Professoren als Politik-Berater Lasst uns mal machen

Papademos in Griechenland, Monti in Italien: In den krisengeschüttelten Staaten Südeuropas haben Professoren das Ruder übernommen. Sie sollen mit Expertenwissen retten, was Berufspolitiker vergeigt haben. Geologe Reinhard Hüttl fragt in der "duz": Sind Wissenschaftler die besseren Entscheider?

DPA

Sind Wissenschaftler in der Krise die besseren Politiker? Drehen wir die Frage einmal um. Sind Politiker die besseren Wissenschaftler? Kaum. Wissenschaftliche Evidenz lässt sich nicht politisch aushandeln, Wahrheit richtet sich nicht nach Mehrheiten. Der Rollentausch funktioniert nicht - und zwar in keine Richtung. Das Aushandeln und Entscheiden muss in demokratischen Systemen das Primat der Politik bleiben.

Das Primat der Wissenschaft ist der Erkenntnisgewinn - Erkenntnis, die immer falsifizierbar ist. Und doch dürfen wir Wissenschaft und Politik nicht als isolierte Systeme achselzuckend nebeneinander stehen lassen. Zu viele gesellschaftliche Zukunftsfragen haben einen direkten Wissenschaftsbezug. Wir brauchen eine unabhängige wissenschaftliche Politikberatung. In Deutschland entwickelt sie sich vielversprechend.

Dass Denker die geeigneteren Staatslenker sein könnten, vermutete schon Platon. Seine berühmten Philosophenkönige müssen geradezu zur Macht überredet werden. Und das zeichnet sie gegenüber den antiken Politikprofis aus. Es ist eine Ironie, dass nun gerade in Griechenland und Italien Expertenregierungen die Krise abwenden sollen. Mit Loukas Papademos hat ein erfahrener Ökonom die Regierungsgeschäfte übernommen. Das Kabinett unter Mario Monti ist ein Expertenzirkel. Erleben wir eine neue politische Führung, die ihre Entscheidungen anhand rationaler, wissenschaftlicher Kriterien fällt?

Wissenschaft beruht im Kern auf konstruktiver Skepsis

Die Regierungen in Griechenland und Italien sind aus der Währungskrise geboren. Es ist gut, dass dies in Deutschland nicht zur Debatte steht. Wir sind bisher erstaunlich gut durch die wirtschaftlichen Turbulenzen gekommen. Das hat viel mit der Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft und den bei uns (noch) existierenden industriellen Wertschöpfungsketten zu tun. Doch der Ruf nach Experten als Entscheidungsträger, die den parteipolitischen Streit überwinden, bringt uns da so wenig weiter wie die Herabwürdigung des wissenschaftlichen Rats.

Es ist ja nicht lange her, als beim vorletzten Bundestagswahlkampf ein gut reputierter Jurist als "dieser Professor aus Heidelberg" stigmatisiert wurde. Wie unterschiedlich die Legitimationsbasis von Wissenschaft und Politik ist, könnte ich an vielen Beispielen zeigen. Einen Wissenschaftler, der mir fachlich sehr nahe steht, möchte ich herausgreifen: Alfred Wegener. Als erster vertrat er die Theorie der Plattentektonik. Kontinente, die einmal zusammenhingen und über große Entfernungen gewandert sind? Undenkbar! Alfred Wegener erlebte nicht, dass seine Theorie sich durchsetzte. Er fand zunächst keine Mehrheit, und doch lag er richtig.

Wissenschaftler sind keine Politiker, auch wenn sie Politik und Gesellschaft beraten. Umso wichtiger ist es, dass sie ihre Rolle richtig einordnen und eine bestimmte Linie nicht übertreten. Wenn Wissenschaft Teil der politischen Aushandlungsprozesse wird, verliert sie ihre Unabhängigkeit. Wenn sie der Begründung politischer Ziele und Entscheidungen dient, kommt es zu Gefälligkeitsempfehlungen und gefärbten Gutachten. Verfolgt Forschung politische Ziele, lässt das Falsifikation praktisch nicht mehr zu. Wissenschaft beruht im Kern auf Skepsis - Skepsis im konstruktiven Sinne, also im kontinuierlichen Wettbewerb um besseres Wissen. Was wir tun können: wissenschaftlich fundierte Empfehlungen aussprechen und Handlungsoptionen auf dem besten Stand des Wissens ausleuchten.

Es ist eine politische Entscheidung, aus der Kernenergie auszusteigen, aber es gehören Wissenschaft und Technologie dazu, den Ausstieg sicher zu bewältigen. Es ist eine politische Entscheidung, erneuerbare Energien auszubauen, doch ohne Wissenschaft und Technologie werden wir dezentrale und fluktuierende Energiequellen nicht zu einem stabilen System integrieren. Manchmal ist es auch umgekehrt: Es ist eine komplexe wissenschaftliche Aufgabe, die aktuelle Klimadynamik und die Auswirkungen des globalen Wandels in die Zukunft zu extrapolieren. Doch es ist eine politische Aufgabe, über die Gegenmaßnahmen zu entscheiden. Das Entscheidungsprimat liegt stets bei der Politik. Politik und Gesellschaft brauchen aber den Rat der Wissenschaft. Deren Unabhängigkeit darf nicht missverstanden werden als edle Isolation.



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
hhilscher 31.01.2012
1.
Wenn ich immer "Berufspolitiker" höre oder lese. Was soll das denn sein? Jemand der keiner geregelten Arbeit nachgeht, auf Kosten des Staates lebt? Das tun andere auch. Ein Politiker ist ein gewählter Vertreter des Volkes. Der Begriff "Berufspolitiker" unterstellt eine gewisse Profession, die die wenigsten der Volksvertreter mitbringen insofern sollte man deren Tätigkeit nicht dadurch aufwerten, dass man sich mit einem gelernten Beruf gleichsetzt.
hojen 31.01.2012
2. Demokratie
Das ist die Stärke der Demokratie, im Notfall gibt es Fachleute.
martinvc 31.01.2012
3. Trilaterale Kommission und Monti
Zitat von sysopPapademos in Griechenland, Monti in Italien - in den krisengeschüttelten Staaten Südeuropas haben Professoren das Ruder übernommen. Sie sollen mit ihrem Expertenwissen*retten, was Berufspolitiker an die Wand gefahren haben. Sind Wissenschaftler in der Krise die besseren Politiker? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,812418,00.html
Ich wollte hier eigentlich monieren, dass Herr Mario Monti nicht gleichzeitig der Premierminister Italiens sein kann und der Vorsitzende der trilateralen Kommission für Europa. Denn letztere knüpft die Bedingung an, dass man in dem Land wo man lebt kein staatliches Amt besitzen darf. Aber! Heute habe Ich auf der Website erfahren, dass Mario Monti als Vorsitzender zurückgetreten ist: - www.trilateral.org (http://www.trilateral.org/) Ich denke Mario Monti ist der Beste den Italien kriegen kann. Er ist wohl möglich sogar innerhalb Europas der Beste den ein Staat als Premierminister kriegen kann!
smartinus 31.01.2012
4. Politik als Beruf
Zitat von hhilscherWenn ich immer "Berufspolitiker" höre oder lese. Was soll das denn sein? Jemand der keiner geregelten Arbeit nachgeht, auf Kosten des Staates lebt? Das tun andere auch. Ein Politiker ist ein gewählter Vertreter des Volkes. Der Begriff "Berufspolitiker" unterstellt eine gewisse Profession, die die wenigsten der Volksvertreter mitbringen insofern sollte man deren Tätigkeit nicht dadurch aufwerten, dass man sich mit einem gelernten Beruf gleichsetzt.
Vielleicht lesen Sie einfach mal ein Buch, welches zum Klassiker geworden ist: Max Weber: Politik als Beruf. Abgesehen davon war Arroganz noch nie eine Zier.
topdeluxe 31.01.2012
5. Falsche Implikation
Im Artikel wird davon ausgegangen, dass Wissenschaftler besser verstünden wie Wirtschaft funktioniert als Politiker. In der Realität ist es jedoch so, dass bei komplexen Systemen stets Modelle zur Anwendung kommen, um bestimmte Abhängigkeiten beschreiben zu können. Dabei ist jedoch folgendes zu berücksichtigen: 1. Es ist keineswegs gesichert, dass ein Modell auch tatsächlich zutrifft. Gerade wenn man keine beliebigen Versuchsanordnungen zur Testen hat, wie es hier der Fall ist, können Modelle nicht verifiziert werden. 2. Jedes Modell funktioniert (wenn überhaupt) nur innerhalb der Grenzen, die zur Kalibrierung des Modells herangezogen wurden. Extrapolationen gehen meistens daneben. 3. Je Komplexer ein System, desto mehr Einflussfaktor müssen unberücksichtigt bleiben. Die Prädiktivität ist damit zunehmend eingeschränkt. Welches System könnte jedoch komplexer sein als die Wirtschaft, mit ihren lokalen und weltweiten Akteuren, unterschiedlichen Interessen, psychologischen Effekten, usw.. Es mag daher wohl sein, dass Wissenschaftler einen tieferes Verständnis der Zusammenhänge haben als Politiker. Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie die Probleme besser lösen können. De facto sind sie aufgrund der Komplexität des Problems genau so überfordert wie die Politik.
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