Professor als Bücherdieb Wertvolle Werke versteigert und Justiz gefoppt

Jahrelang soll ein Professor antiquarische Bücher an der Universität Bonn geklaut, versteigert und gefälschte Kaufquittungen vorgelegt haben. Jetzt muss er vor Gericht. Bücherklau ist für die Uni-Bibliotheken ohnedies ein großes Problem - ein bisschen Schwund ist dort immer, die Mitarbeiter sind nahezu machtlos.


Wenn die Ermittler richtig liegen, hat der Bonner Fall es in sich: Die Staatsanwaltschaft wirft einem Universitätsprofessor vor, zahlreiche antike Schätze aus der Bibliothek entwendet und in Auktionshäusern zu Geld gemacht zu haben. Den Serien-Diebstahl habe der 49-Jährige trickreich vertuscht - mit gefälschten Quittungen und Belegen, aber auch mit billigen Büchern vom Flohmarkt, die er als Platzhalter in die Regale gestellt habe.

Laut Staatsanwaltschaft hat der Wissenschaftler der Philosophischen Fakultät für die Antiquitäten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert mindestens 18.000 Euro kassiert, als acht Werke im Wert zwischen 200 und 7000 Euro bei einem Auktionshaus versteigert wurden. Die Bibliothek vermisste aber Dutzende weitere Bücher. Den Mitarbeitern fiel auf, dass nur "Placebos" viele Stellen füllten, an denen wertvolle Bücher stehen sollten. Die Universität schöpfte Verdacht gegen den Professor und informierte die Polizei, die 2002 eine Hausdurchsuchung vornahm.

Wie die "Kölnische Rundschau" berichtet, stellten die Ermittler dabei die Originalausgabe "Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" sicher, in der Immanuel Kant sich 1755 mit der Entstehung des Sonnensystems befasste. Dafür soll der Professor eine gefälschte Kaufquittung vorgelegt haben - und erhielt das wertvolle Werk zunächst prompt zurück. Laut Anklage wurde allerdings bald festgestellt, dass die Belege über den rechtmäßigen Erwerb der Bücher nicht echt waren, die angeblichen Vorbesitzer und Buchhandlungen gar nicht existierten.

Dass der Bestand schrumpft, ist kaum zu verhindern

Laut "Bonner General-Anzeiger" hat der Professor, der inzwischen einen Lehrauftrag an der Universität Rostock und weiterhin einen Wohnsitz in Bonn hat, zunächst gestanden, dann aber widerrufen und die Belege präsentiert. Die Vertuschungsaktionen nach dem Diebstahl könnten das Strafmaß deutlich erhöhen, wenn das Gericht die Vorwürfe bestätigt sieht: Angeklagt ist der Professor wegen Betruges und Urkundenfälschung.

Wenn kostbare Bücher verschwinden, blutet dem Bibliothekar das Herz
DPA

Wenn kostbare Bücher verschwinden, blutet dem Bibliothekar das Herz

Diebstähle sind an den Universitätsbibliotheken nicht gerade selten, und oft müssen die Bibliothekare machtlos zusehen, wie ihr Bestand schrumpft. Niemand weiß genau, wie viele Meter Bücher in den unübersichtlichen Uni-Bibliotheken auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Regelmäßige Inventuren sind bei Millionen von Bänden schwierig, elektronische Sicherungssysteme mit Magnetstreifen und Chipkarte inzwischen stärker verbreitet, aber ausgesprochen teuer.

Und so klemmen sich Studenten immer mal wieder ein Buch unter den Pulli - oder schleppen wertvolle Werke gleich in großem Stil ab. Für Aufsehen sorgte zum Beispiel ein Wirtschaftsstudent aus Münster, der für über 25.000 Euro Wälzer aus Bibliotheken in ganz Nordrhein-Westfalen mitgehen ließ, darunter eine komplette Brockhaus-Sammlung. Ähnliche kriminelle Energie zeigte ein Theologiestudent, der in Marburg und Göttingen eingeschrieben war. Zwischen 1993 und 1998 räumte er fast 5000 Bücher aus Bibliotheken in Kassel und Göttingen ab, Gesamtwert: 250.000 Euro. Das Amtsgericht Göttingen verurteilte ihn vor zwei Jahren zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung.

Jetzt oder nie, Kleptomanie

Das ist schon Diebstahl en gros, reicht aber bei weitem nicht an einen spektakulären Fall aus Kopenhagen heran, nämlich den dreistesten Buchdiebstahl des 20. Jahrhunderts. Der Leiter der Orientalischen Abteilung klaute über viele Jahre täglich ein Buch aus der Königlichen Bibliothek von Kopenhagen. Seit 1967 verschwanden regelmäßig Werke von enormem Wert, darunter Kant-Handschriften oder ein Exemplar von "Utopia" von Thomas Morus aus dem Jahr 1517.

Der Bibliothekar lagerte die rund 3000 Bücher im Wert von 40 Millionen Euro im Keller seines Hauses, begann aber erst Anfang der neunziger Jahre allmählich mit dem Verkauf. Als er im Januar 2003 starb, wurden seine Angehörigen leichtsinnig und bald erwischt. Das Ende der Geschichte: Die deutsche Ehefrau, der Sohn, dessen Frau und ein Bekannter wurden zu Haftstrafen zwischen 18 Monaten und drei Jahren verurteilt.

Jochen Leffers



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