Privatuni Witten-Herdecke Wissenschaftsrat legt die Axt an die Medizin

Steht Deutschlands erste und wichtigste Privatuniversität vor dem Aus? Der Wissenschaftsrat will in Witten/Herdecke ausgerechnet das Medizinstudium kappen: Zu unwissenschaftlich soll es sein - dabei gilt die Ärzteausbildung europaweit als vorbildlich und ist das Herzstück der Uni.

Von und Britta Mersch


Uni Witten/Herdecke: Dunkle Wolken verschatten ihre Zukunft
Michael Mutzberg

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"Die Humanmedizin weist erhebliche inhaltliche und strukturelle Schwächen auf", lautet das vernichtende Urteil des Wissenschaftsrats über das Herzstück der Universität Witten/Herdecke, "eine auch nur annähernde Gleichwertigkeit mit anderen universitätsmedizinischen Einrichtungen in diesem Leistungsbereich ist nicht gegeben." Der Wissenschaftsrat fordert eine "grundlegende Neukonzeption" der Medizin in Witten - oder die Einstellung des gesamten Studiengangs.

"Das ist für uns in seiner negativen Tendenz nicht nachvollziehbar", reagierte Uni-Präsident Wolfgang Glatthaar, den die Hiobsbotschaft selbst erst vor zwei Tagen erreichte. Schließlich zeichnet sich die Medizinerausbildung in Witten gerade durch ihre Praxisnähe aus - und die wurde vom Wissenschaftsrat noch vor einigen Jahren ausdrücklich gepriesen. Doch der übte jetzt harte Kritik und drängt auf eine zügige Reform der Medizinfakultät. Der Rat bemängelt unter anderem die fehlende eigene Uni-Klinik, schwache Forschungsleistungen und angebliche zu hohe Durchfallerquoten bei Prüfungen. Die Forderung: Bis zu einer Neukonzeption sollen sich keine neuen Studenten für Humanmedizin einschreiben können.

Der Wissenschaftsrat, getragen von Bund und Ländern, ist das wichtigste Beratungsgremium in der deutschen Hochschullandschaft. Er erstellt Gutachten, die zum Beispiel über die Anschaffung von Großgeräten oder den Bau von Instituten entscheiden. Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates sind für Landesregierungen nicht bindend, haben aber enormen Einfluss.

Studenten treffen früh auf richtige Patienten

Im November 2003 hatte die nordrhein-westfälische Landesregierung den Rat beauftragt, die Universität Witten/Herdecke zu untersuchen. Die Akkreditierung ist auch die Voraussetzung dafür, dass das Land der Universität weiterhin einen jährlichen Zuschuss von 3,2 Millionen Euro überweist. Das entspricht etwa elf Prozent des gesamten Haushaltsbudgets der Hochschule, die sich ansonsten vor allem durch Spenden und Studiengebühren finanziert.

Uni-Gründer Konrad Schily: Lebenswerk bedroht
DPA

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Schon 1996 hatte der Wissenschaftsrat den Wittener Medizinstudiengang erstmals untersucht. Damals lobten die Gutachter das innovative Modell und urteilten sogar, dass "einzelne Ausbildungselemente vermehrt auch an anderen Hochschulen praktiziert werden sollten". Die Medizinerausbildung galt als Vorbild und wurde in den Folgejahren kontinuierlich weiterentwickelt. "Der aktuelle Modellstudiengang ist in jeder Hinsicht besser", sagt Wolfgang Glatthaar, "es ist nicht nachvollziehbar, wieso der erwiesenermaßen jetzt bessere Studiengang nun schlechter eingeschätzt wird als sein Vorvorgänger."

Die private Uni in Witten/Herdecke war 1982 von dem Mediziner Konrad Schily eigens gegründet worden, um eine bessere und praxisnähere Ärzteausbildung zu verwirklichen. Die angehenden Mediziner sollten ihr Alltagswissen nicht mehr in hochspezialisierten Universitätskliniken sammeln, wo sie Krankheiten behandeln, die ein herkömmlicher Hausarzt nur vom Hörensagen kennt. Viel früher als an anderen Universitäten treffen die Studenten auf echte Patienten; die Hochschule setzt zudem auf "Problemorientiertes Lernen" (POL) mit praxisnahen Fallstudien.

Solche Elemente übernahmen auch andere Universitäten nach und nach. Schnell wurde die kleine private Hochschule europaweit bekannt. Im Mittelpunkt des Wittener Studiums stand - und steht auch heute noch - der Patient und die Verbindung exzellenter fachlicher Ausbildung mit kulturwissenschaftlich-künstlerischen Fähigkeiten. "Es geht mir um Persönlichkeitsentwicklung", hat Konrad Schily seine Motivation einmal beschrieben.

"Witten ohne Medizin unvorstellbar"

Für die sonst auf Multiple-Choice-Tests und stures Paukwissen geeichte deutsche Mediziner-Ausbildung mit ihrer Zersplitterung in viele kleine Einzeldisziplinen war das eine absolute Neuerung. Die kleine Uni an der Ruhr galt bald als vorbildlich - nicht nur, weil sie die erste Privatuniversität Deutschlands war, sondern vor allem wegen der interdisziplinären Ansätze im Studium.

Egal, ob die Studenten sich für Medizin, Wirtschaft, Zahnmedizin oder Biochemie einschreiben: Zum Beginn des ersten Semesters wird traditionell erst einmal eine Woche lang das Ruhrgebiet erwandert. Neben den Fachvorlesungen gibt es auch noch ein verpflichtendes "Studium Fundamentale" mit fächerübergreifenden Kursen - Witten hat dafür sogar eine eigene Fakultät. Zudem leistet die Privatuni sich ein Auswahlverfahren, das bundesweit seinesgleichen sucht.

Wittener Studenten: Bestand der Uni steht in Frage

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Doch jetzt steht das ganze Modell auf der Kippe. Zwar hat der Wissenschaftsrat die Universität als Ganzes für drei Jahre akkreditiert und damit ihren Bestand erst einmal gesichert. Aber Wolfgang Glatthaar kann sich "Witten ohne Medizin nicht vorstellen" - schließlich ist sie der größte Fachbereich der Universität: Von den insgesamt 1100 Wittener Studenten sind über 300 in der Medizin eingeschrieben, jedes Jahr gibt es rund 40 Studienanfänger.

Die Auflage des Rates, die Medizin zu reformieren, müssen Glatthaar und seine Kollegen möglichst schnell umsetzen. "Wir sind wild entschlossen, diese Schonfrist zu nutzen", sagte Glatthaar SPIEGEL ONLINE, "aber Punkte, die wir nicht einsehen und nicht verstehen, die werden wir nicht angehen."

Große Zweifel äußert der Uni-Präsident an den statistischen Grundlagen des Gutachtens: "Wenn da steht, dass bei uns die Durchfallerquote in der Medizin über 40 Prozent beträgt und sich das ableitet aus einer Prüfung, an der zwei teilgenommen haben und einer durchgefallen ist, dann habe ich schon ein Verständnisproblem." Im Dialog mit dem Wissenschaftsrat und der nordrhein-westfälischen Landesregierung soll die drohende Schließung jetzt abgewendet werden.

An der Uni braucht man starke Nerven

Gute Argumente gibt es genug. Bei der "Studentenspiegel"-Umfrage wurde der jetzt abgewatschte Studiengang wegen der weit überdurchschnittlich engagierten und motivierten Studenten auf den ersten Platz gewählt, und es ist gerade erst ein paar Wochen her, dass das Land Nordrhein-Westfalen die Wittener Modellausbildung zum "Leitprojekt Gesundheitswirtschaft" ernannte. Hinzu kommt, dass die Wittener Studenten bei den staatlich genormten Prüfungen im bundesweiten Vergleich gut mithalten können, obwohl ihre Ausbildung anders aussieht als an den meisten staatlichen Universitäten. Nach Angaben der Uni sind sie in der Humanmedizin sogar besonders erfolgreich.

Ob sich das NRW-Wissenschaftsministerium an die harten Forderungen des Gutachtens hält, nach denen "bis zur Vorlage eines tragfähigen Konzepts keine Neuimmatrikulation für den Studiengang Humanmedizin erfolgen" darf, wird derzeit in Düsseldorf noch diskutiert. Ministeriumssprecher André Zimmermann kündigte eine baldige Erklärung an.

Nun beginnt die Zeit der Diplomatie, der vertraulichen Hintergrundgespräche und der öffentlichkeitswirksam platzierten Interviews. Alle Beteiligten brauchen jetzt starke Nerven - bis feststeht ob sich die Kritiker des Wittener Modells durchgesetzt haben oder ob die Reformuni an der Ruhr Ärzten weiterhin eine etwas andere Ausbildung anbieten darf.



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