Privatuni Witten/Herdecke Studenten sollen Finanzloch stopfen

Die Universität Witten/Herdecke kommt aus den Finanznöten nicht heraus, sie will die Studiengebühren drastisch erhöhen. Bislang waren die Wittener Studenten selbst für ihr Gebühren-Modell verantwortlich - jetzt hat das Präsidium die Zusammenarbeit beendet.

Von Britta Mersch


Eine Alternative zum Massen-Studium an staatlichen Unis schaffen - mit diesem Ziel wurde die Universität Witten/Herdecke vor mehr als zwanzig Jahren gegründet. Studenten und Professoren sollten ein besonderes Verhältnis zueinander haben. Mit Chip-Karten können die Studenten Tag und Nacht in die Bibliothek, ohne kontrolliert zu werden. Auch in Finanzfragen durften sie bisher mitentscheiden. Die Studenten selbst hatten ein Studiengebühren-Modell entwickelt, das allen Interessenten ein Studium an der Uni ermöglichen sollte.

Uni Witten/Herdecke: Das Studium könnte bald um einiges teurer werdehn

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Die Nachwuchs-Akademiker gründeten dafür 1995 die StudierendenGesellschaft Witten/Herdecke (SG) - einen studentischen Verein, der für die Erhebung von Studiengebühren verantwortlich war. An der privaten Hochschule galt der sogenannte "umgekehrte Generationenvertrag".

"Ein sozial verträgliches Modell", sagt SG-Vorstandsmitglied Daniel von Gaertner SPIEGEL ONLINE. Die Studenten mussten das Geld nicht sofort zahlen, wenn sie während des Studiums nicht flüssig waren. Sie überwiesen stattdessen nach dem Berufseintritt einen Prozentsatz ihres Einkommens. Die genauen Beträge unterscheiden sich je nach Fachrichtung: Mediziner brachten etwa zehn Jahre lang zehn Prozent ihres Einkommens auf, Zahnmediziner zwölf Jahre lang zwölf Prozent. Verdienten Absolventen weniger als 21.000 Euro pro Jahr, wurde auf die nachträgliche Erhebung der Gebühren verzichtet.

Das soziale Bezahlstudium steht vor dem Aus

Das Modell, das jahrelang als Vorbild für ein sozial verträgliches Bezahlstudium gefeiert wurde, steht nun vor dem Aus. In einer E-Mail, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, kündigt Uni-Präsident Birger Priddat den Studenten und Mitarbeitern der Universität an, "die Zusammenarbeit mit der StudierendenGesellschaft in Fragen der Studienbeiträge zu beenden und die Studienbeiträge künftig alleine festzusetzen". Das bedeutet: Das Finanzierungsmodell, der "umgekehrte Generationenvertrag" kann den kommenden Studiengenerationen nicht mehr angeboten werden.

Grund sei die Umsetzung eines "ehrgeizigen Finanzplans für die nächsten fünf Jahre", der im vergangenen Jahr vom ehemaligen Uni-Präsidium mit dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium abgestimmt wurde. Mögliche Finanzierungsquellen lägen in privaten Zuwendungen, staatlichen Fördermitteln - und den Studienbeiträgen der Studenten.

Die Hochschule will einen umfassenden Finanzierungs- und Ausbauplan vorantreiben. Insgesamt sollen die Ressourcen so erhöht werden, dass künftig nicht mehr nur die bisherigen 1100 Studenten an der Uni Platz finden, sondern rund 2900. Der Gesamthaushalt soll um fünf Millionen Euro aufgestockt werden.

Auch die inhaltlichen Konzepte der Studiengänge sollen verbessert werden. "Wir haben einen besonderen Bedarf im Bereich der Medizin", sagt Kai-Uwe Heuer, kaufmännischer Geschäftsführer der Uni Witten/Herdecke. Bereits 2006 hatte der Wissenschaftsrat die Mediziner-Ausbildung an der Hochschule scharf kritisiert.

Studiengebühren sollen Finanzierung retten

Wo es genau hingehen soll, darüber konnte sich das Präsidium mit den Studenten bisher offenbar nicht einigen. Aus einem Brief der StudierendenGesellschaft geht hervor, dass der Finanzplan für das Geschäftsjahr 2011/12 mit Studiengebühren in Höhe von 14,2 Millionen Euro kalkuliert. Aktuell liege der Ertrag bei 2 Millionen Euro. Woher soll das Geld also kommen?

Von den Studenten. Nach Berechnungen der StudierendenGesellschaft müssten angehende Humanmediziner in Zukunft rund 47.000 Euro für ihr Studium investieren, Zahnmediziner sogar 60.000 Euro. Die Kultur- oder Pflegewissenschaften lägen bei rund 25.000 Euro. Zum Vergleich: Bislang kostete ein Studium der Humanmedizin in Witten/Hedecke rund 30.000 Euro, bei den Kulturwissenschaften fielen rund 19.000 Euro an.

Die Verantwortlichen in der Hochschule bestätigen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass das neue Konzept "in diese Richtung geht". Weil die genaue Planung des Modells jedoch noch diskutiert werde, konnte die Uni keine genauen Zahlen nennen. Sie bestätigte aber, dass die Studiengebühren in Zukunft einen größeren Anteil des Gesamtbudgets bilden sollen. Zurzeit liegt das bei 31 Millionen Euro, die Studiengebühren machen davon sieben Prozent aus.

"Kein Geld hatten wir schon immer"

Die Hochschule Witten/Herdecke ist für ihre chronische Finanzknappheit bekannt. Schon nach ihrer Gründung 1982 verkündete der Gründer und damalige Präsident Konrad Schily bei jeder Gelegenheit: "Kein Geld hatten wir schon immer". Erst kürzlich bekam die Hochschule eine enorme Finanzspritze. Das Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group AG spendierte zwölf Millionen Euro.

Die chronische Finanznot war damit nur eingedämmt. "Wir haben mit dem Präsidium seit Monaten über die Erhöhung der Studiengebühren verhandelt", sagt Daniel von Gaertner von der StudierendenGesellschaft. Nach Ansicht der Verantwortlichen ist die Erhöhung der Studiengebühren zurzeit die einzige Möglichkeit, das Finanzloch der Universität zu stopfen: "Viele private Geldgeber haben bereits Gelder angekündigt", sagt Uni-Sprecher Bernd Frye, "die Voraussetzung ist aber, dass die Universität vorher ihre Einnahmen erhöht."

Eine Bedingung, die auch das Land Nordrhein-Westfalen stellt. Das dortige Wissenschaftsministerium möchte mit der Uni Witten/Herdecke eine Rahmenvereinbarung abzuschließen. 4,5 Millionen Euro pro Jahr will das Land zahlen - wenn die Hochschule ein gutes, also: neues Finanzierungskonzept auf die Beine stellt. Die Zahlung soll möglichst bereits in diesem Jahr starten und bis 2010 laufen.

Die kommenden Studentengenerationen in Witten/Herdecke müssen sich auf deutlich höhere Kosten als bisher einstellen. "Diese Entscheidung des Präsidiums kann einen Einfluss auf die Kultur dieser Universität haben", sagt Daniel von Gaertner. Bislang sei das Studium vor allem vom Miteinander von Professoren und Studenten geprägt gewesen. Diese Zeiten sind nun wohl vorbei.



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