Playmobil-Krankenhaus Schlossgespenster in der Pathologie

Gernot Rücker hat in acht Wochen sein eigenes Krankenhaus gebaut. Dort dirigiert er Ärzte und Patienten nach Belieben durchs Haus - und keiner beschwert sich. Denn alle Bewohner sind Playmobilfiguren. Das Modell beeindruckt nicht nur Kinder, sondern auch ein Fachpublikum. 

Jens-Uwe Berndt

Von Jens-Uwe Berndt


Notruf in der Rettungsstelle: Schwerer Verkehrsunfall! Lebenserhaltende Maßnahmen sind erforderlich, eilige Handgriffen im Schockraum, dann Not-Operation. Danach geht es unverzüglich auf die Intensivstation. Gernot Rücker, 46, führt Regie. In seinem Playmobil-Krankenhaus, das größte Deutschlands, läuft alles nach Plan.

Acht Wochen hat es von der Idee bis zur Fertigstellung der sechsstöckigen Klinik gedauert, die 30 verschiedene medizinische Themenbereiche zeigt. "Das hat es bisher noch nicht gegeben", sagt Rücker. Es beeindrucken aber nicht allein die Ausmaße. Vielmehr ist es Gernot Rücker gelungen, den Arbeitsablauf in einem Klinikum bemerkenswert lebendig darzustellen.

"Anfangs wollte ich etwas kreieren, womit man den kleinen Patienten spielerisch zeigen kann, was in den Zimmern der Ärzte alles passiert", sagt Rücker, der als Oberarzt im Bereich Notfallmedizin der Klinik und Poliklinik sowie als Leiter des Rostocker Simulationsanlage- und Notfallausbildungszentrums vor allem Bildungsaufgaben erfüllt. "Mittlerweile erweitern sich allerdings die Zielgruppen."

So werden zum Beispiel Grundschulklassen bei Krankenhausbesuchen zuerst am Modell auf das vorbereitet, was sie noch erwartet. Aber auch Jobbörsen am Uni-Klinikum soll es ohne das Playmobil-Hochhaus nicht mehr geben. "Wir können damit alle Berufe zeigen, die es bei uns gibt", sagt Rücker. Das Modell bereicherte sogar schon wissenschaftliche Vorträge. "Wenn man es auch nicht jedes Mal mitnimmt, kann man doch sehr gut mit Fotos arbeiten, die einzelne Abteilungen wiedergeben", sagt er. "Ich habe vor HNO-Ärzten gesprochen und Bilder aus dem Modell zur Illustration verwendet. Das kam gut an." Es sei ein "wunderbares Abstraktionsmedium", mit dem Abläufe gezeigt werden könnten, ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob Patientenrechte verletzt würden.

Beim Basteln half seine Frau mit

Die kleine medizinische Plastikwelt, die ihren festen Platz im Simulationszentrum bekommen hat, erzählt viele Geschichten. Es beginnt mit einer Szene, in der am Unfallort Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden, es gibt einen Kreißsaal mit Babys in Inkubatoren und eine Pathologie mit blasser Leiche. "Das ist bei Playmobil eigentlich ein Schlossgeist, wegen seiner Blässe aber bestens als Toter geeignet", erklärt der Arzt. Die Detailverliebtheit geht noch weiter: Es gibt ein Labor, einen geschlossenen Bereich für die Psychiatrie, Aufenthaltsräume, einen Kiosk, ein Schwesternzimmer, das ärztliche Direktorbüro, eine Telefonzentrale, die Röntgenabteilung mit CT und ein Zimmer für Privatpatienten mit Einzelbett und Fernseher.

Gernot Rückers Idee entwickelte sich dabei immer weiter. "Nach dem Gedanken zur Bespaßung von Kindern merkte ich, dass die Zimmerzahl nicht langt, um all die Vorgänge zu zeigen", sagt er. "Also habe ich mir einen Plan gemacht." Danach belagerte er 14 Tage lang rund 100 Auktionen auf dem Internetportal Ebay. 62 davon gingen an den Oberarzt. Es dauerte noch einmal sechs Wochen bis er das Krankenhaus zusammen mit seiner Frau gebastelt hatte. "Mein Spieltrieb ist sehr gut ausgeprägt", sagt Rücker. "Ich bastele wirklich gern."

Der Mediziner hat inzwischen eigentlich viel zu viele Figuren und Kleinteile zusammen. Doch statt ein zweites Krankenhaus zu bauen, können die kleinen Klinikpatienten mit den überschüssigen Playmobil-Männchen Szenen nachspielen.

Das wahrscheinlich größte Playmobil-Krankenhaus der Welt

In der Uni-Klinik blickt man auf dieses besondere Faible des Oberarztes offensichtlich mit Wohlwollen. "Von meinen Vorgesetzten erfahre ich absolute Unterstützung", sagt Rücker. "Ist aber auch logisch, denn das Modell ist ein echter Marketingfaktor. Darüber hinaus nimmt das den Kindern die Furcht vor dem Krankenhaus, was die Behandlung erleichtert."

Aber auch unter Studenten sorgte das Playmobil-Krankenhaus für Furore. Manche kommen aus reiner Neugier in Gernot Rückers Bereich, um die kleine Klinik zu bestaunen. "Als ich das Krankenhaus zum ersten Mal gesehen habe, hat es mich umgehauen", sagt Medizinstudentin Jennifer Trajerd, 26. Karoline Schulz, 23, findet es witzig, dass auch Studenten in dem Playmobil-Alltag auftauchen. Eine Gruppe ist bei einer Visite, eine andere während eines Übungskurses zu sehen. Bei den Studenten ist ein etwas flippiger Arzt mit Pferdeschwanz längst ein kleiner Star. Der Playmobil-Mann trägt immer noch sein Einlassbändchen vom "Fusion"-Festival, wo er als Notfall-Chef jedes Jahr alle Hände voll zu tun hat.

Die Studentin Susanne Edler, 27, beeindrucken die zahlreichen Feinheiten. "Es ist viel Liebe und Zeit in das Modell geflossen, das sieht man", sagt sie. "Selbst als langjähriger Student hat man noch Aha-Effekte, wenn man das Modell betrachtet."

Rücker stellte sein Playmobil-Modell inzwischen dem Spielzeughersteller vor. Der habe in einschlägigen Foren nach vergleichbaren Skulpturen gesucht, sei aber nicht fündig geworden. "Selbst ein großes Krankenhaus aus England und eines aus den USA erreichte nicht die Dimensionen meines Modells", erzählt der Facharzt stolz. "Vielleicht ist es damit sogar das größte der Welt."

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kuhf00 16.02.2011
1. Harald Schmidt
...das Playmobilfiguren zum Darstellen komplexer Sachverhalte taugen hat schon H. Schmidt gezeigt: Orpheus in der Unterwelt: http://www.youtube.com/watch?v=B5RpE0L-xtk Beckenbauer: http://www.youtube.com/watch?v=lv-P0QDqumI
tomtomtomtomtom 16.02.2011
2. Playmobil Abmahnverein
Unser Pastor hatte mal ein Internetprojekt, in dem er mit Playmobilfiguren Bibelszenen nachgestellt,fotografiert und auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Playmobil ging mit einem ganzen Anwaltsteam auf ihn los und schüchterte ihn mit abstrusen Drohungen so weit ein, daß er das Projekt aufgab und aus dem Web löschte. Das muß man sich mal vorstellen! Da geht ein Hersteller gegen Dich vor, weil Du Spielzeug fotografierst und auf eine nicht-kommerzielle Homepage stellst. Geht's noch paranoider? Ich find Lego sowieso besser...
TheLynch 16.02.2011
3. Playmotitel
Zitat von tomtomtomtomtomUnser Pastor hatte mal ein Internetprojekt, in dem er mit Playmobilfiguren Bibelszenen nachgestellt,fotografiert und auf seiner Homepage veröffentlicht hat. Playmobil ging mit einem ganzen Anwaltsteam auf ihn los und schüchterte ihn mit abstrusen Drohungen so weit ein, daß er das Projekt aufgab und aus dem Web löschte. Das muß man sich mal vorstellen! Da geht ein Hersteller gegen Dich vor, weil Du Spielzeug fotografierst und auf eine nicht-kommerzielle Homepage stellst. Geht's noch paranoider? Ich find Lego sowieso besser...
Da würde ich als Hersteller aber auch einschreiten. Gerade wenn damit solch abstruse Inhalte transportiert werden. Aber ansonsten gebe ich Ihnen Recht, Lego ist eindeutig besser.
Moewi 16.02.2011
4.
Zitat von TheLynchDa würde ich als Hersteller aber auch einschreiten. Gerade wenn damit solch abstruse Inhalte transportiert werden. Aber ansonsten gebe ich Ihnen Recht, Lego ist eindeutig besser.
Nuja, aber der Hersteller hat selbst genug abstrusen Inhalt (http://www.amazon.de/PLAYMOBIL%C2%AE-3255-Arche-Noah/dp/B0002HYC8C) im Sortiment... ;o)
johannesdoe 16.02.2011
5. ...
Zitat von MoewiNuja, aber der Hersteller hat selbst genug abstrusen Inhalt (http://www.amazon.de/PLAYMOBIL%C2%AE-3255-Arche-Noah/dp/B0002HYC8C) im Sortiment... ;o)
Ja..unter anderem auch Wilderer mit Lebendfalle..das ist ekliger als das Kirchengedöns. http://www.playmobil.de/on/demandware.store/Sites-DE-Site/de_DE/Product-Show?pid=4833
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