Erstes Wohnheim für Flüchtlinge und Studenten "Hier herrscht eine große Leichtigkeit"

In München hat ein in Deutschland einzigartiges Integrationsprojekt eröffnet: In einem Wohnheim leben und lernen junge Flüchtlinge mit Studenten zusammen. Wie das funktioniert? Ein Besuch.

Von Kira Brück

Kira Brück

Die weißen Wände noch kahl, das Zimmer fast ohne persönliche Sachen - doch Atiq ist glücklich. Der 18-Jährige lebt mit seinem Bruder seit drei Wochen in einem Wohnheim für junge Flüchtlinge und Studenten in München. Vor eineinhalb Jahren kamen die Brüder nach Deutschland, sie flohen aus Afghanistan. Ihre Eltern und Schwestern sind noch in der Heimat.

Atiq ist einer der ersten Bewohner des Integrationsprojekts, das es so in Deutschland noch nie gegeben hat. Am 15. September eröffnete das Wohnheim im südlichen Münchner Stadtteil Obersendling. 61 junge Flüchtlinge, die unbegleitet nach Deutschland kamen, leben mit 42 Studenten zusammen. Die Studenten zahlen für ein Appartement eine ortsübliche Miete von 380 bis 670 Euro - je nach Größe des Einzelzimmers. Die Flüchtlinge müssen keine Miete zahlen.

Dass das Projekt ausschließlich männliche Flüchtlinge aufnimmt, hat zwei Gründe: Zum einen kommen nach wie vor weitaus mehr unbegleitete Jungen und junge Männer nach Deutschland. Zum anderen ist der Betreuungsbedarf für Mädchen meist viel größer, weil viele auf der Flucht oder im Heimatland sexuelle Gewalt erlebt haben - die Gefahr der Retraumatisierung wäre daher größer, wenn sie kurz nach ihrer Ankunft in gemischten Gruppen wohnten.

Maschinenbauer Nils: "Es bietet sich an, dass ich bei Mathe helfe"
Kira Brück

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Tagsüber gehen die Flüchtlinge zur Schule oder machen eine Ausbildung, abends wird gemeinsam mit den studentischen Mitbewohnern gekocht, Basketball oder Fußball gespielt. Und Hausaufgaben gemacht. "Ich bin im ersten Semester Maschinenbau. Da bietet es sich natürlich an, dass ich bei Mathe helfe", sagt Nils.

Der 21-Jährige ist gerade aus der Nähe von Schweinfurt in das Integrationsprojekt Kistlerhofstraße gezogen. Seine Mutter hatte von einer Freundin erfahren, dass das Wohnheim Studenten mit sozialer Kompetenz aufnimmt. Voraussetzung: Lust, sich in einem solchen Projekt zu engagieren und den Austausch mit anderen Kulturen zu leben.

Nils konnte bei der Bewerbung mit einem sozialen Südafrika-Aufenthalt punkten. Jetzt hilft er bei den Mathe-Hausaufgaben, und er besetzt auch die Pforte oder begleitet zum Arzt. "Die Idee ist, dass sich alle einbringen, Integration durch Zusammenwohnen ist unser Credo. Wenn jemand still und leise vor sich hin studieren möchte, wäre er hier vermutlich falsch", sagt Melanie Contu. Die Sozialpädagogin leitet das Wohnheim.

Frederik Kronthaler und Melanie Contu: "Die Idee ist, dass alle sich einbringen"
Kira Brück

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Contu ist begeistert, wie schnell sich in den vergangenen drei Wochen Freundschaften entwickelt haben. "Hier herrscht eine große Leichtigkeit. In den Gemeinschaftsküchen wird gelacht und gechillt", sagt sie. Anfangs hätten die Betreiber noch viele Aktivitäten geplant, um die Bewohner miteinander bekannt zu machen. Aber das Kennenlernen sei längst ein Selbstläufer. "Mit uns sind die jungen Flüchtlinge ja häufig in einer sozialpädagogischen Blase", sagt Contu. "Wir merken, wie gut ihnen der unbedarfte Austausch mit den Studierenden tut."

Initiator des Projekts Kistlerhofstraße ist Condrobs e.V., einer der größten überkonfessionellen Träger für soziale Hilfsangebote in Bayern. Finanziert wird das Projekt von der Jugendhilfe. Da die Mieteinnahmen der Studenten nur die Kosten für deren Zimmer decken, ist der Verein zusätzlich auf Spenden angewiesen, denn zum Beispiel die Erstausstattung für das Wohnheim kam nicht von der Jugendhilfe. "Allein für die Vorhänge von insgesamt 470 Metern hatten wir Kosten von 32.000 Euro. Und die Möbel für ein Zimmer belaufen sich auf um die 3.000 Euro", sagt Frederik Kronthaler, Geschäftsführer von Condrobs.

Kira Brück

Die Idee zum Wohnheim kam Kronthaler vor etwa zwei Jahren - also lange, bevor das Thema Unterkünfte für Flüchtlinge bei den meisten auf der Agenda stand. "Ich fand, dass es Anschlussmaßnahmen für junge Flüchtlinge geben müsse, die sich in Deutschland bereits zurechtgefunden haben - und die somit keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und keine intensivtherapeutischen Maßnahmen mehr brauchen. Ich dachte an wirkliche Integration: im Stadtteil, in der Schule, durch gemeinsames Wohnen", sagt Kronthaler.

Dem Sozialpädagogen und Psychotherapeuten ist es wichtig, dass die Flüchtlinge immer einen Ansprechpartner haben, wenn es Probleme mit der Schule, mit Freunden oder der ersten großen Liebe gibt. Jede Gruppe wird deshalb von pädagogischen Fachkräften betreut. Integration gelingt aus Kronthalers Sicht besonders gut, wenn Menschen, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind, aufeinandertreffen.

"Unsere Bewohner kommen zwar aus unterschiedlichen Ländern, machen aber sehr ähnliche Erfahrungen: Erfolg und Misserfolg bei Prüfungen, Lernstress, Liebeskummer. Ein Student relativiert seine Enttäuschung über eine verlorene Liebe, wenn er sieht, was die Flüchtlinge erlebt haben. Umgekehrt sieht der Jugendliche aus Afrika, dass sich auch der deutsche Student ganz schön schwer tut, eine Freundin zu finden und sie zu halten." Das fördere den Austausch und das Verständnis füreinander.

  Afghanischer Flüchtling Atiq: "In Deutschland kann ich ohne Angst atmen"
Kira Brück

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Atiq zeigt nicht nur stolz sein Zimmer, er führt auch durch die Küche, wo er jeden Tag nach der Schule mit seinem Bruder kocht. "Am liebsten mag ich es, wenn viele mitessen. Dann reden und lachen wir, so schmeckt es einfach viel besser." Der 18-Jährige spricht sehr gut Deutsch, er besucht die Berufsschule, später möchte er eine Ausbildung in der Logistikbranche machen - und auf jeden Fall in Deutschland bleiben.

"Mir gefällt es hier, ich habe in der Schule und im Fitnessstudio viele Freunde gefunden. Und ich mag das Kulturangebot in München", erzählt Atiq. "Im Deutschen Museum war ich schon drei Mal. Am liebsten würde ich ständig etwas dazulernen." Doch das Wichtigste sagt er zum Schluss: "Ich mag die Sicherheit hier. In Deutschland kann ich ohne Angst atmen."

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