Nachts in Uni-Städten Auf ein paar Chili-Wodka nach Potsdam

Was passiert in Potsdam, wenn es dunkel wird? Die Straßen sind leer, die Kneipen rar und die Getränke hart. Ein Selbstversuch mit schwankendem Ergebnis.

Extra scharf: Weg mit dem Geohammer
Jan Philip Welchering / UNI SPIEGEL

Extra scharf: Weg mit dem Geohammer


19.45 Uhr:

Die Potsdamer Nacht beginnt in Berlin-Kreuzberg. Dort treffe ich Moritz, einen meiner besten Freunde. Er hat in Potsdam Politikwissenschaft studiert und will mich durch diesen Samstagabend begleiten. Moritz war ein typischer Potsdamer Student: Er hat nämlich immer in Berlin gewohnt, das ja nur gut 30 Kilometer entfernt ist. Fast zwei Drittel aller Potsdamer Kommilitonen machen das so.

20.25 Uhr:

Auf der Fahrt erzählt Moritz, dass er vom Potsdamer Nachtleben eigentlich nie viel mitbekommen habe, er sei praktisch immer in Berlin ausgegangen. Der Dichter Heinrich Laube schrieb schon 1834, Potsdam sei "nur das Komma, das sich an das Wort Berlin angehängt" habe. Daran hat sich bis heute wenig geändert, denke ich. Mit Potsdam verbindet man schöne Schlösser wie Sanssouci, weitläufige Parks und naturbelassene Seen, aber eher kein pulsierendes Nachtleben. Ob es überhaupt Läden für junge Menschen gibt?

"Kuze"-Kneipe: Ein Hort des Widerstands
Jan Philip Welchering / UNI SPIEGEL

"Kuze"-Kneipe: Ein Hort des Widerstands

21.05 Uhr:

Wir erreichen den Potsdamer Hauptbahnhof und laufen ins Zentrum. Es weht ein eisiger Wind, die Stadt wirkt wie ausgestorben. Unsere erste Anlaufstation ist der "Pub à la Pub", eine erstaunlich gut besuchte Kneipe, die im Erdgeschoss eines Studentenwohnheims liegt. Als wir eintreten, verstummen die Gespräche, Augenpaare mustern uns. Warum glotzen die so? Liegt es an den roten Wollmützen, die Moritz und ich heute zufälligerweise beide Dick-und-Doof-mäßig tragen? Wir setzen uns schnell an die Bar und trinken Bier. Aus den Boxen des weinrot gestrichenen Ladens dröhnt "Firestarter", der bald 20 Jahre alte Song von The Prodigy. Wir kommen mit Svenja, Sophie und Tim ins Gespräch, die in Potsdam studieren - und hier sogar leben. Sie erzählen, dass der Pub à la Pub von rund 50 Studenten betrieben wird - ehrenamtlich. In Potsdam gebe es nur wenige Ausgehmöglichkeiten, sagt Svenja. Deshalb nähmen die Studenten ihr Nachtleben selbst in die Hand und veranstalteten zum Beispiel Quizabende oder Mottopartys.

22.15 Uhr:

Wir laufen durch die leer gefegten Straßen der pittoresken Altstadt, vorbei an renovierten Altbauten und dem wiederaufgebauten Stadtschloss, das wirkt, als sei es einer preußischen Playmobil-Welt entsprungen. "Potsdam soll in altem Glanz erstrahlen", sagt Moritz. Deshalb würden Plattenbauten, die an die sozialistische Vergangenheit erinnern, abgerissen. Eine Folge davon seien steigende Mieten, die sich Studenten nicht mehr leisten könnten - noch ein Grund mehr, nach Berlin zu ziehen.

Mehr Schnaps: Drei Geohammer
Jan Philip Welchering / UNI SPIEGEL

Mehr Schnaps: Drei Geohammer

23.00 Uhr:

Ein Hort des Widerstands gegen diese Entwicklung ist die "Kuze-Kneipe". Sie befindet sich im ehemaligen Kesselhaus einer alten Brauerei und ist Teil des Studentischen Kulturzentrums Potsdam. Den verwinkelten Raum durchziehen alte Mauerbögen. Wir trinken Biobier und "Geohammer", einen Chili-Wodka, den uns Till serviert. Er studiert Geowissenschaften und ist Mitglied des Potsdamer AStA, der sich um den Erhalt des Kulturzentrums kümmert. Auch Till bekommt für die Schufterei hinter dem Tresen kein Geld. In den Räumen über der Kneipe werden tagsüber Studenten beraten, etwa zu BAföG oder Mietrecht; es gibt Werkstätten, einen Theaterraum und einen Konzertsaal. Moritz und ich sind beeindruckt von so viel Engagement und bestellen noch drei Geohammer - zwei für uns, einen für Till. Dann wandeln wir leicht wankend weiter.

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00.35 Uhr:

Wir laufen durch die City und passieren Schaufenster, in denen "I love Berlin"-Pullis ausliegen. Dann plötzlich: Menschen! Drei Potsdamerinnen verspotten uns im Vorübergehen als "Rote-Mützen-Fraktion". Na danke! Eigentlich wollen wir noch tanzen, doch in den beiden Studentenklubs der Stadt ist nix los: Im "Nil" ist heute eine Veranstaltung namens "Lesebühne", und im "Waschhaus" läuft ein Theaterstück. Gut, dann bleibt's eben bei einer reinen Kneipentour.

Pizza und Teller kaputt: Nach dem Essen im "Pipasa"
Jan Philip Welchering / UNI SPIEGEL

Pizza und Teller kaputt: Nach dem Essen im "Pipasa"

00.45 Uhr:

Zuvor brauchen wir aber noch eine Stärkung, ab zu "Pipasa". Der Pizzabäcker heißt Ero und arbeitet nicht ehrenamtlich, sondern für echtes Geld. Gerade erzählt er mir, dass es nach null Uhr häufig Probleme mit betrunkenen Gästen gebe, als es hinter uns scheppert. Beim Aufstehen ist Moritz kräftig gegen unseren Tisch gerempelt. Teller und Pizza fallen auf den Boden. Der Geohammer hat seine Wirkung nicht verfehlt, denke ich. "10 Euro!", sagt Ero, schiebt aber gleich hinterher: "Nur Spaß." Wir entschuldigen uns bei ihm und ziehen weiter.

In der "Bar gelb": Ein Absacker geht noch
Jan Philip Welchering / UNI SPIEGEL

In der "Bar gelb": Ein Absacker geht noch

01.15 Uhr:

Wir gehen in die "Olga". An den Wänden der Kneipe hängen Plakate, auf denen "Wir brauchen kein Protzdam!" oder "Bezahlbarer Wohnraum ist die halbe Miete" steht. Dass die Mitglieder des selbst ernannten "Kneipenkollektivs" der Olga ehrenamtlich arbeiten, entlockt uns nur noch ein müdes Lächeln. Ein Mann im Kapuzenpulli monologisiert an der Bar vom "politischen Anspruch", den sie hier hätten: Die Kneipe sei ein Schutzraum vor "Macht und Repression". Frauenfeindliche, homophobe und rassistische Äußerungen seien hier grundsätzlich unerwünscht. Während ich denke, dass das doch eh selbstverständlich sein sollte, sagt Moritz leise: "Schade, dass es hier keinen Schnaps gibt." Denn auch der ist verboten. Dafür wird veganer Apfelkuchen aus Foodsharing-Produkten gereicht. Wir verabschieden uns.

02.10 Uhr:

Auf einen letzten Absacker gehen wir noch in die "Bar Gelb", die sich praktischerweise im Nebenhaus befindet. Wir bestellen Drinks und lauschen noch eine Weile den melancholischen Klängen von Element of Crime. Dann setzen wir unsere roten Mützen auf und laufen zurück zum Bahnhof. Der Zug nach Berlin fährt alle 20 Minuten.



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Tauem 22.02.2016
1. Stan Laurel war doch kein Johnny Depp
"Liegt es an den roten Wollmützen, die Moritz und ich heute zufälligerweise beide Dick-und-Doof-mäßig tragen?" So doof war "Doof" nie. Ich kann mich an keinen Film erinnern, in denen die Beiden diese Deppenmützchen tragen. Aber ich erinnere mich durchaus an die viele Knaben mit Down-Syndrom, zu deren Standardausrüstung das Strickmützchen gehörten. Aus einem mir fremden Beweggrund waren das die Markenzeichen dieser intellektuell eingeschränkten Kinder, die früher schon früher starben. Heute -im Zeichen der Fortschritte der Medizin- wandeln recht viele davon noch im Erwachsenenalter durch die Strassen. Was die Theorie von Sarrazin bestätigt, dass diese Gesellschaft verdeppt.
KalleKainmacher 22.02.2016
2.
Fehler Nr. 1: Ich frag einen Berliner, ob er mir das Potsdamer Nachtleben zeigt. Fehler Nr. 2: Ich gehe ins Pub. Fehler Nr. 3: Ich nehme die linke Szene nicht ernst. Für mich ist die Welt ein wunderbarer, offener, und toleranter Ort. Fehler Nr. 4: Ich will den ganzen Abend so schnell wie möglich raus aus Potsdam.
killbert 22.02.2016
3. @KalleKainmacher
Fehler 1, 3 & 4 unterschreibe ich sofort. Aber Punkt 2? Zählt eine Studentenkneipe wie das Pub à la Pub nicht als Teil des Potsdamer Nachtlebens?
spon_3190480 22.02.2016
4. Potsdam 30km von Berlin entfernt?
Also die Idee dass Potsdam 30km von Berlin entfernt sei lässt schon tief blicken. 30km von Kreuzberg vielleicht, ganz gewiss aber nicht von Berlin, den das ist genau null Meter von Potsdam entfernt - es grenzt ja direkt dran. Ist immer wieder schön zu sehen in welcher Blase manche Zugereiste so leben.
sebastian.teichert 22.02.2016
5. Ohhh man
ein Armutszeugnis für eine Stadt die eine Uni zu haben scheint.
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© UNI SPIEGEL 1/2016
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