Professor suspendiert "Er war so gut wie nicht vorhanden"

Ein Berliner Architekt ist seine Professur in Innsbruck vorerst los. Die Universität wirft ihm laxe Arbeitsmoral vor und hat ihn vorläufig suspendiert, weil er fast nie anzutreffen gewesen sei. "Forschung findet in der Praxis statt", erklärt der Professor seinen Spagat zwischen Hochschule und Architekturbüro.


Seit Monaten schon beschäftigt der Fall von Christoph Langhof die Universität Innsbruck in Österreich. Die Hochschulleitung richtet schwere Vorwürfe an die Adresse ihres Architekturprofessors Christoph Langhof: "Weniger als einen Tag pro Woche verbringt Prof. Langhof durchschnittlich auf der Uni", erklärten Rektor Hans Moser und sein Vize Peter Gröbner gegenüber der "Tiroler Tageszeitung". Das Rektorat hat Langhof vorläufig suspendiert und sein Gehalt einbehalten, der Verwaltungsgerichtshof die vorläufige Suspendierung bestätigt.

Stundenplan für Architekturstudenten: Was ist Pflicht, was Kür?

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Nach Darstellung der Universität hat der Architekturprofessor "seit 1999 keine Diplomarbeit mehr betreut" und Vorlesungen nicht oder nur alle 14 Tage gehalten, obwohl er auf rund 6500 Euro Monatsgehalt komme. "Ich habe schon mehr Zeit in diesem Semester für die Causa Langhof verwendet als er für die Uni", betonte Vizerektor Gröbner.

Langhof indes fühlt sich zu Unrecht "herausgepickt". Er wies die Kritik zurück und bezeichnete sein Architekturbüro in Berlin als Forschung, nicht als Nebenbeschäftigung: "Forschung findet in der Praxis statt. Als Professor muss ich bauen, damit ich in der Lehre etwas zu erzählen habe." Andere Professoren würden das genauso machen, und die Vorlesungen hätten stattgefunden. "Ich werde zum Halsabschneider gestempelt, obwohl ich die Hälfte meines Honorars ohnehin für die Reise zwischen Berlin und Innsbruck ausgebe", so Langhof der Zeitung zufolge.

Was muss, was darf ein Professor?

Lukrative Nebenbeschäftigungen sind auch in Deutschland bei Professoren verbreitet - nicht nur bei Architekten. So betreiben auch Ingenieure nebenher florierende Büros; Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler schreiben emsig Gutachten; Mediziner sind an ihren Privatpatienten nicht selten weit stärker interessiert als am studentischen Fußvolk. Kunst- und Musikhochschulen sind ein spezieller Bereich: Sie versuchen häufig, prominente Namen an Land zu ziehen - und nehmen rege Reisetätigkeit der Professoren in Kauf.

Hochschulen wie Studenten beobachten die Gratwanderung mit einer Mischung aus Wohlwollen und Misstrauen: Einerseits kommen die praktischen Tätigkeiten häufig der Lehre zugute - die Hochschullehrer wissen, wovon sie sprechen, und kennen den Beruf nicht nur aus Büchern. Andererseits kann die Lehre schnell unter die Räder kommen, wenn die Professoren ihre Pflichten zugunsten einträglicher anderer Beschäftigungen vernachlässigen und für die Studenten oder Examenskandidaten nur noch schwer zu erreichen sind.

Die Universität Innsbruck hat sich offenbar entschlossen, ein Zeichen zu setzen. So rechnet Rektor Moser beim Fall Langhof mit einer Signalwirkung: "Das ist ein Präzedenzfall, der klarlegt, wo die Grenzen der akademischen Freiheit sind und wo der Missbrauch beginnt." Bei den Ärzten gebe es ähnliche Probleme, ergänzt Peter Gröbner. An der Uni-Klinik versucht die Hochschule derzeit, Nebenbeschäftigungen einzudämmen. In vier Fällen hat sie bereits ein Verbot verhängt und rechnet mit einigen dutzend weiteren Fällen, die untersucht werden müssten.

Anmerkung der Redaktion: Wie die Universität Innsbruck im Oktober 2003 mitteilte, haben die Hochschule und der Professor den Konflikt einvernehmlich beigelegt. Die Professur wurde halbiert, die Lehre auf zwei Professoren aufgeteilt. Damit werde "gewährleistet, dass die Lehre kontinuierlich und wöchentlich abgehalten wird", heißt es in einer Stellungnahme der Universität.

Jochen Leffers

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