Politjournal "360°" Ein Studentenblatt zieht Kreise

Es begann mit der simplen Idee, die besten Hausarbeiten von Studenten zu veröffentlichen. Inzwischen läuft es rund in der Redaktion von "360°" - das überzeugende Magazin hat auf dem Markt der Uni-Zeitschriften einen Spitzenplatz erobert.

Von Alexander Linden


Blickwinkel 360°: Max Schmittmann, Meike Schmidt und Dominic Schwickert (von links) bei der Arbeit
Alex Linden

Blickwinkel 360°: Max Schmittmann, Meike Schmidt und Dominic Schwickert (von links) bei der Arbeit

Dominic blickt skeptisch auf den Ausdruck - da fehlt noch was. "Er sollte eine Aktentasche tragen, das ist doch ein Lobbyist", sagt er und zeigt auf das Bild vom Mann im Anzug. Max zögert kurz, stimmt dann aber zu. "Das war auch ausschlaggebend für unser neues Titelthema 'Macht'", sagt Dominic und blickt zufrieden auf den Coverentwurf.

Dominic Schwickert, 26, ist Chefredakteur des studentischen Journals "360°", Max Schmittmann der Anzeigenleiter. Wie bei jedem Magazin kommt es auch bei "360°" immer mal wieder zur Machtprobe zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung: Wer setzt sich durch? So entstand die Idee, das Phänomen Macht zum Thema des nun frisch ausgelieferten neuen Heftes zu machen. Die Macht-Ausgabe ist schon die fünfte. Seit 2006 erscheint "360°" zweimal pro Jahr, immer zu Semesterbeginn. Studentenmagazine gibt es viele, "360°" ist jedoch das einzige wissenschaftliche Journal, das eine reine Studenteninitiative veröffentlicht.

Mit einem Traum fing es an: "Mitte 2005 war ich in Santa Barbara im Auslandssemester. Da hab ich gesehen, dass es US-Studenten in Dutzenden von Studentenzeitschriften schon früh publizieren können", erzählt Dominic Schwickert. Der Chefredakteur mit der Wuschelfrisur studiert Politik und Öffentliches Recht in Münster. "Sowas müsste es bei uns doch auch geben, fand ich, habe mich nach meiner Rückkehr mit zwei Kommilitonen zusammengesetzt und in der WG-Küche einen Abend und eine Nacht diskutiert."

Forum für sehr gelungene Hausarbeiten

Hängen blieb schließlich die Absicht, aus den vielen an Unis produzierten Hausarbeiten etwas zu machen. "Das Problem ist ja oft, dass nur der Professor sie liest, also wollten wir ein Forum schaffen, sehr gelungene Arbeiten auch mal Leuten zu präsentieren, die nicht studieren." Auf Hausarbeiten basierende wissenschaftliche Texte sollten journalistisch aufgepeppt veröffentlicht werden. Die Idee lehnten viele Dozenten als zu flüchtig ab. "Aber genau das hat uns bei unserer Ehre gepackt", sagt Dominic und grinst.

Aktuelle Ausgabe: "Wer hat die Macht?"

Aktuelle Ausgabe: "Wer hat die Macht?"

Das Projekt nahm Gestalt an. Einer hatte die Idee, sich stets auf ein einziges Thema zu konzentrieren, das aber aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird - der Name "360°" war geboren. "Klar war, dass es um Hausarbeiten in Artikelform gehen soll", sagt Dominic und trinkt hastig einen Schluck Kaffee. Selber zu schreiben, trauten sich die Studenten nicht recht zu. Und überhaupt: Wer soll das bezahlen?

Ein Professor gab den entscheidenden Tipp: "Gründet einen Verein, beantragt Fördergelder." Dominic lacht: "Boah, es ging Schlag auf Schlag. Wir hatten dann ein Thema, China. Auch Texte waren da. Okay, sie kamen von Kommilitonen und Bekannten, aber der Inhalt stand. Nur einen Grafiker hatten wir nicht."

In ihrer Not wandte sich die Truppe an die Fachhochschule für Design in Münster und fanden einen türkischen Studenten, der uns das Heft layouten wollte. Nur: "Er konnte kein Wort Deutsch", berichtet Dominic, "vier Tage lebten wir quasi mit ihm in einem abgedunkelten Raum und haben Blut und Wasser geschwitzt." Denn der Drucktermin stand, der Traum hätte auch mit einem Schuldenberg von 9000 Euro enden können. Aber in der Nacht vor dem Abgabetermin wurde das "Masterfile" dann doch noch fertig.

"An gesellschaftlichen Debatten teilnehmen"

Der Stress lohnte sich. 2000 Exemplare konnten sie auf Anhieb verkaufen, von da an ging es rasant bergauf. "360°" wurde zum Insidertipp. Immer mehr ehrenamtliche Mitarbeiter halfen, das Journal im ganzen Land bekannt zu machen. So stieß auch Max Schmittmann, 28, dazu. Als Anzeigenakquisiteur schaffte der Münsteraner Sinologiestudent es, Großkunden zu gewinnen.

Mit dem Erfolg wuchs der publizistische Ehrgeiz. In einem wissenschaftlicher Beirat prüfen nun Hochschullehrer die Qualität der Texte, Ressorts sind entstanden, inzwischen gehören 50 Studenten dem gemeinnützigen Verein an und trommeln im ganzen Land für das Blatt.

Das Procedere: Die Redaktion einigt sich auf das Thema, Studenten von überall können dann ihre Haus- und Seminarbeiten einreichen und sie durch den Beirat und das studentische Lektorat prüfen lassen. Geld winkt nicht, nur die Ehre der Veröffentlichung. 40 Texte aus verschiedenen Disziplinen erreichen die Redaktion pro Ausgabe, acht schaffen es nach dem Ausleseprozess ins Heft.

Die Themen wurden vielfältiger: Migration, Europa, nun Macht. Inzwischen ist das Journal außer an Uni-Ständen in großen Städten auch in den Unibuchhandlungen zu erwerben. Es läuft rund, die Initiative ist inzwischen recht bekannt. Und hat von der Uni Münster den Studierendenpreis 2007 für ehrenamtliches Engagement erhalten, immerhin dotiert mit 2500 Euro.

Ein halbes Jahr will Gründer Dominic Schwickert noch dabei sein und sich dann allmählich zurückziehen - "etwas wehmütig wird man da schon". Ziel müsse bleiben, Studenten Raum zu geben, "an gesellschaftlichen Debatten teilnehmen zu können".



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