymen Hinweis gegeben, heißt es im Chat.

Gehäufte Merkwürdigkeiten im Text

Zudem stolpert man in der Arbeit von Goldschmidt schnell über Absätze, bei denen keine Quelle angegeben ist, deren mögliche Herkunft sich aber schnell ergoogeln lässt. In seiner Einleitung zum Beispiel finden sich fast wortgleiche Auszüge aus einem älteren stadtplanerischen Papier der Heinrich-Böll-Stiftung, nur einzelne Wörter und Formulierungen wurden verändert. So heißt es in dem Stiftungspapier: "Für die ostdeutschen Städte ist der wirtschaftliche und demografische Wandel längst spürbarer Alltag." In Goldschmidts Arbeit steht: "Für die Gemeinden in den neuen Ländern ist der wirtschaftliche und demografische Wandel längst spürbarer Alltag." So geht es mehrere Sätze lang, manchmal wortgleich, manchmal leicht abweichend. Als Quelle angeben ist das Stiftungspapier in der Doktorarbeit überhaupt nicht.

Merkwürdig kommt den Plagiatsjägern auch vor, dass auf Goldschmidt registrierte Internetseiten nicht mehr zu erreichen sind. Dort waren bis vor kurzem Texte zum Thema Stadtentwicklung abrufbar und mehrere Links, etwa ein Diskussionspapier aus dem Jahr 2007, geschrieben von Goldschmidt selbst. Große Teile dieses Papiers finden sich auch in Goldschmidts Doktorarbeit. Handelt es sich um Text-Recycling, ohne die Übernahme kenntlich zu machen? Auch Selbst-Plagiate sind in der Wissenschaft verpönt.

Die Informatikerin und Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff, die auch bei VroniPlag aktiv ist, sagt, Goldschmidt habe offenbar den Sinn einer Fußnote nicht verstanden. "Anscheinend ist das Wissen verloren gegangen, dass ein Zitat ein Anfang und ein Ende hat." Man könne nicht einfach irgendeine Quelle an irgendeiner Stelle angeben - sie müsse nachvollziehbar und überprüfbar sein.

"Nach bestem Wissen und Gewissen"

Goldschmidt selbst sagt, es könne sein, dass ihm hier und da etwas durchgerutscht sei, er weise aber jede Täuschungsabsicht weit von sich. "Ich habe die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt", sagt er. Er lege Wert auf die Feststellung, dass selbst bei einigen fehlerhaften Zitaten der wissenschaftliche Gehalt seiner Arbeit nicht leiden würde. Über die Motive des Tippgebers wolle er nicht öffentlich spekulieren. Aber zu seinen Fehlern müsse er stehen.

Goldschmidt hatte seine Arbeit im Jahr 2009 an der TU Berlin eingereicht. Er hatte sie in großen Teilen angefertigt, als er noch Baudezernent in seiner Stadt war und noch nicht Bürgermeister. Er habe in mehreren Kommissionen zum Thema Demografie und Stadtplanung gesessen und unheimlich viel Material gesammelt. Es habe mehrere Anregungen gegeben, auch von "namhaften Professoren", wie er sagt, daraus eine Doktorarbeit zu machen. Sie wurde ihm zufolge mit "sehr gut" bewertet.

Natürlich habe er eigene alte Aufsätze und Texte in die Doktorarbeit einfließen lassen, er könne darin nichts Falsches erkennen, zumal er die TU darüber vor Verfassen der Arbeit informiert habe. Den Vorwurf des Selbst-Plagiats könne er nicht nachvollziehen. Auch sagt er, er habe seine Websites nicht wegen der Vorwürfe auf VroniPlag abgeschaltet. "Ich habe die einfach nicht mehr gebraucht", sagt er. Mit einer Aberkennung seines Grades rechne er nicht.

An der Uni sollen jetzt der Dekan der zuständigen Fakultät und die "Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens" den Fall prüfen. Vor dem Ende der Prüfung werde es keine Stellungnahme geben. Auch Goldschmidts Doktorvater sagt auf Geheiß der Uni-Leitung nichts zu dem Fall.

Es zeigt sich am Fall Goldschmidt, dass es den Plagiatsjägern nicht oder zumindest in der Mehrheit nicht um die Prominenz eines vermeintlich unsauber arbeitenden Doktors geht. Der Fall könnte, sollten sich die Vorwürfe bestätigen, erneut die Frage aufwerfen, ob die Universitäten intensiv genug prüfen oder nachlässig handeln bei der Titelvergabe.

Ganz generell herausfinden, wie verbreitet Plagiate in Doktorarbeiten sind, will die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD). Die Plagiatsfälle von Politikern seien nur die "berühmte Spitze des Eisbergs", sagte sie dem SPIEGEL. Künftig solle deshalb das Bundesbildungsministerium oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Arbeit der anonymen Plagiatsjäger übernehmen und Dissertationen auf Verstöße überprüfen forderte sie.



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Hannowald 01.08.2011
1. Das.......
Das hat doch was: Ein Ost-Politiker klaut bei Super-ILU für seine Doktorarbeit! Kann man sich nicht ausdenken
phboerker 01.08.2011
2. Wer sagt das?
"Auch Selbst-Plagiate sind in der Wissenschaft verpönt." Wer sagt das? Ganz im Gegenteil gilt doch eine Doktorarbeit nichts, wenn der Doktorand nicht wenigstens ein paar Artikel aus der Arbeit gezimmert hat, die in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht oder auf Konferenzen vorgetragen wurden. Dabei können gern auch mehrere Artikel zum selben Thema in leicht unterschiedlichen Fassungen sein...
tim11 01.08.2011
3. ...
So ein Blödsinn. Die Qualität einer ingenieurswissenschaftlichen Arbeit hat doch nichts damit zu tun, wo die Rohdaten her sind.
reznikoff2 01.08.2011
4. Tja,
Zitat von sysopNach Koch-Mehrin und Chatzimarkakis nehmen die Plagiatsjäger einen neuen FDP-Politiker ins Visier, allerdings eine eher kleine Nummer: einen Kleinstadt-Bürgermeister aus Brandenburg. Der Mann hat für seine ingenieurwissenschaftliche Doktorarbeit aus der "Super Illu" zitiert. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,776967,00.html
man fragt sich, was diese Plagiatsjäger so machen, wenn sie keine Plagiate jagen? Gibt es noch etwas anderes in deren Leben oder war es das?
zukunft_durch_bildung 01.08.2011
5. Dr. Ing.?
Tut mir leid, aber ich kann es mir nicht verkneifen: Was wurde doch auch die geistes- und/oder rechtswissenschaftlichen Diss. geschimpft, auf die "Laberfächer". Und jetzt haben wir wohl einen mit m.c.l. bewerteten Dr. Ing., der unter Plagiatsverdacht steht? Wie geht denn das? In dieser allen anderen Disziplinen so objektiv überlegenen Ingenieurswissenschaft? Bin mal gespannt auf die "Erklärungen" unserer so überhaupt nicht überheblichen Ingenieure...
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