Politiker-Speed-Dating Anti-Schwafel-Award für klare Positionen

Für gestanzte Reden reicht die Zeit nicht: Beim Politiker-Speed-Dating in Freiburg trafen 20 Kommunalpolitiker auf 40 meist junge Wähler. In drei Minuten sollten die Kandidaten die Bürger überzeugen, dass Politiker mehr können, als um den heißen Brei herumreden.

Von Daniel Kummetz


Albrecht Vorster lacht seinem Flirtpartner beim Speed-Dating ins Gesicht. Einige Rosenblätter liegen auf dem Tisch vor ihm verstreut, ein Teelicht sorgt für dämmriges Licht. Vorster neigt seinen Kopf leicht zur Seite, blickt auf seinen kleinen Notizzettel und sein Lächeln wird zu einem schelmischen Grinsen. Er fragt: "Freiburg ist ein spießiges, grünes Loch - was sagen Sie zu dieser Aussage?"

Das ist kein normales erstes Date - und die gleiche Frage müssen sich nacheinander einige anhören. Die Antworten variieren: "in manchen Ecken schon", "das sehe ich anders" oder "ich mag die Freiburger, so wie sie sind und will sie nicht verändern". Manche hängen noch zwei, drei weitere Sätze dran. Dann geht es weiter, nächste Frage.

Sie haben nicht viel Zeit, nur drei Minuten für ein unverbindliches Gespräch an den kleinen schwarzen Tischen im Peterhofkeller der Uni Freiburg. Albrecht Vorster ist Biologie-Student und Jungwähler. Er und 39 andere Freiburger treffen hier auf 20 Kommunalpolitiker zum "Politiker-Speed-Dating", organisiert von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Das Ziel: Junge Wähler und Kandidaten sollen sich auf Augenhöhe begegnen, Wähler sollen erleben können, dass Politiker nicht nur um den heißen Brei herumreden.

Zehn Dates hat jeder Wähler mit jeweils einem Abgeordneten, nach jedem einzelnen füllt er eine Karte aus und bewertet die Politiker - nach persönlicher und politischer Sympathie, Glaubwürdigkeit, ob der Kandidat ohne Umschweife antworten konnte und in welcher Form der Wähler ein Wiedersehen wünscht - "in der Kneipe", "in der nächsten Gemeinderatssitzung" oder "nie wieder".

Kritische Fragen im 30-Sekunden-Takt

Altes Gemäuer, dezente Beleuchtung - von der Stimmung her könnte in dem Gewölbekeller durchaus ein richtiges Speed-Dating zur Anbahnung amouröser Abenteuer stattfinden. Doch heute treffen sich die potentiellen Polit-Paare, Wähler und Gewählte, von Angesicht zu Angesicht. Wer das Gegenüber ist, wissen die Wähler nicht - sie kennen weder Namen noch die Partei-Liste ihres Gesprächspartners. Immerhin zehn der elf Wahllisten, die zur Kommunalwahl am 7. Juni antreten, haben je zwei Vertreter zum Dating geschickt.

Albrecht Vorster ist vorbereitet. Der 23-jährige Biologie-Student und U-Asta-Vorsitzende aus Freiburg hat sich einen Spickzettel gemacht, mit Stichworten für oft etwas provokante oder kritische Fragen.

Gegenüber von Albrecht Vorster sitzt ein Mittdreißiger mit langen, zurückgebundenen Haaren - Timothy Simms von den Grünen. Die Uhr läuft noch nicht - also starten sie mit ein wenig Small Talk. Im Keller der Uni bleiben Frager und Politiker weitgehend unter sich, Zuschauer gibt es kaum - wohl auch weil gleichzeitig das UEFA-Pokal-Finale stattfindet. Es ist vor allem ein Wahlkampf-Event für die 60 Beteiligten.

Albert Vorster (r.) beim Speed-Dating mit Johannes Gröger (Freie Wähler)
Daniel Kummetz

Albert Vorster (r.) beim Speed-Dating mit Johannes Gröger (Freie Wähler)

Dann ertönt der Gong, der Countdown wird gestartet und Albrecht legt los. "Studieren und Freiburg - was muss da getan werden?" - "Die Probleme liegen leider nicht auf kommunaler Ebene, sondern größtenteils auf Bundesebene", sagt Simms und will ausholen: "Ich bin ein großer Kritiker des Bologna-Prozesses", weiter kommt er nicht. Albrecht Vorster wird es zu allgemein: "Was ist mit Möglichkeiten, sich zu treffen? Am Augustinerplatz zum Beispiel?" An diesem Studenten-Treffpunkt gibt es Ärger mit den Anwohnern um Ruhezeiten. Simms: "Ich bin für eine liberale Linie, wer in der Stadt wohnt, der muss einen gewissen Lärmpegel aushalten."

Vierzig Sekunden sind um. Neben ihnen laufen Kameras mit, das vermeintlich intime Gespräch wird live ins Internet übertragen. Etwa alle 30 Sekunden prasseln weitere Fragen auf den Kandidaten ein: Was muss sich bei Demos in Freiburg ändern? Was tun, wenn die Stadt noch weniger Geld hat? Welches Projekt würde er am liebsten sofort umsetzen? Die Zeit ist um. Simms wird kurz für den Live-Stream interviewt. Vorster rückt zwei Plätze weiter, bewertet seinen ersten Gesprächspartner und wartet auf seinen nächsten Polit-Flirt.

Wer versagt hat, verschweigt die Landeszentrale

Am Ende ist Simms einer von Albrecht Vorsters Lieblingskandidaten. Er debattiert kaum, nutzt seine knappe Zeit, er fragt Positionen ab, hört sich Argumentationslinien an - eigentlich sind es kritische, zuweilen harte Interviews: Was würden Sie in den ersten 100 Tagen machen, wenn Sie Oberbürgermeister sind? Was spricht gegen Freiburg? Manch andere sind nur mit einem Thema gekommen, ohne Fragenkatalog und mit Lust auf ein lockeres Gespräch.

Die Mehrheit der 40 völlig unrepräsentativen Wähler sieht den Grünen Simms nicht ganz vorne. Dafür gewinnt die andere Kandidatin von den Grünen, Anna Schmid, den Sympathiepreis. Und: Die Wähler würden sie auch gerne in einer Kneipe treffen. Ein Jungpolitiker von der Linken Liste, der 24-jährige Joschka Buttkus, bekommt am meisten Zustimmung für seine politischen Ziele.

Richtig überraschend wird es beim Anti-Schwafel-Award: Der Karrierepolitiker unter den Kommunalkandidaten, der CDU-Bundestagskandidat Daniel Sander, hat am besten ohne Umschweife die Fragen beantwortet. Seinem Parteifreund, dem Polizisten Siegfried Lorek, wird am meisten Authentizität und Glaubwürdigkeit attestiert. Im Gemeinderat wiedersehen wollen die Wähler am meisten Irene Vogel von den Unabhängigen Frauen Freiburg. Wen die Wähler nie wieder sehen wollen, verrät die Landeszentrale nicht.

Biologiestudent Albrecht Vorster ist zufrieden mit seinen Dates an diesem Abend. "Es ist interessant, mit den Leute zu reden, ohne dass man weiß, zu welcher Liste sie gehören", sagt er. "Nach dem Abend heute würde ich mehr Leuten meine Stimmen geben, als ich dachte. Aber am Ende werde ich doch in die Programme schauen."

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