Professuren Die Denk- und Grübelfächer müssen bluten

Obwohl die Studentenzahl seit 1995 stieg, ist der Dozentenschwund beträchtlich - vor allem in den Geisteswissenschaften: Gut jede zehnte Professur ist perdu. Der Deutsche Hochschulverband fordert "Lehrstühle statt Leerstellen".


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Deutschland 2007, wir schreiben das Jahr der Geisteswissenschaften. Die Gelehrten überall in der Republik sinnieren, wie man ihren Stellenwert in der Wissenschaft verbessern kann. Stellen-Wert? Den Bildungspolitikern sind die Stellen der Denker und Grübler offenbar nicht viel wert: Von 1995 bis 2005 haben die 16 Bundesländer in den Sprach- und Kulturwissenschaften 663 Professorenstellen nicht wiederbesetzt und damit eingespart - ein Rückgang von knapp zwölf Prozent, wie der Deutsche Hochschulverband (DHV) aus Daten des Statistischen Bundesamtes errechnete.

"Angesichts dieser Zahlen brauchen wir im Jahr der Geisteswissenschaften nicht darüber zu streiten, ob es eine wirkliche oder eine gefühlte Krise der Sprach- und Kulturwissenschaften in Deutschland gibt", sagte Bernhard Kempen, Präsident des DHV, der rund 22.000 Uni-Professoren und junge Wissenschaftler vertritt. Die von den Hochschulen geforderte Profilbildung werde zu Lasten der Geisteswissenschaften betrieben. Eine Auszehrung gebe es besonders in der klassischen Philologie und in den Erziehungswissenschaften mit jeweils minus 35 Prozent Professuren in zehn Jahren. Stark bluten mussten auch die Evangelische und Katholische Theologie, wo jede fünfte Stelle verschwand.

Lehre spielt nur eine Nebenrolle

Aber auch in anderen Bereichen sind die Einsparungen massiv. So verloren die Ingenieurwissenschaften in der gleichen Dekade rund 13 Prozent ihrer hauptberuflichen Professoren, die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften 17 Prozent, Mathematik und die Naturwissenschaften vier und die Humanmedizin drei Prozent.

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Dagegen stieg die Zahl der Professuren in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften um knapp sechs und in der Kunstwissenschaft um neun Prozent. Das kleine Orchideenfach Regionalwissenschaften zum Beispiel erlebte einen Boom mit einem Zuwachs um erstaunliche 1250 Prozent - es geht allerdings um lediglich 27 Stellen; 1995 gab es bundesweit gerade zwei Professuren.

Die Zahl der Studenten kletterte von 1995 bis 2005 leicht um 0,5 Prozent. Insgesamt verloren die Universitäten jedoch 1451 Professorenstellen in diesen zehn Jahren, die durch immer neue Sparexperimente der Bundesländer geprägt waren.

Die gleichen Länder träumten dennoch davon, dass ihre Hochschulen in der Champions League der weltbesten Universitäten mitspielen können - und hoffen zum Beispiel auf einen kräftigen Geldregen durch den "Eliteuni"-Wettbewerb. Doch bei den großen bildungspolitischen Initiativen geht es durchweg um lorbeerbekränzte Forschung, stets nur am Rande um die Lehre und die Ausbildung der rund zwei Millionen Studenten.

"Gebt uns die Stellen zurück"

"Eine Qualitätsverbesserung ist ohne spürbare Veränderung des international nicht konkurrenzfähigen Zahlenverhältnisses von 60 Studierenden pro Hochschullehrer nicht möglich. Die Exzellenzinitiative ist gut und nützlich, aber mit immer weniger Professoren kann das Gesamtsystem nicht besser werden", sagte Kempen. Er forderte die Länder auf, den Universitäten die gestrichenen fast 1500 Stellen zurückzugeben - "Lehrstühle statt Leerstellen".

Zudem sollten die Länder mit Einnahmen aus Studiengebühren auch zusätzliche Professorenstellen finanzieren können, sagte Kempen. Das allerdings schließen die Gebührengesetze bisher aus: Die Campusmaut-Euros sollen zwar, so jedenfalls die Theorie, ausschließlich in die Verbesserung der Lehre fließen. Aber dabei geht es um Extra-Angebote; den Grundstock in Lehre und Forschung sollen weiterhin die Länder und nicht die Studenten finanzieren.

Kritiker von Studiengebühren befürchten, dass diese klare Trennung aufweicht und die Länder sich leichter nach und nach aus der Hochschulfinanzierung zurückziehen können, wenn die Gebührenzahler künftig auch Professorenstellen finanzieren.

jol/AP/dpa



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