Polemik eines Ex-Exilakademikers Heulende Hunnen

Deutschland ist Weltmeister im Mosern und Muffeln - und am besten beherrschen Studenten diese Disziplin. Über 500 Euro Studiengebühren, die deutschen Studenten drohen, können ihre britischen Kommilitonen nur lächeln: Sie häufen für ihre Ausbildung Schuldenberge an - und sind dennoch besser drauf.

Von Adrian Schimpf


Studenten-Demonstration in München: Spätere Gutverdiener jammern
DDP

Studenten-Demonstration in München: Spätere Gutverdiener jammern

James ist ein sehr zuvorkommender und gebildeter englischer Student. Er studiert zwar in Wadham, jenem Oxford-College, das auch unter dem revolutionären Spitznamen "Volksrepublik Wadham" bekannt ist, aber als Revoluzzer ist James nicht glaubwürdiger als die Queen. Auch seine tadellosen Manieren stehen denen der englischen Königin in nichts nach und so macht der fließend Deutsch sprechende James, derzeit für ein Auslandssemester in Hamburg, seinem Gastland fleißig Komplimente.

Deutschland sei toll, sagt er und grinst höflich. Alle Menschen hier seien sehr, sehr nett und die Hansestadt London ja ausgesprochen ähnlich. Kurzum: Pudelwohl fühle er sich und fast so wie zu Hause.

Nun sind Deutsch parlierende Engländer ja eine rare Spezies: Und wer auf der Insel auf die spleenige Idee kommt, ausgerechnet die Sprache der Hunnen zu studieren, hat wahrscheinlich großen Spaß daran, grundsätzlich eine andere Meinung zu haben als alle anderen. Denn eigentlich ist Deutschland das genaue Gegenteil von toll, jedenfalls muss man diesen Eindruck haben, wenn man nicht den Gaststudenten, sondern den Einheimischen länger als zwei Minuten zuhört.

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Studiengebühren: Die Proteste der Studenten
Wohin man auch schaut zwischen Rhein und Oder, es wird gejammert, gebarmt, genörgelt - und das mit einer inbrünstigen Selbstgerechtigkeit, als gäbe es einen verbrieften Anspruch der Deutschen auf immer währenden Wohlstand und materiellen Überfluss. Wenn der Brite James sich aufmacht zum Hauptgebäude der Hamburger Universität, dann steht dort am Straßenrand ein schmuddelig beschmiertes Pappplakat, das die vorbei fahrenden Autofahrer auffordert, sie sollten gefälligst "Hupen für die Bildung!" als Zeichen des Protests gegen die Einführung von Studiengebühren.

Leben im Wolkenkuckucksheim

James ist viel zu gut erzogen, als dass er seinen teutonischen Kommilitonen den Kopf waschen und ihnen erzählen würde, in welchem Wolkenkuckucksheim sie leben. Denn natürlich verlangt auch das sozialistische Wadham-College wie jede andere englische Universität schon seit langer Zeit Studiengebühren. Demnächst werden es bis zu 4500 Euro pro Studienjahr sein, die jeder Studiosus dann berappen muss, hinzu kommen Kosten für Unterkunft, Bücher und Lebenshaltung. Bafög gibt es nicht.

Statt sich nun also ein Loch in den Bauch darüber zu freuen, wie vergleichsweise preiswert eine deutsche akademische Ausbildung auch nach Einführung von Studiengebühren immer noch sein wird, wird von der später gut verdienenden Bildungselite lieber gemosert und gemuffelt über einen angeblich unhaltbaren Sozialabbau. Und alle jammern mit.

Deutschland hat unzweifelhaft die Weltmarktführerschaft im Beweinen von Veränderungen. Als ich kurz nach Weihnachten mal wieder meinen englischen Ex-Kollegen Richard, von Beruf Universitätsdozent für Arbeitsrecht, traf, fragte der mich, wie es dem "sick man of Europe" - sprich Deutschland - denn so gehe. Ich berichtete von den Reformen und davon, dass in Deutschland ein Arbeitsloser mitunter ein ganzes Jahr lang bis zu zwei Drittel seines letzten Nettoeinkommens vom Staat als Stütze bekommt.

Adrian Schimpf, Personalchef bei einer großen deutschen Tageszeitung, arbeitete drei Jahre lang als Jura-Dozent an der University of Surrey, Großbritannien

Adrian Schimpf, Personalchef bei einer großen deutschen Tageszeitung, arbeitete drei Jahre lang als Jura-Dozent an der University of Surrey, Großbritannien

Richard starrte mich ungläubig an und sagte dann: "Na, kein Wunder, dass die Regierung das geändert hat. Das ist ja unbezahlbar. Warum sollte da einer noch arbeiten? Wie ist denn die neue Regelung, über die sich jetzt alle bei Euch aufregen?" Als ich ihm sagte, dies sei doch schon die neue Regelung, wollte er es erst gar nicht glauben. "Aber warum gibt es bei so einer großzügigen Alimentierung solche Massenproteste bei Euch? Bei uns gibt es ab dem ersten Tag der Arbeitslosigkeit nicht einmal 100 Pfund pro Woche, und die auch nur dann, wenn man bedürftig ist." Ich wusste keine Antwort und eine gute Übersetzung von "Jammern auf hohem Niveau auf hohem Ross" fiel mir im Moment nicht ein.

Angehende Akademiker werden abgeschreckt

Aber nicht nur im Jammern spielen die Deutschen in der Champions League. Auch den rüden, unfreundlichen und abweisenden Umgangston in allen Lebenslagen macht den Alemannen so leicht keiner nach. In bundesdeutschen Massenstudiengängen wie Jura oder BWL bekommen die frischgebackenen Erstsemester schon in der Einführungsveranstaltung oft in aller Deutlichkeit gesagt, dass es das Beste wäre, sie würden schleunigst das Weite suchen. Was im Fach Rechtswissenschaften sogar stimmt.


Wie sehen britische Studenten die Deutschen? Siegerbeiträge des DAAD-Essay-Wettbewerbs "But don't mention the war"

Faith Dennis: "Auf der Suche nach Sauerkraut"
Sarah Waller: "Die komplizierte Liebe einer Britin und eines Deutschen"
Oliver Hopwood: "Kopfgeldjäger
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Allen Ernstes lässt man die Studenten rund fünf Jahre ihres Lebens in das Jurastudium investieren, um dann im Bundesdurchschnitt eine Durchfallquote von konstant über 30 Prozent auch noch als Qualitätssiegel zu feiern. "Wenn das Examen so schwer ist, dass ein Drittel durchfällt, dann zeigt das doch, wie anspruchsvoll Studium und Prüfung sind," lautet die zynische Logik.

Oxford rudert gegen Cambridge: Sind die Briten einfach härter im Nehmen?
REUTERS

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Als ich in meiner allerersten Vorlesung an der University of Surrey den dortigen Jurastudenten das deutsche Durchfallsystem erklärte, gingen die schockierten Studenten hinterher schnurstracks zum Dekan, um ihn zu bitten, mir doch sicherheitshalber noch einmal die englischen Prüfungsmethoden zu erklären. Die lauten nämlich: Die Universität darf sich jeden Studenten handverlesen selbst aussuchen, eine einklagbare Studienplatzgarantie gibt es nicht. Aber wenn sie einen Studenten annimmt, dann hat die Uni auch die Pflicht und Schuldigkeit, alles dafür zu tun, dass der Student eine ordentliche Ausbildung erhält und seine Examen in der Regelstudienzeit besteht. Wenn der Student durchfällt, fällt der Professor gleichsam mit durch - denn er hat als Lehrkraft versagt.

Mies und kostenlos

Dass Studenten für solch eine Leistung auch bezahlen müssen, versteht in England jeder. Aber anstatt die Einführung von Studiengebühren als Chance zu sehen, zukünftig auch in Deutschland eine solche Ausbildungsleistung der Universität einzufordern (und die Autofahrer dafür hupen zu lassen!), soll lieber alles so bleiben, wie es ist: mies, aber kostenlos und erzwingbar - statt gut, bezahlbar und unabhängig.

Wie starrleibig in der real existierenden Bundesrepublik jede Veränderung des Status quo verhindert wird, erinnert nicht wenige Briten an die Zustände auf der Insel in der Mitte der siebziger Jahre, als die allmächtigen Gewerkschaften das Land im Würgegriff hielten. Damals betrug das britische Bruttosozialprodukt pro Kopf knapp die Hälfte des Deutschen. Heute sind die englischen Gewerkschaften zahnlose Bettvorleger und die Wirtschaftskraft des Union Jack liegt deutlich vor derjenigen des Bundesadlers.

Briten machen meist zwei Gründe aus für den wirtschaftlichen Niedergang des einstigen Musterschülers Deutschland: den Euro und die Wiedervereinigung. Englische Jura-Studenten, die sich im Fach Rechtsvergleichung mit der deutschen Verfassung herumquälen müssen, kommen meist noch auf einen dritten Grund: Nur wer die Mehrheit im Bundesrat, im Bundestag, den Länderparlamenten und am besten noch im Bundesverfassungsgericht hat, kann wirklich etwas ändern - weshalb sich seit mehr als einem Jahrzehnt in der Berliner Republik auch kaum noch etwas bewegt.

Protestierende Studenten in Hamburg: Kaum etwas bewegt sich
DDP

Protestierende Studenten in Hamburg: Kaum etwas bewegt sich

"Weißt Du, Adrian," sagte einmal ein Jura-Student kopfschüttelnd zu mir, nachdem er sich für eine Hausarbeit lange mit dem deutschen Grundgesetz geplagt hatte, "manche sagen, in Großbritannien gebe es eine gewählte Diktatur auf Zeit, weil die Regierung so mächtig ist. Ich glaube, das ist besser so. Wenn die Regierung ihre Sache gut macht, wird sie wiedergewählt. Wenn nicht, darf die Opposition es versuchen - und hat auch die Macht dazu. In Deutschland ist es fast egal, wer gewählt wird."

James hingegen lassen solche Fragen eher kalt und auch die allgegenwärtige Jammerei kann ihm - ganz Brite - die Stimmung nicht verhageln. "Ach, ich spreche ja nicht so gut Deutsch, vielleicht verstehe ich es gar nicht, wenn die Leute schimpfen," sagte er völlig fehlerlos und absolut akzentfrei zu mir, als ich ihn fragte, ob er nicht die optimistische und humorvolle Lebensart seines Heimatlandes schmerzlich vermisse. Und grinste dabei sehr, sehr höflich.

Forum - Studentenjammer - Deutschland Weltmeister beim Unifrust?
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RoHeDa, 17.06.2005
1.
Zitat: Dass Studenten für solch eine Leistung auch bezahlen müssen, versteht in England jeder. Aber anstatt die Einführung von Studiengebühren als Chance zu sehen, zukünftig auch in Deutschland eine solche Ausbildungsleistung der Universität einzufordern (und die Autofahrer dafür hupen zu lassen!), soll lieber alles so bleiben, wie es ist: mies, aber kostenlos und erzwingbar - statt gut, bezahlbar und unabhängig. Zitatende. Quelle: http://www.spiegel.de/unispiegel/st...,360578,00.html Und wir regen uns über läppische 500 € pro Semester auf. Man soll ja nicht mit Pauschalurteilen um sich werfen, aber die Behauptung, wir Deutsche sind die Weltmeister im Jammern und im Haare in der Suppe finden, scheint sich durch das Wehklagen der heimischen Akademiker zu bestätigen. Die sollten bloß nicht nach Großbritannien hinüberschauen; wahrscheinlich würden die einen Herzinfarkt erleiden. Kritik an Studiengebühren kann ich nur insofern akzeptieren, als daß geklärt werden muß, wo die Einnahmen letztendlich hingehen. Studiengebühren müssen den Universitäten zugute kommen und nicht den Länderhaushalten.
dudasn, 17.06.2005
2. etikettenschwindel
was der artikel von adrian schimpf vermissen lässt ist, die studentische sicht: den meisten studenten geht es nicht um die studiengebühren als solche, sondern um die tatsache, dass 1) 50% der zu zahlenden gebühren bereits durch den verwaltungsaufwand gefressen werden. 2) die verbleibenden 50% nicht notwendigerweise in die ildung reinvestiert werden solen, sondern dem stopfen von haushaltslöchern zu gute kommt. 3) dadurch in naher zukunft die studiengebühren auf ein englisches niveau steigen müssen damit überhaupt ein be(i)trag für die bildung übrigbleibt. es geht also darum ein fehlerhatfes konzept zu bekämfen bevor es in kraft tritt damit nicht zukünftige studentengenerationen mit ähnlicher britischer letargie sagen können das war halt schon immer so. ein gängiger englischer witz über schlechte zustände in einem urlaubsort schliesst übrigens mit der pointe: unfortunately there weren`t any germans to complain about it.
brobdingnagger, 17.06.2005
3. gesunder Menschenverstand -> Kritik != Gejammere
Sicherlich gibt es in anderen Ländern Menschentypen, die optimistischer in die Zukunft blicken als wir Deutschen. Als jemand, der seinen Master in Gorßbritannien gemacht hat, konnte ich die angeblichen Wesensunterschiede jedoch nicht bemerken. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich dazu tendiere, mich mit kritischen Zeitgenossen zu umgeben - wahrscheinlich im Gegensatz zu Herrn Schimpf (um mal die Polemik-Schublade zu bedienen). Was Herr Schimpf übersieht, ist, dass wir in Sachen Sozialabbau den Briten ein paar Jahre hinterherhinken: Dort wurden Studiengebühren vor Jahren eingeführt. Hier gibt es viele, die noch voller Hoffnung kämpfen. Wie Schimpf nun darauf kommt Gejammere und politisches Engagement gleichzusetzen vermag ich nicht zu verstehen. Was er in seinem Artikel sagt ist doch: Akzeptiert doch endlich den Sozialabbau und die Zunahme sozialer Ungerechtigkeit - Augen zu, studieren, Schulden anhäufen! Schimpfs Ideologielieferantin schon aus Großbritannien. Diese hat als Eiserne Lady nämlich verkündet "TINA - There is no alternative." Dass es Alternativen gäbe, wenn unsere sich an Blairs New Labor orientierende Regierung nicht die Körperschaftssteuer faktisch abgeschafft hätte, große Konzerne und die best-verdienenden Steuern zahlen würden, wenn auf internationaler Ebene Globalisierung gestaltet würde, darüber sollte Schimpf (und die Spiegel Redaktion) mal nachdenken.
SchneiderG 17.06.2005
4.
Na das ist doch einmal ein guter Artikel von Adrian Schimpf zu dem Problem der Studiengebuehren. Nur leider lesen es wahrscheinlich wieder die Falschen, damit meine ich diejenigen die dem Artikel zustimmen. Den einzigsten Punkt den ich beim deutschen System gut finde, ist die Moeglichkeit fuer nicht vermoegende ueber ein BaFoeg (in Form eines Darlehens) ihr Studium zu finanzieren. Ich hab BaFoeg erhalten und hab es spaeter auch gerne zurueckbezahlt. Es hat sich in meinem Berufsleben schon lange bezahlt gemacht. Ein Darlehen fuer ein Studium (wer gibt schon einem Habenichts ein Darlehen und das auch noch fuer ein Studium?) haette ich von den Banken doch nicht bekommen. Gruss G. Schneider
Hank Calloway 17.06.2005
5. You get what you pay for
Nun, es ist ja bekannt, dass es bei uns in US Geld kostet, zu studieren. Wir wachsen damit auf und keiner stellt das System in Frage. Ich kann mich aus meiner Sicht nur wundern, dass viele Deutsche es als Naturrecht ansehen, umsonst zu studieren. Studium ist eine Investition. Typischerweise geht man mit einem Uni-Diplom in der Tasche in eine Karriere, in der man mehr Geld verdient als eine Nicht-Akademiker. Das ist doch irgendwie Sinn und Zweck des ganzen. Habe selbst in Deutschland und in US studiert und hab mich immer ueber meine deutschen Kommilitonen gewundert, die mir ganz offen sagten, dass ihr Studium eigentlich eher Selbstzweck ist. Frage: warum soll eine Gesellschaft es bezahlen, wenn Studenten ihr Studium als, tja, als Selbstzweck betrachten? Viele meiner Kommilitonen waren in ihrem 14 oder 16. Semester. Das muss alles bezahlt werden. Aber keiner machte sich - damals - Gedanken darueber. Mein Studium hier in US war ganz anders strukturiert. Wesentlich verschulter, man koennte auch sagen, "strukturierter". Keiner besucht Kurse, weil "es Spass macht". Ein Kurs in meiner Uni kostete so um die $ 1.500. Da ueberlegt man es sich zweimal. Andererseits behaupte ich, dass ich hier in US viel mehr Wissen absorbiert hab als in meiner deutschen alma mater. You get what you pay for. Und ich unterstuetze meine hiesige alma mater immer noch per Spenden. Das machen alle hier so.
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