Professoren-Fehde in Göttingen "So viel Argwohn und Intrigen habe ich noch nie erlebt"

An der Universität Göttingen tobt ein erbitterter Streit zwischen dem Präsidenten und Politikwissenschaftlern, die um ihre Zukunft bangen. Im Interview spricht Parteienforscher Franz Walter über Wissenskombinate und "Feuilletonpolitologen", Autonomie und Autokratie.


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In Göttingen will die Uni-Leitung die Soziologie zu Lasten der Politologie ausbauen und trifft auf wütende Gegenwehr. Was wäre so skandalös daran, wenn Sie künftig in einem Nachbarfach lehren?

Franz Walter: Der Skandal ist, wie wir vom Präsidiumsplan einfach in Kenntnis gesetzt wurden. Derart weitreichende Veränderungen müssen zu den Forschungsfeldern und Fähigkeiten passen. Aus dem Philosophen kann man nicht über Nacht einen Theologen drechseln oder aus dem Politologen einen Soziologen. Unser Gebiet soll von vier auf zwei Lehrstühle schrumpfen, einen didaktischen und einen fachwissenschaftlichen. Kommt es so, werden wir ausbluten und einen Exodus erleben. Dann bliebe als Hauptaufgabe die Lehrerbildung mit dünnem Themenspektrum, auf gehobenem Volkshochschul-Niveau.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für die Forschung so wesentlich, unter welchem Dach Sie arbeiten?

Walter: Für einen alten Humboldtianer wie mich, der noch an die Symbiose von Forschung und Lehre glaubt, ist das entscheidend. Bei reiner Lehrerausbildung würde ein bestimmter Typus Göttingen meiden: der an Politik brennend interessierte Student oder Doktorand mit Erkenntnisdrang. Die besten Inspirationen verdanke ich hitzigen Kolloquiumsdebatten, das bräche weg. Zur Austrocknung führt auch die leistungsorientierte Mittelvergabe für Hilfskräfte, Material oder Reisen. Punkte bringt etwa die Zahl der Doktoranden und Habilitanden. Fehlen die im Lehramtsstudium, kann man mit weniger Geld schlechter forschen - ein Teufelskreis.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über die Vorwürfe sprechen, die der Uni-Präsident in Serie abgefeuert hat. Kurt von Figura nennt die Politologie eine "Schwachstelle" mit schlecht vernetzten Einzelforschern. Arbeiten die Professoren zu abgeschottet, krankt es am Teamwork?

Walter: Das ist absurd. Unsere Arbeit findet ein enormes Echo. Überall spricht man von der "Göttinger Schule der Parteienforschung" - nicht wir haben den Begriff geprägt. Peter Lösche und ich haben acht gemeinsame Bücher gemacht und zwei Projekte über die politischen Milieus von links bis rechts. Eines aber ist wahr: Die Fachkulturen in den Geistes- und in den Naturwissenschaften unterscheiden sich grundlegend. Bei uns ist es der Gipfel einer geschlossenen geistigen Leistung, ein Buch zu veröffentlichen, kein "Paper", auch keinen Sammelband. Für Naturwissenschaftler sind gute Laborteams und gemeinsame Publikationen in Fachmagazinen wichtiger. Da müssen beide Seiten hinzulernen.

SPIEGEL ONLINE: Figura hält die Göttinger Politologie für zu klein und konturlos. Daher soll die Soziologie aufblühen, beides könne sich die Hochschule nicht leisten.

Walter: Stärker wahrnehmbar als Lösche, Tibi und Walter sind kaum Politologen in diesem Land. Wegen des klaren Profils sind viele Studenten nach Göttingen gekommen und haben übrigens ganz gute Karten für ihren weiteren Weg - Arbeitgeber wissen, dass man in Göttingen nicht nur im Elfenbeinturm hockt. Unser Seminar ist zu klein? Dann gebietet die Logik einen Ausbau. Genau dazu rät die Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen.


SPIEGEL ONLINE: Auf die WKN beruft sich auch Figura, deutet die Evaluation aber anders: Die Politologen hätten Gutachter-Kritik ignoriert und keinen überzeugenden Entwicklungsplan.

Walter: Die Konzeption für ein neues Forschungsgebiet habe ich bereits im letzten Frühjahr vorgelegt. Das Thema "Parallelgesellschaften" ist eines der wichtigsten der nächsten Jahrzehnte, jedenfalls in den urbanen Zentren, wie die Pariser Brandnächte gezeigt haben. Figura muss einen anderen Evaluationsbericht gelesen haben als ich: Die landesweit besten Kapazitäten sehen die Gutachter in Göttingen.

SPIEGEL ONLINE: Der Uni-Präsident kontert, Gutachten müsse "man lesen wie Personalzeugnisse" - wo sich die Bosheiten stets zwischen den Zeilen verstecken.

Walter: Da verabschiedet sich der akademische Diskurs vollends in den Karneval. Eine Abwicklungsempfehlung gibt der Bericht einfach nicht her. Darum hat sich der Generalsekretär der Kommission von dieser Interpretation mehrfach offen distanziert.

SPIEGEL ONLINE: Mit seinem Wort von den "Feuilletonpolitologen" streut Figura Zweifel an den wissenschaftlichen Leistungen. Sind Sie und Ihre Kollegen in den Medien stark präsent, aber ohne Glanz in der Fachwelt?

Walter: Damit hat er die Wissenschaftler, die seine Studenten ausbilden sollen, öffentlich und ohne Not denunziert. Es ist gerade unsere Stärke, dass wir uns nicht im Büro einmauern, sondern in der öffentlichen Kommunikation und Politikberatung mitwirken - genau das wurde auch bei der Ausschreibung meiner Stelle verlangt. Sobald es eine politische Krise in Berlin gibt, gehen bei mir bis nachmittags 70 Anrufe ein. Als Parteienforscher stehen wir in der Pflicht, unsere Expertise in Politik, Medien, Stiftungen und Verbände zu tragen.

SPIEGEL ONLINE: Überall in Deutschland sterben Studiengänge, werden Fachbereiche zersägt und neu verlötet. Neudeutsch heißt das "Clusterbildung". Muss denn jede Uni alles anbieten?

Walter: Derzeit baut man geradezu Wissenskombinate. Ich halte jede Form von Großsteuerung für falsch. Eine Erfahrung aus der Implosion des Staatssozialismus ist, dass man grundverschiedene Systeme nicht unter die Regie einer vermeintlich rationalen Zentrale stellen darf: in modernen, komplexen Gesellschaften ein Irrweg. Zu meiner Verblüffung verlangt man in der Forschung jetzt Konzepte bis ins Jahr 2025 - selbst die Sowjet-Pläne reichten nur über fünf Jahre. So bindet man auch die nächste Forschergeneration, die vielleicht ganz andere Fragen zwickt. Die Geisteswissenschaften müssen aber sensibel neue Unterströmungen der Gesellschaft erspüren. Sie brauchen Facettenreichtum und Forscherpersönlichkeiten in ihrer ganzen Exzentrik, viele Profile und Nischen, ein bisschen Rivalität. So sieht echter Ideenwettstreit aus. Wer das planiert, riskiert Verarmung. In zehn Jahren wird man mit Kopfschütteln betrachten, was man da angerichtet hat.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Hochschulen haben viele Jahre für mehr Autonomie und gegen staatliche Gängelung gestritten. Wer soll bei Konflikten wie in Göttingen entscheiden - die Universität oder ein Ministerium?

Walter: Eigenverantwortung klingt nach einer feinen Sache. Aber allzu leicht verwechselt man die Autonomie der Wissenschaft mit der Autonomie der Institution. Die Macht der Präsidenten ist enorm gewachsen. Sie können Wichtiges an sich reißen, Gremien übergehen, Fakultäten ohne jeden Dialog vor vollendete Tatsachen stellen, wie wir in Göttingen schmerzhaft erfahren mussten. In Niedersachsen gibt es obendrein Stiftungsräte mit Honoratioren und externen Wissenschaftlern, die niemand wählt oder kontrolliert. Kurz: Die Autonomie kippt sehr schnell zur Autokratie um. Für die Universitäten wird es in den kommenden Jahren lebenswichtig, die Demotivierung nunmehr ohnmächtiger Wissenschaftler zu verhindern. Wenn ein reines Präsidialregime sich als Autonomie verkleidet, dann pfeife ich auf die Autonomie.

SPIEGEL ONLINE: Nach öffentlichem Lob durch Ministerpräsident Christian Wulff fordern Sie praktisches Handeln. Soll etwa ein "gnädiger Landesfürst" qua Machtwort zur Rettung eilen?

Walter: Es geht nicht um die Person Wulff. Meine politische Philosophie ist im Grunde trivial: Sie heißt Balance. Der Rückzug der Politik aus Wirtschaft und Wissenschaft zählt zum Kern neuliberaler Konzeptionen, die bei urliberalen Ideen andocken: "Mit unsichtbarer Hand" regele sich alles bestens. Ich halte nichts vom Nachtwächterstaat. Der demokratische Staat hat klare Aufgaben etwa bei Arbeit, Gesundheit und Bildung. Dafür werden Volksvertreter gewählt, darum sollen sie sich kümmern. Hapert es an Machtbalance, steht der Staat in der Pflicht, Fehler zu korrigieren.

SPIEGEL ONLINE: Also soll das Land der Uni die Entscheidung aus der Hand nehmen?

Walter: Bisher verharrt die Landesregierung in Passivität. Erst recht müsste das Kultusministerium gegen die Göttinger Vernichtungspläne Sturm laufen. Immerhin geht es auch um die Staatsaufgabe der Ausbildung junger Lehrer: Niemand würde einem Arzt oder Juristen vertrauen, der nur eine Richtung studiert hat. Aber ein einziger Fachpolitologe soll die komplexe Ausbildung künftiger Politik- und Sozialkundelehrer übernehmen? Es ist verheerend zu sagen: Egal, für unsere Lehrer reicht's doch. Diese Gefährdung der Substanz kann und darf der Landesregierung nicht gleichgültig sein.

SPIEGEL ONLINE: Falls es zur Verzwergung der Politologie kommt, bleiben Sie dann Göttinger Hochschullehrer?

Walter: Hier wurde viel zerstört. Das Klima ist vergiftet, so viel Argwohn und Intrigen habe ich in meinem Berufsleben noch nie erlebt. Ein Wechsel wäre denkbar, auch ein Ausstieg. Meine Frau würde schlimm mit mir schimpfen, aber ich muss nicht die Pensionierung an der Universität erleben. Man kann auch Kinderbücher oder das eine oder andere Essay schreiben - als "Feuilletonpolitologe", sozusagen.

Das Interview führte Jochen Leffers



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